Das Material und seine stattliche Statur haben Alexander Bolschunow über 15 Kilometer gebremst.

Foto: Reuters/Kai Pfaffenbach

Auf der Suche nach Gesellschaft beim Gut-Kirschen-Essen fiele die erste Wahl sicher nicht auf Alexander Alexandrowitsch Bolschunow. Nicht einmal die vorletzte Wahl fiele auf ihn, nimmt man die Presse, die der 24-jährige Russe in den vergangenen Wochen hatte.

In nicht wenigen Porträts kommt Bolschunow wie der Ivan Drago des Langlaufs daher, nur ist kaum ein Loipen-Rocky in Sicht, dem 1,85 Meter hohen und 83 Kilogramm schweren Athleten aus dem Dörfchen Podywotje hart an der ukrainischen Grenze in der Oblast Brjansk zumindest bildlich auszuknocken.

Johann Mühlegg

Sündenfall von Lahti

Selbst zugeschlagen, wenn auch glücklicherweise nicht mit nachhaltigem Erfolg, hat Bolschunow im Jänner beim Weltcup in Lahti. Im Sprint um Rang drei in der Staffel sah sich der Schlussläufer von Russland I von Joni Mäki gegen die Bande gedrängt und schlug mit der Faust nach dem Finnen, im Ziel streckte Bolschunow Mäki per Bodycheck zu Boden. Ein ziemlicher Skandal, nach dem selbst die diesbezüglich erprobte sportliche Leitung der Russen nicht umhinkonnte, einmal nicht in der Rolle der verfolgten Unschuld zu schlüpfen.

Jelena Wälbe, die Chefin des russischen Langlaufverbands, bedauerte die Aktion ihres Topläufers, ja die 14-fache Weltmeisterin entschuldigte sich schriftlich bei den Finnen. "Ich sehe ein, dass das nicht richtig war, was ich im Ziel gemacht habe. Es tut mir leid, ich werde das nicht mehr tun", sagte Bolschunow selbst dem norwegischen Rundfunk NRK. Hätte sein Renndress eine Tasche, er hätte darin wohl die Faust geballt. Denn natürlich kommt die Reizbarkeit des Russen der Konkurrenz aus Skandinavien und Finnland entgegen, Bolschunow wird immer wieder gerne angetestet.

Der junge Mann bereitet schließlich den an ihre totale Dominanz gewöhnten Nordmännern mehr und mehr Probleme. Schon in der von Corona nur gegen Ende gestörten Vorsaison gewann er den Gesamt- und Distanzweltcup. Vor ziemlich genau einem Jahr wurde das klassische Massenstartrennen über 50 Kilometer auf dem Holmenkollen ob Oslo zum zweiten Mal en suite seine Beute – vor vier Norwegern.

Skiathlon-Triumph

Ein ähnliches Bild zeigte sich jüngst im Skiathlon der WM in Oberstdorf. Da landeten fünf Norweger hinter Bolschunow auf den Plätzen, nachdem sie über die Strecke von 30 Kilometer kaum einen Meter der Führungsarbeit geleistet hatten.

Nach dem erfolgreichen Zielsprint gegen Simen Hegstad Krüger und Hans Christer Holund brüllte Bolschunow wie der Grizzly nach Erlegung eines Elchs. Einerseits war es sein erstes WM-Gold nach dreimal Olympiasilber 2018 und vier Vizeweltmeistertiteln vor zwei Jahren in Seefeld. Anderseits kann der Mann, der den Gesamtweltcup schon wieder in der Tasche hat, nur schlecht mit Sieglosigkeit umgehen. Dass er nach dem Teamsprint seinen Kollegen Gleb Retiwych nicht gleich beglückwünschte, nachdem dieser als Dritter ins Ziel gekommen war, sorgte am vergangenen Sonntag für mehr als hochgezogene Augenbrauen. Andererseits hatte Bolschunow das Feld angeführt, ehe er Retiwych in die finale Runde schickte. So wurde Bronze dem Empfinden der russischen Nummer eins nach zur Niederlage. Bolschunow begründete sein schnelles Verschwinden aus dem Zielraum mit seiner Enttäuschung.

Auch am Mittwoch war er nach seinen 15 Kilometern Skating schnell von der Bildfläche verschwunden. Rang vier hinter den Norwegern Holund, Krüger und Harald Östberg Amundsen war für den Favoriten fast eine Demütigung.

Retiwychs Demütigung war auch dem System der Trainingsgruppen im russischen Langlauf geschuldet, das wiederum auch aus der Größe des Landes resultiert. Bei Großereignissen sehen sich die Athleten eher als Konkurrenten, das kann fruchtbar, aber fürs Zwischenmenschliche auch furchtbar sein.

Vaters Faust

Bolschunows erster Trainer war der ehrgeizige Vater, selber ein passionierter Sportler. Der fand die Attacke seines Sohnes gegen Mäki in Lahti übrigens durchaus gerechtfertigt, ja "vielleicht hätte ich noch härter geschlagen", sagte Alexander Iwanowitsch Bolschunow. Der Weltverband Fis hat seinen Sohn für zwei Rennen auf Bewährung gesperrt, dessen Betreuung interpretierte das als Versuch, den Sportler vor der WM zu verunsichern.

Diese Betreuung ist vielleicht die einzige Achillesferse Bolschunows. Als sein Entdecker gilt schließlich Juri Borodawko, der die Generation vor dem neuen Superstar an die Spitze führte und nach und nach wie etwa den Olympiasieger Jewgeni Dementjew im russischen Dopingsumpf verlor – so er ihr nicht selbst den Weg hinein gewiesen hat.

Bolschunow ist jung genug, um nicht zwangsläufig ins System verstrickt zu sein, das Russlands Sport die Ächtung bis hin zum aktuellen Namens-, Flaggen- und Hymnenverbot bei der WM eingetragen hat. Asketischer Lebenswandel und extremer Trainingsfleiß werden ihm nachgesagt. Und eben große Reizbarkeit. Am Sonntag, im klassischen 50er mit Massenstart, wird mit Bolschunow wieder nicht gut Kirschen essen sein. (Sigi Lützow aus Oberstdorf, 4.3.2021)