Kurzzeitig war der Skinny Skyscraper an der Adresse 432 Park Avenue (Bildmitte) der höchste Wohnturm der Welt. Kritiker sahen in der Gebäudeform aber auch einen gestreckten Mittelfinger.

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Entlang der "Billionaire’s Row" in New York begannen vor einigen Jahren schlanke Wolkenkratzer in die Höhe zu wachsen. Die "Skinny Skyscrapers" sorgten für Schlagzeilen, weil sie die Skyline veränderten – und Rekordpreise erzielten. Der 426 Meter hohe Turm an der 432 Park Avenue ist einer davon. Vergangenen Sommer war hier eine mehr als 700 Quadratmeter große Wohnung im 82. Stockwerk um 90 Millionen Dollar zu haben.

Allerdings, berichtete die New York Times, ist in dem Luxusturm nicht alles eitel Wonne. Es gebe Beschwerden über laute Geräusche, die das Haus macht, sowie Wasserschäden. Auch die Aufzüge dürften bei starkem Wind mitunter den Geist aufgeben. Die Entwickler versuchen, die Wogen zu glätten.

Hochhaus als Maschine

Den Statiker Martin Haferl, der etwa bei der Planung der Triiiple-Türme und des DC Towers in Wien beteiligt war, überraschen die Berichte nicht. "Viele glauben, ein Hochhaus ist ein höheres Haus", sagt er, "aber ein Hochhaus ist eine Maschine." Die genannten Probleme seien Themen in jedem Turm. Daher müssten Tragstruktur, Haustechnik und Fassade in der Planung perfekt aufeinander abgestimmt werden. So weiß man lange vor dem Spatenstich, wie sich das Gebäude verformen wird. Ein Hochhaus senkt sich, Stützen stauchen sich, Decken biegen sich durch. Das wird vorab berechnet. Die große Kunst ist, so zu bauen, dass am Ende doch alles gerade ist.

Bei sehr schlanken Türmen komme erschwerend die Gebäudeform hinzu. So schwingt ein schlankes Gebäude stärker im Wind und verformt sich dabei. Ein Fünfhundertstel der Höhe ist normal, so Haferl. Das heißt: Ein 500 Meter hoher Turm schwingt einen Meter. Diese Verformung kann für Lifte in einem schlanken Gebäude schwierig sein, wenn die Schächte nicht entsprechend dimensioniert sind. Durch Luft, die in so einem hohen Liftschacht von der Aufzugskabine nach oben gedrückt wird, können außerdem Pfeifgeräusche entstehen.

Pfeifende Fassaden

Geräusche können in Türmen aber auch eine andere Ursache haben. Solche Themen kennt Haferl zum Beispiel von Konstruktionen aus Stahl: Die Stahlverbindungen werden geschraubt, das Schraubenloch ist dabei ein wenig größer. "Normalerweise ist das kein Thema. Aber wenn sich das Gebäude bewegt, rutscht die Schraube bei extremen Belastungen hin und her und macht Geräusche." Auch pfeifende Fassaden sind theoretisch möglich, wenn der Wind über scharfe Kanten weht. "Das testet man aber vorab am Modell", sagt Haferl.

Nicht zuletzt sei die Haustechnik herausfordernd. "Dass in hunderten Metern Höhe das Wasser aus der Leitung sprudelt, ist ein enormer technischer Aufwand." In hohen Häusern gibt es verschiedene Haustechnik-Stationen auf unterschiedlichen Stockwerken, in die etappenweise raufgepumpt wird, was die Pumpe schafft.

Gebäude der Zukunft

Trotz all der Herausforderungen ist Haferl überzeugt, dass Hochhäuser Gebäude der Zukunft sind: "Das Hochhaus der Zukunft ist nachhaltig konzipiert und raffiniert von der Grundidee, aber mit weniger Eitelkeiten." Denn die machen das Hochhaus so teuer. (zof, 6.3.2021)