Viele Uiguren sind in den vergangenen Jahren in die Türkei geflohen. Dort finden immer wieder Proteste gegen die KP-Strategie statt.

Foto: AP/Omer Kuscu

Seit 2019 ist bekannt, dass Peking in seiner Westprovinz Xinjiang bis zu 1,5 Millionen Menschen in Konzentrationslagern inhaftiert. Nun belegt ein Bericht, dass die Lager, die Peking "Ausbildungszentren" nennt, nur ein Teil der Strategie sind, mit der die kommunistische Partei die Provinz umgestalten will.

Der "Nankai Report" beschreibt, wie hunderttausende uigurische Arbeiter in süd- und ostchinesische Fabriken entsandt werden. Die Verschickung erfüllt die Definition von Zwangsarbeit. Das Programm soll schon einige Jahre länger laufen als die Umerziehungslager. Rund 220.000 Uiguren sollen zudem dauerhaft in Südchina zwangsangesiedelt werden, während gleichzeitig 30.000 Han-Chinesen in den Süden der Provinz Xinjiang ziehen sollen. Damit will Peking die demografische Struktur der Provinz nachhaltig verändern.

Allein in der Präfektur Hotan wurden 250.000 Männer und Frauen im arbeitsfähigen Alter verschickt – ein Fünftel der Erwerbstätigen. Die Arbeiter leben und arbeiten in Gruppen von 50 Personen zusammen und werden Tag und Nacht von Kadern überwacht und indoktriniert. In manchen Fabriken ist es ihnen auch in der Freizeit nicht erlaubt, das Gelände zu verlassen.

Versehentlich veröffentlicht

Der Bericht wurde 2018 von Forschern der Nankai-Universität angefertigt und im Dezember 2019 versehentlich auf Chinesisch veröffentlicht. Darin schreiben die Autoren, das System "sei eine wichtige Methode, um die uigurischen Minderheiten zu beeinflussen und zu assimilieren", es würde eine "Transformation des Denkens bewirken". Bevor der Bericht aber wieder gelöscht wurde, sicherte jemand die Version.

Veröffentlicht hat den Bericht nun der Aktivist Adrian Zenz, der auch 2019 maßgeblich an den "China Cables" beteiligt war. Das "Leak" belegte damals die Existenz eines Lagersystems, in dem Uiguren und Kasachen "umerzogen" werden sollen. Gerüchte darüber hatten schon länger existiert: Überlebende der Lager berichten von Gehirnwäsche, Folter, Zwangssterilisierungen und sogar organisierten Massenvergewaltigungen.

Peking dementiert wie immer

Peking bezeichnet die Berichte als Propaganda und verweist darauf, dass man den Lebensstandard in der Provinz in den vergangenen Jahren angehoben habe. Doch selbst Videos des chinesischen Staatsfernsehens belegen, wie Druck auf Uiguren ausgeübt wird. Kader besuchen Dörfer und werben für Jobs. Werden die Quoten nicht durch Freiwillige erfüllt, wird zum Teil massiver Druck auf junge Leute ausgeübt.

Die an Zentralasien grenzende Provinz gehört seit Mitte des 18. Jahrhunderts zu China und ist die Heimat des muslimischen Turkvolkes der Uiguren. Bis zur Machtergreifung der kommunistischen Partei 1949 lebten diese weitgehend autonom. In den Fünfzigerjahren aber begann Peking aktiv, Han-Chinesen in der Provinz anzusiedeln. In vielen Teilen des Landes sind die Uiguren mittlerweile zur Minderheit geworden. Nachdem es 2010 zu einem gewaltsamen Aufstand gekommen war, begann eine aggressivere Politik: Religion soll aus dem Alltag verbannt, die uigurische Kultur ausgerottet werden. (Philipp Mattheis aus Schanghai, 4.3.2021)