Am 27. Jänner 2021 kam es in ganz Polen zu Massenprotesten gegen ein verschärftes Abtreibungsgesetz der PiS-Regierung.

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Der Diktator hatte ein Abtreibungsverbot erlassen. Verhütungsmittel waren verboten. Denn er wünschte sich mehr Untertanen, keiner durfte dem Staat entgehen, ob schon geboren oder noch nicht. Die Bevölkerung sollte um vier Kinder pro Frau anwachsen. Eine Abtreibung bedeutete Verfolgung und Verurteilung, unabhängig vom Familienstand, sowohl für die Patientin als auch für Klinik, Arzt, Hebamme, Kurpfuscherin oder Vertrauenspersonen. Jeder Verdacht auf Abtreibung war meldepflichtig, Mitwisserschaft strafbar.

Mitte der 80er-Jahre hatten mein Mann und ich bereits zwei Kinder. Es war mühsam, sie zu ernähren, denn der Tyrann – so nenne ich ihn heute – hatte uns ein drastisches Sparprogramm auferlegt. Lebensmittel waren rationiert, Gas und Strom gab es nur morgens zwischen 6 und 8 Uhr und dann erst wieder abends von 18 bis 21 Uhr. Im Winter mussten wir unsere Fenster mit Decken, Pappe und Kitt versiegeln, um nicht zu erfrieren. Sogar mit Schweineschmalz haben wir sie zugeschmiert. Meine Tochter erlitt wegen Fehlernährung und Lichtmangels eine Knochenerkrankung und musste ein Korsett tragen, das juckte und stank, aber es gab kaum warmes Wasser, um sie darunter zu waschen.

Und dann wurde ich wieder schwanger. Dazu muss ich sagen, dass ich rhesusnegativ bin und sich bereits bei der Geburt meiner Tochter massive Komplikationen ergaben, für mich und vor allem das Kind. Obwohl ich als Ministerialbeamtin gut verdiente, sah ich mich in der aktuellen Notlage nicht imstande, die Schwangerschaft auszutragen. Freundinnen gaben mir die Adresse eines "zuverlässigen" Arztes, ja, immerhin war er Arzt, angeblich sogar Gynäkologe. Ich konnte mir das leisten. Andere nicht.

Ich betrat seine Erdgeschoß-Wohnung. Es war keine Praxis, denn er arbeitete hauptberuflich in einer Klinik. Sofort teilte er mir die Regeln mit: Falls ich nur einen Mucks machen sollte, würde er mich hinauswerfen, egal, wie weit er mit dem Eingriff war. Wenn sich später Nachblutungen oder andere Komplikationen ergäben, würde er mich nie gesehen haben. Zu seiner Wohnung hätte ich kein zweites Mal Zutritt. Bezahlung im Voraus. Zwei Monatsgehälter. Ich legte mich hin. Er führte mir einen Wattebausch mit hochprozentigem Alkohol ein. Der Schmerz jagte mich hoch zur Decke. Aber ich habe nicht geschrien. Keinen Mucks habe ich gemacht, wie versprochen, auch nicht während der Auskratzung, von der ich kaum noch etwas spürte. Während der Prozedur fixierte ich ihn: Ein schöner junger Mann, top gekleidet, kein weißer Kittel, sondern hellblaues Hemd und dunkle Hose.

Ich sah, wie sich während der Arbeit Schweißflecken unter seinen Achseln bildeten. Dann war er fertig. Er war ein sehr guter Arzt. Ich blutete nur wenige Tage lang." (Flavia, Rumänien)

Der Tyrann, von dem Flavia spricht, hieß Nicolae Ceaușescu, kommunistischer Generalsekretär und Staatspräsident Rumäniens. 1966, im ersten Jahr seiner Herrschaft, erließ er das Dekret 770, gedacht als demografisches Experiment, welches die feuchten Träume aller Usurpatoren wahr werden lassen sollte.

Denn die Verformung der Untertanen in Knetmasse beginnt im Uterus. Gebärfähige Frauen wurden in ihrer Reproduktion überwacht, Verhütungsmittel verboten, Abtreibungen verfolgt. Binnen 24 Jahren, so der Plan, sollte sich die rumänische Bevölkerung um zehn Millionen erweitern.

