In Chile gelten strenge Abtreibungsgesetze, immer wieder wird dagegen protestiert. Frauenorganisationen fordern für jene, die durch die defekte Pille ungewollt schwanger wurden, eine Erlaubnis abzutreiben.

Foto: REUTERS/Rodrigo Garrido

Es begann mit einem Verpackungsfehler in einem chilenischen Labor des deutschen Arzneimittelherstellers Grünenthal. Es ging weiter mit einem halbherzigen Rückruf durch die Behörden und endete mit einem Drama: Bis zu 170 Chileninnen wurden trotz Einnahme der Antibabypille im vergangenen Jahr schwanger.

Eine von ihnen ist Eugenia Corvalán aus Talca. Die 30-jährige Pizzabäckerin wollte kein Kind, sondern plante eine mehrmonatige Reise mit ihrem Freund, wie chilenische Medien berichteten. Zur Verhütung nahm sie seit zwei Jahren regelmäßig die Pille Anulette CD des Labors Silesia, die sie in einer örtlichen Apotheke kaufte. Im September ging sie wegen schwerer Krämpfe ins Krankenhaus. Dort bescheinigten ihr die Ärzte, dass sie schwanger sei.

Ein paar Tage später schickte ihre Schwester ihr einen Link zur Seite der chilenischen Frauenorganisation Miles. Dort erfuhr Corvalán zum ersten Mal, dass es bei der Pillenproduktion zu Fehlern gekommen war und die Labore Silesia und Andrómaco – Tochterunternehmen von Grünenthal – im August eine Rückrufaktion gestartet hatten. Grünenthal ist seit 1979 in Chile tätig und gehört dort zu den fünf marktführenden Pharmaunternehmen.

Fast ein Jahr im Umlauf

Miles wurde durch den Rückruf auf die Panne aufmerksam und beschloss, die Sache im Blick zu behalten. "Im August 2020 wurden 130.000 Packungen zurückgerufen. Geliefert worden waren sie schon im September 2019, wie uns die staatliche Einkaufsstelle berichtete", sagte die juristische Koordinatorin von Miles, Laura Dragnic, dem STANDARD. "Seltsam ist für uns, dass die defekten Pillen so lange im Umlauf waren." Der Frauenorganisation zufolge war es nicht die Qualitätskontrolle des Labors, die Alarm schlug, sondern ein Gesundheitsposten. Dort war dem Personal aufgefallen, dass in einigen Blistern Tabletten fehlten, zerdrückt oder vertauscht waren.

Anulette CD besteht aus 21 gelben Verhütungspillen sowie sieben blauen Placebos, die während der Menstruation einzunehmen sind. Die Betroffenen haben wohl in jener Zeit die unwirksamen Tabletten eingenommen, in der sie eigentlich auf deren Schutz vertrauten.

Die Firma bestätigte dem STANDARD den Vorfall. Im August und September seien zwei Ladungen zurückgerufen worden. Es sei zu Verpackungsfehlern gekommen, die jedoch sichtbar gewesen seien. Laut Grünenthal wurden diese Fehler bei zwölf von insgesamt 276.890 überprüften Packungen festgestellt. Die beiden Labore belieferten vor allem die staatlichen Gesundheitsposten, wo die Pille kostenlos an rund 380.000 bedürftige Frauen im Land abgegeben wird.

Ökonomisch prekäre Lage

Für viele von ihnen ist die Schwangerschaft dramatisch, denn aufgrund der Pandemie sind sie in einer wirtschaftlich noch schwierigeren Situation als zuvor. "Ich war total fertig und wütend, als ich davon erfuhr", erzählte die mittlerweile im siebten Monat schwangere Damaris Reyes (24) der Zeitung La Tercera. "Ich will kein Kind, und der Vater auch nicht. Er begann, mir die Schuld zu geben, mich verbal zu misshandeln, und verließ mich. Die Verantwortung wird letztlich auf uns Frauen abgewälzt."

"Für uns ist das eine eklatante Verletzung des Rechts auf Familienplanung und der Selbstbestimmung der Frauen über ihren Körper", sagt Dragnic. Die Firma reagierte mit Statistiken, wonach auch bei ganz korrekter Anwendung drei von tausend Frauen trotz Pille schwanger werden. Für Miles tragen aber sowohl der Staat als auch das Unternehmen Verantwortung. "Die Rückrufaktion war halbherzig, viele Frauen haben nicht oder viel zu spät davon erfahren. Außerdem untersuchten die Behörden auch nicht, ob noch weitere Lieferungen betroffen waren. Die staatliche Gesundheitsbehörde belegte die Labore wegen Produktion und Verteilung mangelhafter Produkte mit einer Strafe von umgerechnet 76.000 Euro und kurzfristiger Suspendierung.

Abtreibungen ermöglichen

Das greift für Miles jedoch zu kurz. "Das Geld geht nicht an die Betroffenen, sondern verbleibt beim Staat." Die Organisation wandte sich deshalb an die Uno und an die Interamerikanische Menschenrechtskommission in der Hoffnung, dass den Frauen, die abtreiben wollen, dies genehmigt wird – obwohl ein striktes Gesetz in Chile derzeit Schwangerschaftsabbruch nur bei Vergewaltigung erlaubt oder wenn das Leben der Mutter oder des Kindes in Gefahr sind.

Außerdem arbeitet Dragnic derzeit an einer zivilen Entschädigungsklage, die sich gegen den Staat und die Firma richtet. "Ein Kind bringt die ganze Lebensplanung einer Frau durcheinander und ist eigentlich monetär nicht kompensierbar", sagt Dragnic. "Aber wenigstens für die entstehenden Kosten sollten die Frauen Unterstützung erhalten."

In Chile wird im April eine verfassungsgebende Versammlung als Antwort auf die monatelangen Proteste gegen die konservative Regierung und das neoliberale Wirtschaftssystem gewählt. Die Versammlung wird paritätisch besetzt sein. Frauenrechte und Verbraucherschutz dürften dabei eine wichtige Rolle spielen. (Sandra Weiss, 8.3.2021)