Fehlender Abstand, finanzielle Sorgen, unsichere Kinderbetreuung: Das kann einer Beziehung ganz schön zu schaffen machen.

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Christian Beer ist Psychotherapeut und Gründer der Gemeinschaftspraxis "Wiener Couch".

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Abschiede sind schwer – aber inmitten einer Pandemie womöglich noch schwerer. Der sichere Hafen fällt weg, die Möglichkeiten, sich abzulenken, sind rar. Jetzt, wo das Leben auf Pause steht, schwebt die Einsamkeit wie ein Damoklesschwert über Trennungswilligen. Gleichzeitig geht es mit der Beziehung weiter bergab. Christian Beer ist Paartherapeut und kennt das Problem. Corona habe ihm einige neue Klientinnen und Klienten beschert. Wir haben ihn gefragt, was er Paaren rät, die es einfach nicht mehr zusammen aushalten.

STANDARD: Bei Beziehungskrisen wirke Corona wie ein Brandbeschleuniger, sagte der Psychiater und Psychotherapeut Michael Musalek unlängst in einem Interview. Stimmen Sie zu?

Beer: Vollkommen. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass viele von uns derzeit auf ihre sogenannten "Bindungsrollen" zurückgeworfen sind. Also auf ihre Rolle als Partner oder Partnerin, als Vater oder Mutter. Durch Lockdown und Co ist es schwerer, unsere sogenannten autonomen Rollen leben zu können. Wir gehen viel seltener raus, treffen uns viel seltener mit Freunden, gehen kaum noch unseren Hobbys nach. Diese Dinge sind aber eine wichtige Ressource, gerade in Krisen. In Arbeitskleidung im Büro fühlen wir uns anders als in Jogginghose im Homeoffice. Autonome Rollen stärken unser Selbstwertgefühl, was wiederum wichtig für eine gute Beziehung ist. Wenn diese Autonomie weg ist, nehmen die Probleme zu.

STANDARD: Krisen schweißen also nicht unbedingt zusammen?

Beer: Das gilt besonders für die, die momentan nicht arbeiten dürfen oder Homeoffice machen. Wir sind nicht dafür gemacht, monatelang nur aufeinanderzuhocken. Was soll man denn da als Paar die ganze Zeit machen? Normalerweise ist unser Leben abwechslungsreich, wir können dem Alltag entfliehen, was momentan nur sehr eingeschränkt möglich ist.

STANDARD: Interessant ist allerdings, dass sich das nicht auf die Scheidungsrate auswirkt. Sie ist 2020 sogar zurückgegangen. Bleiben viele einfach nur zusammen, weil derzeit ohnehin alles schon schwierig genug ist und das Bedürfnis nach Sicherheit groß?

Beer: Das Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität spielt in einer Krise sicher eine große Rolle. Natürlich kann eine Beziehung stressen, sogar sehr. Aber sie ist auch sehr heilsam. Eine Studie besagt, dass Menschen in einer Beziehung eher psychosomatisch erkranken, dafür aber schneller gesund werden im Vergleich zu Singles. Gerade in einer Krise, die ohnehin sehr anstrengend ist, sollte man nicht sofort an Trennung denken.

STANDARD: Was raten Sie Paaren, bei denen es gerade kriselt?

Beer: Ich rate ihnen, jetzt besser keine langfristigen Entscheidungen zu fällen. Beziehung ist eben kein Wellnessurlaub, und wir befinden uns mitten in einer Pandemie. Paare sollten ganz bewusst in eine Art Krisenmodus umschalten. Wir können mit Krisen eine Zeitlang leben, und solange sie nicht traumatisch sind, können wir auch daran wachsen. Trennung sollte nie die erste Option sein.

STANDARD: Wie kann dieser Krisenmodus denn aussehen?

Beer: Eine Möglichkeit ist, offen auszusprechen, dass es um die Beziehung zwar schlecht steht, aber in dieser schwierigen Situation nicht der richtige Zeitpunkt ist, über die Zukunft der Beziehung zu entscheiden. Einer der beiden kann beispielsweise, wenn es der Geldbeutel zulässt, temporär in eine andere Wohnung ziehen. Aktuell findet man sicher für ein paar Monate ein günstiges Zimmer in einer möblierten Wohnung.

Eltern hilft vielleicht auch, sich ganz bewusst in den Elternrollen zu treffen. Bei Krisen sind häufig nicht alle Rollen in einer Beziehung betroffen, und daher gilt, jenen den Vorzug zu geben, die gut funktionieren.

