Brasilien zählt mehr Rinder als Einwohner. Mit ihren Edelteilen erzielt das Land in der EU vergleichsweise hohe Preise, der Rest wird nach Asien vermarktet.

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Sie sind zart, saftig und fettarm. Die Edelteile des Rinds lassen die Herzen von Gourmets wie Köchen gleichermaßen höherschlagen. Kehrt zu Ostern neues Leben in die Gastronomie zurück, steht ein Griss um das Premiumfleisch bevor.

Zwei Monate lang werden Mäster hierzulande aus dem Vollen schöpfen können. Dann werden sich die Lager der Wirte wieder mit billigem Rindfleisch aus Brasilien füllen, das Schiffe containerweise übers Meer karren. So offerieren Händler Filets eines Jungstiers aus Südamerika in der EU mitunter um kaum mehr als 13 Euro das Kilo. Für Fleisch aus Österreich in der gleichen Qualität ist das Zweieinhalbfache hinzulegen.

In Restaurants trägt, für den Gast geschmacklich kaum zu unterscheiden, so manches brasilianische Rind den Namen Pinzgauer, erzählt Werner Habermann, Chef der österreichischen Rinderbörse. "Immer wieder wird hier Schindluder betrieben, weil es merkt ja keiner."

Mitschuld an Vernichtung

Woher das Steak auf dem Teller der Großküchen kommt, hat jedoch weitreichende Folgen. Und das nicht nur für Bauern aus Österreich, deren Markt verzerrt wird. Denn Europas Fleischhandel trägt erhebliche Mitschuld an der irreparablen Naturzerstörung in Lateinamerika. Die Welternährungsorganisation FAO macht die Umwandlung in Weideland für 80 Prozent des Verlusts an Regenwald im Amazonasgebiet verantwortlich.

Eine aktuelle internationale Recherche von Greenpeace deckt auf, wie Farmer im brasilianischen Pantanal im Dienste der Fleischindustrie systematisch illegal Flächen roden. Die Umweltorganisation nahm die Aktivitäten von 15 großen Rindermästern einige Monate lang unter die Lupe. Jeder Einzelne konnte mit verheerenden Bränden in Verbindung gebracht werden, die 2020 ein Drittel des Unesco-Weltkulturerbes vernichteten.

Lebensmittelriesen als Abnehmer

Allein auf Grundstücken der analysierten Viehzüchter gingen innerhalb von vier Monaten 73.053 Hektar des sensiblen Pantanal-Gebiets in Flammen auf. Das entspricht der doppelten Fläche Wiens. Die Abnehmer dieser Farmer sind 14 Fleischverarbeiter. Diese wiederum stehen in Besitz der größten Fleischkonzerne Brasiliens: JBS, Mafrig und Minerva. Alle drei exportierten insgesamt zwischen Jänner 2019 und Oktober 2020 weltweit mehr als eine halbe Million Tonnen Rindfleisch. Acht Prozent davon gingen in die EU. Zu ihren Kunden zählen Greenpeace zufolge Lebensmittelriesen wie Nestlé, McDonald’s und Burger King.

Die Feuer waren offiziellen Angaben zufolge vorwiegend gelegt. Die Brandstifter blieben ungestraft. "Die brasilianische Regierung untergräbt Gesetze, baut Umweltbehörden ab und verschließt ihre Augen vor Zerstörung", sagt Natalie Lehner, Landwirtschaftsexpertin bei Greenpeace, im Gespräch mit dem STANDARD.

Umstrittener Handelspakt

Der größte Hebel, um hier Einhalt zu gebieten, ist aus ihrer Sicht ein effizientes Waldschutzgesetz der EU. Scharfe Kritik übt sie am geplanten Handelspakt EU-Mercosur. Die neue Freihandelszone will Zölle abschaffen und Einfuhren nach Europa erleichtern. Der billige Rindfleischexport aus Mercosur-Staaten in die EU würde sich infolge um ein Drittel auf 299.000 Tonnen erhöhen.

Der Anteil an Steaks aus Brasilien bleibt damit zwar weiter gering. Die Folgen seien dennoch fatal, warnt Lehner. Französische Experten erhoben im Auftrag ihrer Regierung, dass Waldzerstörung in Südamerika aufgrund höherer Fleischimporte jährlich um fünf Prozent zunehme. Maßnahmen, um Mercosur-Staaten für höhere UmweltStandards zu gewinnen, nennt Lehner zahnlos.

Schwerer CO2-Rucksack

Ein Viertel der in der EU konsumierten Edelteile des Rinds stammt aus Mercosur-Märkten, erläutert Habermann. Brasilien erziele dafür in Europa vergleichsweise hohe Preise und vermarkte den Rest nach China. In Österreich finde sich brasilianisches Fleisch zwar nicht im Lebensmittelhandel oder bei der Fastfoodkette McDonald’s, sehr wohl aber in der Gastronomie.

Der CO2-Rucksack des importierten Fleisches übertreffe den des österreichischen ums Siebenfache, "die Abholzung von Regenwald ist darin noch nicht eingerechnet".

Auf der Weide sind Brasiliens Rinder nur als Kälber. Die letzten vier bis fünf Monate ihres Lebens teilen sie mit bis zu 100.000 anderen Rindern in Mastanlagen, sogenannten Feedlots, bei intensiver Fütterung. (Verena Kainrath, 4.3.2021)