Zur Klärung, welche Personengruppe besonders geschützt gehört, braucht es vor allem Argumente, warum man diesen Menschen Priorität einräumen soll, sagt Gottfried Schweiger vom Zentrum für Ethik und Armutsforschung in Salzburg im Gastkommentar.

"Alle Menschen sind verletzlich. Das ist so richtig wie auch zunächst wenig aussagekräftig."
Foto: AP / Valentina Petrova

Seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie ist Verletzlichkeit in aller Munde. Die verletzlichen Gruppen sollen geschützt werden. Im Fokus stehen dabei ältere Menschen sowie Menschen mit Vorerkrankungen. Immer öfter wird auf "vergessene" oder "übersehene" verletzliche Gruppen hingewiesen: Kinder, Jugendliche, Migrantinnen und Migranten, Frauen, Studierende. Aber was ist damit überhaupt gemeint, wenn man sagt, jemand sei verletzlich?

Alle Menschen sind verletzlich. Das ist so richtig wie auch zunächst wenig aussagekräftig. Verletzlichkeit ist nicht automatisch ein ethischer Begriff – nur weil jemand verletzlich ist, heißt das noch nicht, dass er oder sie besonders geschützt werden sollte. Es ist sinnvoll, ein paar grundlegende Differenzierungen vorzunehmen, damit der Begriff der Verletzlichkeit weiterhelfen kann, soziale Verhältnisse besser zu verstehen und politische Forderungen daraus abzuleiten.

Nicht alle gleich

Erstens kann zwischen einer natürlichen und einer sozialen Verletzlichkeit unterschieden werden. Als natürliche Verletzlichkeit kann man jene verstehen, die sich aus der menschlichen Körperlichkeit und seinen Bedürfnissen ergibt. Davon zu unterscheiden ist die soziale Verletzlichkeit, die sich aus den sozialen Normen und Praktiken ergibt und die somit je nach sozialem Kontext unterschiedlich sein kann. Alle Menschen besitzen einen verletzlichen Körper, der durch Unfälle, Krankheiten oder Angriffe verletzt werden kann. Nur in einer Arbeitsgesellschaft, in der Einkommen und Selbstwert an der Erwerbsarbeit hängen, gibt es ein Risiko der Verarmung durch Arbeitslosigkeit.

Zweitens sind nicht alle Menschen gleich verletzlich. Kinder sind körperlich verletzlicher als Erwachsene, und ältere Menschen haben ein größeres Risiko, an Covid-19 schwer zu erkranken oder daran zu sterben. Menschen, die auf Erwerbsarbeit für ihren Lebensunterhalt angewiesen sind, sind für die Leiden und Mängel, die mit Arbeitslosigkeit einhergehen, verletzlicher als Menschen, die sehr reich sind. Neben solchen Unterschieden, die mit körperlichen oder sozialen Eigenschaften der Menschen verbunden sind, spielt auch die Umgebung eine Rolle. Erfrieren kann man nur, wenn es draußen sehr kalt ist. Menschen, die in einem Kriegsgebiet wohnen, haben ein höheres Risiko, verletzt zu werden, als Menschen, die in einer friedlichen österreichischen Kleinstadt wohnen. Das Klima und die sozialen Verhältnisse sind nur zu einem geringen Teil, wenn überhaupt, durch das Individuum beeinflussbar, sind aber Quellen der Verletzlichkeit.

Möglichkeit und Risiko

Drittens ist es sinnvoll, zwischen der Verletzlichkeit als einer Möglichkeit, verletzt zu werden, und dem Risiko, verletzt zu werden, zu unterscheiden. Alle Kinder sind typischerweise verletzlicher als Erwachsene. Das Risiko, eine schwere Traumatisierung zu erleiden, ist aber für Erwachsene in einem Kriegsgebiet wesentlich höher als für ein typisches Kind in einer österreichischen Mittelschichtsfamilie. Manche Erwachsene sind also verletzlicher als manche Kinder. Das Verletzungsrisiko ist von äußeren Umständen und individuellen Ressourcen abhängig. Daher sind auch nicht alle Menschen, die wegen ihres Alters oder aufgrund von Vorerkrankungen ein höheres Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken, gleich verletzlich. Manche von ihnen können sich nämlich besser schützen und isolieren als andere.

Viertens kann man zwischen einer "Tiefe" und einer "Weite" der Verletzlichkeit unterscheiden. Mit der Tiefe ist gemeint, dass Menschen für einen bestimmten Schaden oder ein bestimmtes Leid besonders anfällig sind. Zum Beispiel ist ein Mensch, der eine bestimmte genetische Disposition für eine Krankheit hat, in dem Sinne verletzlicher, dass das Risiko für ihn viel höher ist, daran zu erkranken. Die Weite der Verletzlichkeit beschreibt, dass ein Mensch hinsichtlich vieler verschiedener Leiden verletzlicher ist als andere Menschen. So leiden obdachlose Menschen nicht nur unter dem Fehlen einer Unterkunft, sondern sind häufiger krank, einsam, arm und politisch ohne Gehör.

Moralischer Anspruch?

Wenn man also sagt, jemand sei verletzlich, dann können damit unterschiedliche Dinge gemeint sein, die man auseinanderhalten sollte. Manchmal wird suggeriert, dass Verletzlichkeit alleine schon einen moralischen Anspruch begründet, nämlich den, vor einer Verletzung geschützt zu werden. Dem ist aber nicht so. Es gilt zu klären, wer warum durch wen vor welchen Verletzungen geschützt werden sollte. Niemand wird bestreiten, dass Flüchtlingskinder in Griechenland höchst verletzlich sind. Dennoch meinen viele, dass Österreich nicht dafür zuständig ist, sie zu schützen.

Will man diese Menschen überzeugen, dann reicht der Hinweis auf die Verletzlichkeit nicht aus. Ebenso ist es plausibel anzunehmen, dass sich manche Männer in ihrer Ehre verletzt fühlen, wenn sie Frauen gleichberechtigt behandeln sollen. Diese Verletzung des männlichen Stolzes ist aber natürlich kein gutes Argument, sexistisches Handeln zu akzeptieren. Es ist sicherlich so, dass in der Corona-Pandemie viele Menschen hinsichtlich verschiedener Aspekte verletzlich sind: zu erkranken, zu sterben, sich vor einer Infektion nicht schützen zu können, depressiv zu werden, zu vereinsamen, Opfer häuslicher Gewalt zu werden, zu verarmen oder den Job zu verlieren. Insofern nicht alle Menschen gleichzeitig und gleich gut geschützt werden können, bedarf es der ethischen und politischen Abwägung.

Der Hinweis darauf, dass bestimmte Gruppen verletzlich sind, hilft hier also nicht weiter. Es braucht Argumente dafür, warum eine bestimmte Verletzlichkeit moralische und politische Priorität haben sollte vor einer anderen. (Gottfried Schweiger, 7.3.2021)