STANDARD: Angenommen, es kommt trotzdem immer wieder zu Streit. Woran merkt man, dass man endgültig die Reißleine ziehen sollte?

Beer: Eine klare Grenze ist natürlich Gewalt. Aber auch Suchterkrankungen wie Alkoholismus können Beziehungskiller sein, wenn der Partner nicht einsichtig ist. Natürlich können auch unterschiedliche Werte in einer Krise spürbarer werden als im normalen Leben. Beim Thema Corona lässt ein Partner vielleicht mit Meinungen aufhören, mit denen der oder die andere nie gerechnet hätte, und hängt zum Beispiel Verschwörungstheorien an.

Wenn sich Paare im Streit hauptsächlich kritisieren, Verachtung für den anderen äußern, sich rechtfertigen und mauern, anstatt auf den anderen einzugehen, zerstört das ebenfalls die Beziehung. Schon der weltberühmte Paarforscher John Gottman hat mit seinen Experimenten gezeigt: Unglückliche Paare reden aneinander vorbei – oder versuchen gar nicht mehr zu kommunizieren.

STANDARD: Sich mitten in der Krise eine Wohnung zu suchen und neu anzufangen braucht ganz schön viel Kraft. Was kann dabei helfen, das durchzuziehen?

Beer: Wichtig ist, dass man sich Unterstützung durch andere holt, um nicht ganz alleine dazustehen. Von Freunden und Verwandten, aber auch von professioneller Seite. Was in Krisen außerdem hilft, ist Struktur: sich einen Plan für jeden Tag zu machen. Bei Arbeitslosigkeit hilft auch eine längerfristige Planung für die Zeit nach der Pandemie. Außerdem sollte man die Dinge, die einem wichtig sind und die vielleicht im Laufe der Jahre in der Beziehung in den Hintergrund geraten sind, wieder mehr in sein Leben integrieren. Das können Hobbys sein oder Freundschaften.

STANDARD: Kinder sind aktuell ohnehin schon sehr belastet. Wie erklärt man ihnen, dass Mama und Papa jetzt auch nicht mehr miteinander können?

Beer: Das hängt natürlich sehr davon ab, wie alt das Kind ist. Einem Säugling muss man gar nichts erklären, einem Zehnjährigen ganz schön viel, und einen 18-Jährigen wird es wahrscheinlich nicht so sehr aus der Bahn werfen. Ein ganz basaler Tipp ist, die Welt durch die Augen des Kindes zu sehen und mit ihm emotional zu "connecten". Kinder sind egozentristisch, sie glauben also grundsätzlich, dass alles immer mit ihnen zu tun hat oder sie die Ursache sind. Auch wenn die Eltern streiten oder sich scheiden lassen. Es ist also wichtig, Schuldgefühle abzufangen und ihnen die Entscheidung kindgerecht zu erklären.

Kindern hilft in Krisen ein Gefühl der Sicherheit. Das vermittelt man ihnen nicht, indem man ihnen jeden Wunsch von den Lippen abliest und Geschenke kauft. Vielmehr geht es darum, dass Eltern ihren Kindern Nähe geben und damit vermitteln: Mami und Papi sind da und helfen, das zu überstehen.

STANDARD: Und was hilft Mami und Papi gegen Ängste und Unsicherheit?

Beer: Auf bewährte Ressourcen zurückzugreifen: das eigene soziale Netz, professionelle Unterstützung und, wenn es nötig wird, Psychopharmaka und eine stabile Struktur im Alltag. Ein Beziehungsende kann häufig sehr heftige Gefühlsausbrüche auslösen. Bindung ist neurobiologisch gesehen eine Art von Sucht. Verlassene leiden genauso wie Süchtige, denen man ihre Droge wegnimmt. Wichtig ist, sich vor allem gut um sich selbst zu kümmern, mit der Gewissheit, dass wir uns auch aus gescheiterten Beziehungen nach einiger Zeit meist gestärkt lösen können.

STANDARD: Was hilft gegen die Einsamkeit?

Beer: Einsamkeit ist ein Gefühl, das uns befallen kann, wenn wir alleine sind. Wir fühlen uns meist einsam, wenn wir nicht in Resonanz mit anderen Menschen sind. Wir können Resonanz aber auch in anderen Bereichen erfahren – in der Kunst, Musik, aber auch im Sport oder in der Arbeit. (Lisa Breit, 6.3.2021)