Tom Ford lieferte vor einem Jahr das Equipment für den Red Carpet: gefiederte Ohrringe, samtene Blazer und Paillettenröcke.

Foto: AP / Invision / Chris Pizzello

Sogar Tom Ford hat die Nase voll. Monatelang habe er dieselbe dreckige, zerrissene Jeans und das gleiche Jeanshemd getragen, erklärte der Modedesigner unlängst der New York Times, sogar seine Show musste wegen eines Covid-19-Falls im Team verschoben werden: "Sobald wir raus können, wollen wir uns in Schale werfen", ging es dem Designer wie ein Stoßseufzer über die Lippen.

Das ist verständlich. Tom Ford hat ein berufliches Interesse daran, dass die Party weitergeht. Unter normalen Umständen zieht er Hollywood für den Red Carpet an. Der 59-jährige Designer, der ab und zu auch Filme dreht, war abonniert auf die Bedürfnisse der Stars.

Erst vor einem Jahr verlegte er seine Modenschau von New York in die Milk Studios von Los Angeles: Die Präsentation nutzten Prominente wie Demi Moore und René Zellweger, um sich im Blitzlichtgewitter der Front Row für die Oscars aufzuwärmen. Tom Ford lieferte das Equipment für den Red Carpet: gefiederte Ohrringe, samtene Blazer und Paillettenröcke. "Ein glanzvoller Start in die Roaring Twenties", raunte die deutsche Vogue damals.

Lockdown-Marathon

Es kam dann doch alles anders. Auf das Virus folgte ein Lockdown-Marathon. Das Leben all jener, die sich das leisten konnten, verlagerte sich in die vier Wände. Die Jogginghose und der Pyjama wurden zur Arbeitsuniform der Privilegierten, die im Homeoffice ihren Job verrichteten. Statt auf dem Red Carpet posierten Prominente wie Gwyneth Paltrow plötzlich in Sweatern und Wollstrümpfen auf Instagram.

Die Lust an der Mode schien vergangen. Statt dessen wurde in Wandfarben, Sofas und die Aufrüstung des heimischen Arbeitsplatzes investiert. Knapp ein Jahr später wünscht sich Tom Ford nicht nur das Modenschau- Erlebnis ("Shows funktionieren wie die Oscars in L.A."), sondern auch den Glamour zurück.

Damit steht er nicht allein da. Die Trendforscherin Lidewij Edelkoort glaubt mit dem Ende der Pandemie an die Fortsetzung der "Roaring Twenties" des 21. Jahrhunderts: Das Leben zu feiern werde wichtig, sobald das wieder möglich sei, orakelte sie im vergangenen Jahr.

Designer Raf Simons gab in der belgischen Zeitung De Morgen zu Protokoll, dass der Pandemie möglicherweise ein modisch exaltiertes Jahrzehnt folge – wenn auch nicht mit Bubikopf und Zigarettenspitze wie vor hundert Jahren. Wie zum Beweis zeigte er Ende Februar gemeinsam mit Miuccia Prada eine Herbstkollektion, die mit ihren Paillettenkleidern und -Mänteln als postpandemische Ausgehuniform für Ausschweifungen aller Art taugen würde.

Prada-Look für die kommende Herbstsaison.
Foto: REUTERS/Prada

Optimismus zum Anziehen

Die gebeutelte Branche, sie demonstriert Optimismus, was bleibt ihr auch anderes übrig? Die Frühjahrskollektionen der internationalen Modehäuser setzen auf fließende Kleider (Alberta Ferretti, Dior, Valentino), auf Pailletten (Louis Vuitton, Balmain, Paco Rabanne), nachhaltige Strandkleider (Gabriela Hearst), selbst in London ansässige, vom Brexit betroffene Designer wie Molly Goddard oder Roksanda Ilinčić halten an Tüllkaskaden und Seidenkleidern fest.

Und Kim Jones, der bestens vernetzte neue Superdesigner des Luxusmodekonzerns LVMH? Für sein Couture-Debüt bei Fendi steckte er Kate Moss und Tochter Lila Grace in bodenlange, mit Perlen besetzte Roben. Wenn das große Aufmascherln kein Zeichen ist! Auch die zuletzt um Ernsthaftigkeit bemühten, von Budgetkürzungen betroffenen Modezeitschriften haben genug von den Corona-Heldinnen, den Ärztinnen und Krankenschwestern, die sie zuletzt in ihren weißen Kitteln hochleben ließen.

Stattdessen erscheinen nun wieder altbekannte Gesichter auf den Magazintiteln. In der März-Ausgabe der britischen Vogue: Angelina Jolie, aufgenommen in ihrem sonnendurchfluteten Garten im Stadtteil Los Feliz in Los Angeles. Die Schauspielerin trägt einen Bleistiftrock und High Heels, die Lippen sind perfekt geschminkt – von Krise keine Spur.

Auch die amerikanische Vogue setzt nach der viel diskutierten Ausgabe mit Kamala Harris auf klassischen Glamour: Neo-Mama Gigi Hadid zelebriert auf dem Cover in einem Kleid von Prada die Rückkehr ins Business.

Fehlende Perspektive

Die Umsatzeinbrüche wegzulächeln fällt den Luxuskonzernen naturgemäß leichter als den vielen Kleinunternehmen: Während bei LVMH der Gewinn 2020 Corona-bedingt um mehr als ein Drittel zurückging, stieg bereits im letzten Quartal des Jahres die Nachfrage nach Mode und Lederwaren, Asien und den USA sei Dank.

"Wenn du als Unternehmen heutzutage einen Euro übrig hast, gibst du ihn in China aus", erklärte unlängst Gildo Zegna, CEO des italienischen Modeunternehmens. Und beim Online-Luxusmodehändler Mytheresa kletterten die Erlöse von Oktober bis Dezember überhaupt um ein Drittel auf knapp 159 Millionen Euro.

Während in Wien nach Wiedereröffnung des Handels vor den internationalen Fast-Fashion-Ketten bereits Schlange gestanden wird, sieht die Sache für viele heimische Modeunternehmen anders aus – noch dazu, wenn Anlassmode im Spiel ist: Die Designerin Michel Mayer, seit 25 Jahren entwirft sie bodenlange Kleider für den Opernball und die roten Teppiche der Stadt, spürt bislang wenig von der wiedererwachten Lust auf "große Kleider".

Wie auch, wenn bis jetzt nicht klar ist, wann der nächste Teppich ausgerollt, das nächste Fest gefeiert wird? Vereinzelt kämen Kundinnen, um sich mit der Sommerkollektion oder für Hochzeiten im Herbst auszustatten. Die Abendgarderobe? Bislang kein Thema: "Die fehlende Perspektive bremst die Kauffreude", erklärt die Unternehmerin. Die Goldenen Zwanziger, sie lassen noch auf sich warten. (Anne Feldkamp, RONDO, 14.3.2021)