Online-Gaming wurde in der Pandemie für viele die einzige Möglichkeit, regelmäßig ihre Freunde zu treffen.

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Erstes Schuljahr, Uni-Beginn, neuer Job. In Pandemie-Zeiten schnell in eine Gruppe hineinzufinden ist schwierig bis fast unmöglich. Mehrspieler-Games wie Among Us können dabei helfen, verbinden – und sogar zu Freundschaften führen.

Verspielter Job-Start

In einem neuen Job anzufangen ist nie leicht. Mit wem wird man sich verstehen? Mit wem legt man sich besser nicht an? Corona erschwert das zusätzlich. Weniger wegen der Tools – die bringt man nach ein paar Tagen auch im Home Office zum Laufen -: Es ist das Zwischenmenschliche, das beim sogenannten "Online-Onboarding" fehlt. Kein Kaffeetratsch, kein kurzes "Hallo" am Gang – Videokonferenzen verschlucken sonst leichter erkennbare Allianzen und Zwistigkeiten, auch persönlicher ChitChat ist nichts, was man im Zoom-Meeting startet.

In "Among Us" lernt man sich schnell gut kennen.
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Ich war kürzlich selbst in dieser Situation. Da war es erleichternd, als ein neuer Arbeitskollege nach Dienstschluss zum gemeinsamen Spielen aufrief. Mit ein paar anderen Kollegen einigten wir uns auf das Online-Mehrspieler-Game Among Us ("Unter uns"), das ein wenig Anleihen beim analogen Kartenspiel "Werwölfe" nimmt und für fünf Euro auf fast allen Plattformen verfügbar ist.

Among Us spielt auf einer Raumfähre, die Spieler stellen die Besatzung. Dazu wird vor Spielstart eine Zahl an "Betrügern" festgelegt –die übrigen Spieler erfahren aber nicht, wer diese Rolle zugeteilt bekommt. Während ein Teil der Crew das gestrandete Raumschiff wieder startklar bekommen muss, sabotieren die Betrüger die Mission. Wer ist verdächtig –und wen setzt man hinter Gitter? Das müssen die Spieler in hitzigen Gruppendiskussion per Chat herausfinden. Landen die Verräter hinter Schloss und Riegel, gewinnt das "ehrliche" Team. Werden jedoch Unschuldige eingesperrt oder im Laufe der Spielrunde durch die Betrüger in einer dunklen Ecke des Raumschiffs ohne Zeugen eliminiert, geht der Sieg an sie. Spielerisch ist Among Us auf ein Minimum reduziert – in erster Linie geht es hier um die soziale Interaktion mit den anderen Spielern. Es wird gelacht, geblödelt, man lernt die Mitspieler von einer anderen Seite kennen. Sind ziemlich sehr okay, die Kollegen!

Treffpunkte für Gamer, etwa Videospielmessen, sind 2020 ebenfalls ausgefallen und werden wohl auch 2021 nicht stattfinden.
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Eisbrecher für Schüchterne

Among Us begeistert bis zu 500 Millionen Menschen, ist aber nur eines von vielen Beispielen dafür, wie heute nicht nur Erwachsene in der Arbeitswelt, sondern auch Kinder und Jugendliche über Spiele Beziehungen zu Freunden erhalten oder aufbauen. Warum funktioniert das so gut? "In Zeiten sozialer Distanzierung bieten sie sich entsprechend an, sozialen Bedürfnissen nachzukommen und Freundschaften und Bekanntschaften zu pflegen. Den Kontakt zu anderen Personen aufzunehmen fällt im Spiel oft leichter, als das in physischen Alltagssituationen der Fall wäre, weil der soziale Performanzdruck geringer ist – im Mittelpunkt steht beim gemeinsamen Spiel ja nicht das gemeinsame Gespräch, sondern eben das Spiel," sagt Markus Meschik von Enter, der Fachstelle für digitale Spiele.

So lasse sich leichter andocken. Speziell für zurückhaltende Jugendliche sei es eine Chance, in einem quasi geschützten Raum neue Sozialkontakte knüpfen zu können. "Wenn ein Jugendlicher nach einem Schulwechsel in der Pandemie es trotz Distance Learning schafft, Klassenkolleg*innen kennenzulernen, indem er abends immer Fortnite spielt, macht das zwei Dinge klar: erstens ist das Spiel momentan eine der einfachsten Möglichkeiten, mit der Peergroup in Kontakt zu bleiben, zweitens stellt das Spiel für viele Jugendliche einen wichtigen sozialen Faktor bei der Akquise neuer Bekanntschaften dar."

Was mich betrifft, so haben die Spielrunden mit meinen Kollegen mittlerweile abgenommen, aber wir unterhalten uns im Chat dennoch immer wieder über aktuelle Games und das eigene Wohlbefinden. Man kennt sich mittlerweile ja ein wenig. (Alexander Amon, 7.3.2021)