Manche Tschechen fürchten die Quarantäne mehr als eine Infektion.

Foto: Reuters / Cerny

Mehr als 15.000 Neuinfektionen täglich – in Tschechien mit seinen 10,5 Millionen Einwohnern hat man sich an solche Zahlen beinahe schon gewöhnt. Warum das Land zuletzt so tief in die Corona-Krise geschlittert ist und mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von fast 800 den schlechtesten Wert in der EU verzeichnet, darüber gibt es eine Vielzahl an Theorien.

Viele davon haben, wie anderswo auch, mit den Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung und deren – oft mangelnder – Akzeptanz in der Bevölkerung zu tun. Derzeit aber wird in Prag noch ein anderer Aspekt hitzig diskutiert: die Höhe des Verdienstausfalls bei Krankheit oder Quarantäne. Nach der bisherigen Regelung fallen Arbeitnehmer ab dem ersten Krankenstandstag nämlich auf maximal 60 Prozent ihres Einkommens zurück. Das bezieht sich auch auf Menschen in Heimisolation ohne Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten.

Eingeschränktes Contact-Tracing

Experten und mittlerweile auch Politiker befürchten eine fatale Konsequenz: Viele könnten lieber einen Test zu wenig als einen "zu viel" machen, um keine finanziellen Einbußen zu riskieren. Sie selbst können dann naturgemäß zwar nicht in die Statistik fallen, sehr wohl aber jene, die von unerkannten Infektionsträgern angesteckt werden.

Denkbar sind auch negative Auswirkungen bei der Kontaktnachverfolgung: Infizierte könnten versucht sein, Freunde und Bekannte lieber nicht offiziell zu melden, um nicht schuld zu sein, wenn diese im nächsten Monat weniger Geld auf dem Konto haben.

"Es ist ein Teufelskreis", sagt ein Prager Unternehmensberater, der anonym bleiben möchte, dem STANDARD. "Viele Menschen vertrauen dem Staat nicht und kochen lieber ihr eigenes Süppchen. Und der Staat traut häufig den Menschen nicht und geht davon aus, dass höheres Krankengeld automatisch eine Einladung zum Missbrauch wäre."

"Unfaire" Quarantäne

Immerhin: Die Politik hat das Problem mittlerweile erkannt und eine Erhöhung des Krankengeldes auf den Weg gebracht. Am Donnerstag segnete der Senat ein Gesetz ab, das während der ersten 14 Tage einer staatlich verordneten Quarantäne eine tägliche Zusatzzahlung von maximal 370 Kronen (etwas mehr als 14 Euro) vorsieht. Insgesamt dürfen dann 90 Prozent des Normaleinkommens nicht überschritten werden.

Die Regierung von Premierminister Andrej Babiš hatte zunächst eine hundertprozentige Gehaltsfortzahlung gefordert, dafür im Abgeordnetenhaus aber keine Mehrheit gefunden. Vor allem von den konservativen Parteien kam der Vorbehalt, der Plan sei "unfair" gegenüber all jenen, die zur Arbeit gingen.

Unterdessen versucht Tschechien auch auf vielen anderen Feldern der Folgen der Pandemie wenigstens einigermaßen Herr zu werden. Premier Babiš, Chef der liberal-populistischen Partei Ano, der ein Minderheitskabinett mit den Sozialdemokraten anführt, hat für das laufende Schuljahr eine "amtliche Matura" ins Spiel gebracht. Konkret würde das bedeuten, die Durchschnittsnoten der letzten Jahre zur Bewertung heranzuziehen.

Sputnik V für Unternehmen

Freilich sind auch mit dem Impfen Hoffnungen verbunden. Babiš zeigte sich dankbar für die "Solidarität der EU", durch die das Land nächste Woche 100.000 zusätzliche Dosen des Pfizer-Biontech-Impfstoffs erhalten soll. Sie werden aus dem EU-Kontingent vorgezogen.

Gleichzeitig wollte Babiš am Donnerstag nicht ausschließen, dass tschechische Unternehmen den russischen Impfstoff Sputnik V ankaufen könnten, um die eigene Belegschaft zu impfen. Voraussetzung sei die Bewilligung durch die staatliche Arzneimittelkontrolle. (Gerald Schubert, 4.3.2021)