Die Unwiederbringlichen

Tatsächlich wuchs sie bis zu Ceaușescus Sturz 1989 um zwei Millionen "Dekretkinder" (Decreþei), währenddessen geschätzte 11.000 Frauen – mit hoher Dunkelziffer – an illegalen Abtreibungen verstarben. Viele Kinder wurden nach gescheiterten Abtreibungsversuchen behindert geboren oder verstoßen, weil ihre Eltern sie nicht ernähren konnten. Diese zahllosen Irecuperabili (Unwiederbringlichen) vegetierten als Straßenkinder oder in Kinderheimen unter unfassbaren Bedingungen dahin.

Flavia ist heute Witwe und Pensionistin. Obwohl ihr keine Gefahr mehr droht, habe ich ihren Vornamen geändert. Das Thema ist scham- und schuldbehaftet. Flavias Erzählung spiegelt die Auswirkungen pronatalistischer Zwangsmaßnahmen modellhaft wider, einer Politik, die den Zugang zu Verhütungsmitteln erschwert und Abtreibungen verbietet.

Wo er verboten ist, kommt der Abbruch ungewollter Schwangerschaften Wohlhabenden teurer und ist darum im Schnitt etwas sicherer. Für Ärmere, die sich keinen Schwarzarbeiter-Gynäkologen leisten können, bleibt er umso gefährlicher. Für beide Gruppen setzt die Illegalität das Preisniveau hinauf. Verschärfend unterbindet heute Corona den erzwungenen Abtreibungstourismus in liberalere Länder.

Fristenlösung

Österreicherinnen und Österreicher der älteren Generation werden sich bei der Lektüre von Flavias Geschichte an die Zeit vor 1975 erinnert fühlen, bis die "Fristenlösung" eingeführt wurde. Ich selbst war damals 17 Jahre alt, fortpflanzungstechnisch zuvor noch nicht akut betroffen, doch ich war alt genug, um Erzählungen aus meinem Umfeld zu hören. Damit ist ein weibliches Umfeld gemeint, denn kein (als Erzeuger betroffener) Mann sprach über "seine" Abtreibung.

Als Zeugin kann ich aus der Zeit der Illegalität berichten, dass es bis zur Fristenlösung im frommen Tirol etliche Ärzte gab, die Abtreibungen für oft exorbitante Gebühren durchführten. "Eine Freundin von mir ist in Schwierigkeiten", so lautete am Telefon das Codewort, um "ich" oder "meine Tochter" zu paraphrasieren.

Bei angebotener Nachbetreuung waren dafür schon mal 20.000 Schilling zu berappen. Das überstieg in den 60er- und frühen 70er-Jahren den durchschnittlichen Monatslohn um ein Mehrfaches, einen weiblichen erst recht.

Engelmacherinnen

Meist legte dafür die Familie zusammen, soweit eingeweiht. Curettage war die übliche, schmerzhafte, Methode. Auch wurden giftige konvulsionsauslösende Mutterkornpräparate verabreicht, "damit die Regel vielleicht doch noch kommt". Eine nachwirkungsärmere Absaugung hätte entsprechendes Gerät und Narkose erfordert, was für den Arzt zu riskant war.

Manche Ärzte traten die Flucht nach vorne an und entfernten operativ durch die Bauchdecke "Myome" (gutartige Tumore). Daneben gab es seit jeher chirurgisch ungebildete "Engelmacherinnen", oft nebenberuflich tätige Hebammen, aber auch Kurpfuscherinnen bar medizinischen Wissens, deren Eingriffe immer wieder mit Sepsis oder Gebärmutterperforation endeten. Tatort Küchentisch, Tatwaffe Stricknadel.

Das Gendern von Arzt und Kurpfuscherin erübrigt sich: In Tirol wurde bis in die späten 80er-Jahre keine Frau zur Gynäkologinnen-Fachausbildung zugelassen. Das wenigstens ist Geschichte. Geändert hat sich seit der Straffreistellung auch, dass aufgrund der schlechteren Tariflage in ganz Tirol heute nur mehr ein einziger Arzt den freiwilligen Abbruch ungewollter Schwangerschaften durchführt, auch in der medikamentösen Variante, deren Freigabe gerade in Tirol jahrelang verschleppt wurde. Im Unterschied zu anderen Bundesländern sehen sich die steuerfinanzierten Tiroler Landeskliniken für solche Frauenleiden nicht zuständig.

