Meghan und Harry bei Oprah Winfrey.

Foto: Joe Pugliese/Harpo Productions via AP

Wie man die Spannung schürt, das hat Oprah Winfrey im Laufe ihrer langen Karriere gelernt. Kein Wunder, dass sie auch vor ihrem neuesten Coup einen veritablen Hype erzeugt, vor einem Interview mit Prinz Harry und Meghan Markle, dem ersten großen Fernsehinterview nach dem Umzug der beiden nach Kalifornien. Bevor CBS das zweistündige Gespräch am Sonntagabend zeigt, sollen kleine Filmhäppchen das Gefühl vermitteln, dass das Publikum etwas ganz, ganz Besonderes erwarten darf. Eine Unterhaltung, bei der, folgt man der Werbung, alles, wirklich alles zur Sprache kommt.


CBS

Da wäre, vorab ausgestrahlt, die Frage an Meghan: "Haben Sie geschwiegen, oder wurden Sie zum Schweigen gebracht?" Sie wolle nur eines klarmachen, bei ihr gebe es keine Tabus, fügt die Moderatorin der Frage hinzu. Da wäre Harry, der Herzog von Sussex, der offenbar in Anspielung auf den Unfalltod seiner Mutter Diana sagt, seine größte Sorge sei gewesen, dass sich Geschichte wiederholen könnte. Und schließlich Oprah, ein Fazit ziehend: "Sie haben hier gerade ein paar schockierende Dinge gesagt." Reklame in Andeutungen.

Große Aufregung vorab gab es in Großbritannien selbst – ob tatsächlich von dem Wind um das Oprah-Interview ausgelöst oder Zufall. Das Boulevardmagazin "The Times" brachte am Dienstag einen Bericht mit schwerwiegenden Anschuldigungen gegen Herzogin Meghan. Mehrere Personen aus dem Umfeld des Kensington Palace geben an, dass sie während ihrer Zeit in London Mitarbeiter "schikaniert", "gedemütigt" und "schrecklich behandelt" habe. Meghans Anwälte bezeichneten die Vorwürfe in einem Schreiben an die "Times" als "kalkulierte Schmutzkampagne, die auf irreführender und schädlicher Falschinformation beruht".

Erfolgreichste Talkshow-Gastgeberin

Aber zurück in die Staaten. In den USA reicht es, Oprah zu sagen, schon weiß jeder, wer gemeint ist. Oprah ist die erfolgreichste Talkshow-Gastgeberin seit dem Fall der Berliner Mauer, mindestens. Oprah ist die erste schwarze Amerikanerin, die es aus einfachsten Verhältnissen zur Selfmade-Milliardärin brachte. Sie besitzt einen Fernsehkanal, das Oprah Winfrey Network. Sie gibt ein Magazin namens "O" heraus. Sie produziert Kinofilme. Bücher, die sie empfiehlt, schaffen es prompt auf die Bestsellerliste.

Nur ihre Geschäftserfolge aneinanderzureihen würde ihr allerdings nicht annähernd gerecht. Die Frau aus Kosciusko, Mississippi, ist auch eine Identifikationsfigur, noch dazu eine, auf die sich Konservative wie Progressive ausnahmsweise einigen können. Republikaner sehen in ihr so etwas wie die "Miss American Dream", den besten Beweis dafür, dass man sich nur anstrengen muss, um es zu etwas zu bringen, auch wenn man es anfangs schwer hatte. Demokraten schätzen die 67-Jährige, weil sie sich in Gesellschaftsdebatten einmischt, wenn sie es für nötig hält. Mal mit subtilen Signalen, mal Tacheles redend.

Stimme der MeToo-Bewegung

Ihr Magazin zum Beispiel hatte zwei Jahrzehnte lang immer nur sie auf dem Titel. Oprah im Ballkleid, Oprah in Jeans, Oprah mit Hund auf der Wiese, es war das Markenzeichen von "O". Im vorigen Sommer, der im Zeichen heftiger Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt stand, brach die Herausgeberin mit der Tradition. Auf der Titelseite brachte sie ein Bild von Breonna Taylor, der schwarzen Rettungssanitäterin, die im Alter von 26 Jahren erschossen wurde, nachdem Polizisten ihre Wohnungstür in Louisville aufgebrochen und ihr Freund, der die Beamten für Einbrecher hielt, auf sie gefeuert hatte. "Sie war wie ich. Sie war wie du", begründete Winfrey ihre Entscheidung. "Und wie jeder, der unerwartet starb, hatte sie Pläne. Pläne für die Zukunft, gefüllt mit Verantwortung, Arbeit, Freunden und Lachen."

