Experten raten, das Hörgerät zwölf Wochen lang zwölf Stunden pro Tag zu tragen– so lange brauche das Gehirn, bis sich wieder ein gutes Hören einstellt.

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Beethoven ist gerade mal 28 Jahre alt, als er zunehmend schwerer hört. "Mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer geworden", schreibt der Komponist 1801 seinem Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler.

Da ist er schon auf dem Weg in die Vereinsamung. "Ich bringe mein Leben elend zu, seit zwei Jahren fast meide ich alle Gesellschaften." Er schämt sich für seine Taubheit. Im Theater muss er ganz dicht am Orchester sitzen, hohe Töne von Instrumenten und Singstimmen vernimmt er fast gar nicht mehr. Normalen Gespräche kann er bald nicht mehr folgen. "Ich habe schon oft den Schöpfer und mein Dasein verflucht."

Zwar fertigte der Wiener Erfinder Johann Mälzel 1813 mehrere Hörrohre für Beethoven an, doch die halfen nicht – wenn er sie denn überhaupt in der Öffentlichkeit benutzte. "Im 19. Jahrhundert galten Taube als dumm, Hörrohre wurden nur heimlich verwendet", sagt Wolfgang Gstöttner von der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten am Universitätsklinikum Wien.

Auch heute noch gilt eine Hörhilfe ungerechtfertigterweise als Zeichen für Leistungsschwäche. "Schließlich gehört schlechteres Hören genauso zum Älterwerden dazu wie schlechteres Sehen oder Falten."

Falsche Scham

Jeder dritte Österreicher über 65 Jahre hat eine Hörbeeinträchtigung, die behandelt werden sollte. Aber nur 20 Prozent davon tragen eine Hörhilfe. Und selbst wer sich für ein Hörgerät entscheidet, tut dies erst spät. Betroffene warten im Schnitt sieben bis zehn Jahre, bis sie sich Hilfe holen.

"Das ist viel zu lange", sagt Patrick Zorowka, Direktor der Universitätsklinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen Innsbruck. Denn neben dem Gehör spielt auch das Gehirn im Hörprozess eine wichtige Rolle. Werden Hirnzellen länger nicht beansprucht, bilden sie sich zurück. "Je früher Betroffene also Hilfe suchen, desto weniger haben diese Abbauprozesse im Gehirn bereits stattgefunden."

Mit der Zeit verlernt das Hörsystem, auch leise und hohe Töne zu verarbeiten, und kann dann die akustischen Eindrücke, die mit dem Hörgerät verstärkt werden, nicht mehr richtig analysieren. Das enttäuscht und überfordert viele Betroffene, und die Geräte landen schnell in der Schublade.

Aber nicht nur Scham verlängert die Zeit bis zur Hilfesuche. "Meist entwickelt sich der Hörverlust schleichend, der Betroffene merkt erst nichts davon", sagt Jutta Schneeberger vom Österreichischen Schwerhörigenbund in Wien, selbst Hörgeräteträgerin. Die Ursache werde dann gerne beim "nuschelnden" Gesprächspartner oder der lauten Umgebung gesucht.

Unsicherheit im Alltag

Zuwarten ist noch aus anderen Gründen schlecht, denn durch das abnehmende Gehör steigen die Unsicherheit im Alltag und Verkehr sowie, so Langzeitstudien, das Risiko für eine Altersdemenz und Depressionen, weil soziale Kontakte abnehmen. Besonders Alleinstehende ziehen sich in die Isolation zurück, weil sie sich nur schwer verständigen können.

Betroffene warten meist zu lange, ehe sie einen Hörtest machen.
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Die Studien zeigen aber auch: Diese Entwicklung ist umkehrbar. "Besser hören heißt wieder besser teilnehmen zu können, selbstständiger und sozial integriert zu sein, und bedeutet eine höhere Lebensqualität für ein gesundes Altern", sagt Gstöttner.

In Nachbefragungen geben zwei Drittel der Hörgeräteträger an, dass sie sich in der Retrospektive früher um eine Hörhilfe hätten kümmern sollen, 90 Prozent der Befragten sagen denn auch, dass sich ihre Lebensqualität dank Hörgerät verbessert habe.

Schallverstärker

Das Hörgerät verstärkt den Schall und reizt dadurch die gealterten oder durch Lärm teilweise zerstörten Haarsinneszellen, die auf einen niedrigeren Schallpegel nicht mehr ansprechen. In erster Linie werden dabei die für das Verstehen von Sprache wichtigen Frequenzen verstärkt.

Dafür braucht es aber nicht das "High-End-System" unter den Hörgeräten. "Schon für den Zuschuss der Versicherungsträger gibt es gute Geräte aus der Grundversorgung, mit denen jede Alltagssituation akustisch gut bewältigt werden kann", sagt Zorowka. Dabei solle man beim Hörakustiker unbedingt mehrere Geräte ausprobieren. "Jeder Hersteller nutzt zur digitalen Tonverarbeitung andere Algorithmen, da muss man sich erst mal reinhören, welche für das eigene Empfinden das Beste ist."

Ältere Menschen haben eher Einzelgespräche in ruhiger Umgebung zu meistern. Für sie reicht häufig ein Standardgerät, das sie gut bedienen und wo sie die Batterien wechseln können. Es empfängt auch die in immer mehr Kinos, Theatern und Kirchen von Höranlagen direkt und damit sehr verständlich auf das Hörgerät übertragene Sprache. Auch telefonieren und fernsehen wird durch Kopplung mit dem Hörgerät wieder verständlicher.

Wer dagegen häufig mit vielen Menschen kommuniziert, zum Beispiel in Sitzungen, viel telefoniert oder Musik vom Handy aufs Hörgerät geliefert bekommen will, der sollte auf Geräte mit entsprechender Ausstattung zurückgreifen. Situationen, die auch für ein gesundes Gehör schwer verständlich sind, überfordern aber auch diese Hörgeräte.

Die Tragedauer zählt

Ist die Entscheidung gefallen, dann heißt es das Hörgerät möglichst lange über den Tag zu tragen. Nur dann werden die Areale des Gehirns wieder trainiert, die durch die Schwerhörigkeit über Jahre brachlagen. "Im Prinzip ist es wie ein Muskel, der neu wiederaufgebaut und auch danach regelmäßig trainiert werden muss", sagt Zorowka. Allerdings müsse die Erwartungshaltung realistisch bleiben: "Ein Hörgerät kann nicht die altersbedingten Veränderungen komplett zurücknehmen."

Die meisten empfinden zunächst einmal alles lauter, aber nicht unbedingt besser verständlich. Auch muss das Gehirn wieder lernen, Störgeräusche im Alltag wie früher als unbedeutend herauszufiltern. Je länger dem Gehirn Hörsignale fehlten, desto mehr Verbindungen haben sich mit der Zeit zurückgebildet. Experten raten, das Hörgerät zwölf Wochen lang zwölf Stunden pro Tag zu tragen– so lange brauche das Gehirn, bis sich wieder ein gutes Hören einstellt.

Begleitend empfiehlt Zorowka, ein Hörtraining- und Lippenlesekurs zu belegen, wo sich Betroffene in Gruppen austauschen. Gewisse Laute sind auch mit einem Hörgerät nicht ganz so klar unterscheidbar – da profitiert zusätzlich, wer das Lippenlesen beherrscht. (Andreas Grote, 3.3.2021)