Mit eiserner Faust herrschte Frankreichs Armee über Algerien.

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Der Algerienkrieg, eines der grausamsten und zentralsten Kapitel der Dekolonisierung, ist in Frankreich auch 60 Jahre "danach" keineswegs bewältigt. Die Spannungen zwischen Algier und Paris bleiben beträchtlich. Es ist Emmanuel Macron hoch anzurechnen, dass er sich des Themas trotzdem immer wieder annimmt. Dabei spielt sicher mit, dass er anderthalb Jahrzehnte nach dem Kriegsende von 1962 geboren ist.

Aber es nicht nur eine Altersfrage. Der französische Präsident hat schon mehrfach klargemacht, dass er die Ambivalenz vieler französischer Politiker und Historiker in der Kolonialfrage nicht teilt. 2017, also lange vor "Black Lives Matter" oder ähnlichen Bewegungen, bezeichnete er den Kolonialismus als "Akt der Barbarei", dann sogar als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Ein Jahr später bezichtigte er die französische Armee des Mordes an Maurice Audin, einem französischen Mathematiker und Kommunisten, der für die Unabhängigkeit Algeriens eingetreten war.

Geständnis gegenüber den Enkeln

Jetzt geht Macron einen – symbolisch sehr wichtigen – Schritt weiter. Am Dienstag empfing er vier Enkel des algerischen Anwaltes Ali Boumendjel im Élysée-Palast, um eine nationale Staatslüge zu korrigieren: Nein, ihr Großvater sei an jenem 23. März 1957 nicht selbst aus einem Fenster im sechsten Stockwerk eines Gebäudes der algerischen Hauptstadt Alger gesprungen, um sich das Leben zu nehmen; vielmehr sei er von seinen französischen Wächtern hinausgeworfen worden.

Die Witwe Ali Boumendjels, Malika, erlebte die Geste Macrons nicht mehr – sie verstarb 2020.
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Boumendjels Kinder haben den Leichnam nie zu sehen bekommen. Er sei nach sechs Wochen Folter schrecklich entstellt gewesen und habe nur noch 30 Kilo gewogen, berichteten Augenzeugen.

Dabei war Boumendjel kein "Terrorist", wie die Franzosen die Kämpfer des nationalen algerischen Freiheitsfront FLN nannten. Der Anwalt betätigte sich vielmehr als Friedensaktivist. Er wurde wie so viele andere Algerier verhaftet und gefoltert, weil die Franzosen die Namen von FLN-Attentätern erfahren wollten.

Bedeutender Bericht

Die Akte Boumendjel ist nur eine von vielen, auch wenn ihr Macron nun eine spezielle Bedeutung beimisst. Auf Veranlassung des Präsidenten hat die französische Justiz bereits 2020 über hundert ähnliche Dossiers neu geöffnet. Unlängst hat der führende französische Algerien-Historiker Benjamin Stora die Öffnung der nationalen Militärarchive angeregt. Er schlägt auch die Einrichtung von bilateralen Kommissionen vor, um eine offizielle Versöhnung der beiden Länder in die Wege zu leiten.

Von einer offiziellen Entschuldigung Frankreichs für die Kolonisierung und die Kriegsgräuel in Algerien sieht Stora jedoch ab. Für einen solchen Akt ist es auch 60 Jahre später zu früh. Die algerischen FLN-Veteranen verweigern jede Geste. Auch Boumendjels Sohn Nadir, der heute in Genf als Arzt tätig ist, erklärte, er warte auf weitergehende Vorschläge Frankreichs für eine wirkliche Aussöhnung.

Rechte ortet "Kniefall"

Macron kann aber derzeit nicht weiter gehen, als einzelne Fälle aufzugreifen. Die französische Rechte, allen voran Marine Le Pen, unterstellt ihm ohnehin einen "Kniefall" vor Algerien. Die Rechtspopulistin stützt sich in Südfrankreich seit langem auf die Wählerstimmen der "pieds noirs", der französischen Algerienrückkehrer. Auch wird ihr Vater Jean-Marie Le Pen, Ex-Offizier der französischen Armee in Algerien, selbst der Folterung von FLN-Vertretern bezichtigt.

Macron geht deshalb sehr vorsichtig vor: Er hält die Zeit offenbar für gekommen, um den Franzosen die Augen für die Verfehlungen jener Zeit zu öffnen. Aber er weiß auch, dass er einen patriotischen Abwehrreflex bewirken und – gut ein Jahr vor den nächsten Präsidentschaftswahlen – nur Le Pen fördern würde, wenn er sich für das unrühmliche Verhalten Frankreichs entschuldigen würde. (Stefan Brändle aus Paris, 4.3.2021)