CBS This Morning

Davor war sie zur Stimme der MeToo-Bewegung geworden. Im Jänner 2018, bei der Verleihung der Golden Globes, sprach sie voller Leidenschaft von den Frauen, denen man weder zuhörte noch glaubte, wenn sie die Wahrheit über "brutal mächtige" Männer sagten, über Machotypen, deren Zeit nun abgelaufen sei. Danach meldete sich Meryl Streep mit einer euphorischen Empfehlung zu Wort: "Sie hat heute eine Rakete gezündet, ich will, dass sie antritt, um Präsidentin zu werden." Es war nicht das erste Mal, dass ihr jemand riet, für ein Wahlamt zu kandidieren. Den Gedanken hatte, so paradox das im Nachhinein klingen mag, Donald Trump in die Debatte geworfen, der Bauunternehmer, dem ihre Popularität imponierte. 1999 wurde er vom CNN-Moderator Larry King gefragt, wen er sich denn als Nummer zwei an seiner Seite vorstellen könnte, sollte er sich je fürs Weiße Haus bewerben. "Oprah", antwortete er. "Ich liebe Oprah."

Schwierige Kindheit

Geboren wurde die Talkshow-Queen 1954 im tiefen Süden, der damals noch ganz im Zeichen der Rassentrennung stand. Ihre Teenageeltern trennen sich, bevor sie zur Welt kommt. Sie ist vier, da zieht ihre Mutter ohne sie in den Norden, nach Milwaukee. Oprah bleibt bei der Großmutter, die sie durch Prügel bestraft. Später folgt sie ihrer Mutter, rennt in der Pubertät von zu Hause weg und lebt auf der Straße, ehe sie zu ihrem Vater, einem Friseur, nach Nashville geht. Mit 14 wird sie schwanger. Das Baby, eine Frühgeburt, stirbt kurz nach der Entbindung. Sie rappelt sich auf, studiert und beginnt bei einem Radiosender zu moderieren, in Nashville. Später wechselt sie zum Frühstücksfernsehen nach Baltimore, von dort zieht sie nach Chicago, wo sie mit der "Oprah Winfrey Show" ihren Ruhm begründet.

Was die Sendung von der Konkurrenz unterscheidet, ist die Offenheit, mit der die Gastgeberin Probleme, Ängste, Traumata thematisiert. Auch ihre eigenen. Im Premierenjahr 1986 sitzt Laurie im Studio, eine Frau, die als Kind von ihrem Vater sexuell missbraucht worden ist. Lauries Geschichte sei auch die ihre, lässt Winfrey ihr verblüfftes Publikum wissen. Mit neun sei sie zum ersten Mal vergewaltigt worden, von einem 19-jährigen Cousin, mit dem sie aus Platznot das Bett teilen musste. Einmal karrt sie einen Handwagen mit 67 Pfund Fett auf die Bühne, exakt das Gewicht, das sie bei einer Diät verloren hatte.

Ob es nun an ihrer Freimütigkeit lag oder schlicht an der Einschaltquote, jedenfalls sahen sich manche Stars veranlasst, in ihr eine Beichtmutter zu sehen, zumindest bei ihr eine Art Beichte zu inszenieren. Whitney Houston erzählte von Drogen, der Radrennfahrer Lance Armstrong von Doping, Michael Jackson von Vitiligo, der Krankheit, die seiner Haut die Pigmente raubte, sodass sie irgendwann an Wachs denken ließ. Ihr Erfolgsrezept hat Winfrey einmal in zwei Stichpunkten beschrieben. Zuhören. Und versuchen, sich in den anderen hineinzuversetzen. (Frank Herrmann aus Washington, 4.3.2021)