"Hyänen der Mutterschaft", so nennt der schriftstellernde antisemitische Staatsbeamte Johann Ferch (Wien 1879–1954) in seinem Roman Die nicht Mütter werden dürfen Ärzte und Frauen, die Abtreibungen durchführen oder auch nur Verhütungsmittel einsetzen. Seine Protagonistin Anna Groß, Hebamme und Engelmacherin, lässt er nach langer Kerkerhaft Selbstmord begehen.

Hyänen der Mutterschaft

In Ferchs Roman fällt auf, dass der Autor den Einsatz von Verhütungsmitteln genauso geißelt wie die Abtreibung. Diese Haltung bestätigt sich in der aktuellen weltweiten Tendenz, einerseits Schwangerschaftsabbrüche und andererseits Vorbeugemaßnahmen zu behindern. Nicht einmal Trump begnügte sich mit dem angekündigten Griff nach der Pussy. Er und Autokraten seines Stils, seien es nun Erdoğan, Kaczyński, Orbán oder jene der arabischen Welt, setzen tiefer an. Im Schoß, wo die Untertanen wachsen.

Nicht nur Polens Machthaber lassen sich von religiösen Steigbügelhaltern anstacheln, ob von christlichen oder islamischen. Welcher Gott will schon auf eine Seele verzichten? Die Schlinge um den Gebärmutterhals zieht sich zu. Abtreibungsrechte werden eingeschränkt, Kampagnen gegen die "Hyänen der Mutterschaft" gepusht. Der als liberal gepriesene katholische Papst Franziskus nennt Abtreibung Auftragsmord.

Obwohl Homosexualität eigentlich eine recht probate Abtreibungsprophylaxe wäre, greift die Homophobie durch. Mit gleich viel Schaum vor dem Mund bekämpfen radikale Abtreibungsgegner den Aufklärungsunterricht in Schulen. Verhütung bleibt auch in Österreich Privatsache. Keine Krankenkasse kommt dafür auf.

Entstigmatisierung

Unter der sozialdemokratischen Regierung Kreiskys wurde in der Kleinen Strafrechtsreform 1971 die Strafbarkeit von Ehebruch und Homosexualität aufgehoben, in der Großen Strafrechtsreform 1973 das Familienrecht erneuert. "Der Vater" verlor seine überfrachtete Stellung als "Oberhaupt der Familie", was einer Anerkennung von Patchwork- und monoparentalen Familien gleichkam. Uneheliche Kinder sind den ehelichen seither de jure gleichgestellt, im Unterhalts- wie im Erbanspruch.

Das trug erheblich zu deren Entstigmatisierung bei, wobei de facto die Last des (Allein-)Erziehens zwischen Müttern und Vätern ungleich verteilt blieb. Dennoch eine so pragmatische wie effiziente pronatalistische Maßnahme. Gegen heftigen Widerstand von ÖVP und Klerus trat erst 1975 der Paragraf 144 außer Kraft, der den Schwangerschaftsabbruch unter Strafe gestellt hatte.

Bis 1945 war Abtreibung für "Arierinnen" mit der Todesstrafe bedroht gewesen, wobei "Nichtarierinnen" (wie "Nichtarier" und "Asoziale") Zwangsabtreibungen und Sterilisierungen erleiden mussten. Diese rassistische, zumindest nationalistische Verquickung von Pronatalismus und Antinatalismus ist bis heute in Österreich mehrheitsfähig: Klagen über sinkende Geburtenraten von "Inländern" paaren sich mit Befürchtungen einer "Überflutung durch Ausländer".

Das Wort "Überfremdung" hat seinen braunen Stallgeruch verloren. Die Abschiebung minderjähriger "Drittstaatsangehöriger" und die Vorenthaltung der österreichischen Staatsbürgerschaft für im Lande geborene oder aufgewachsene Kinder zugewanderter Eltern bedienen diese Blut-und-Boden-Ideologie. Nicht alle Kinder sind hier erwünscht. (Sabine Wallinger, 7.3.2021)