Die Corona-Pandemie hat erreicht, woran viele Bürgermeister in ganz Europa gescheitert sind: Zehntausende Airbnbs aus den Stadtzentren zu vertreiben und so die Mietkosten für Einheimische zu senken – mancherorts um bis zu 15 Prozent. Kritiker bemängelten davor, dass der Anstieg der auf der Kurzzeitvermietungsseite gelisteten Wohnungen in den vergangenen Jahren viele Einheimische aus dem Wohnungsmarkt verdrängt und historische Viertel in seelenlose Orte verwandelt habe.

Venedig in der Pandemie: Millionen Touristen bleiben aus – und damit potenzielle Kunden für Airbnb-Vermieter.
Foto: REUTERS/Manuel Silvestri

Der Zusammenbruch des Tourismus führte an Touristen-Hotspots wie Lissabon, Barcelona, Prag oder Venedig dazu, dass sich einige Gastgeber neu orientierten. Statt an Urlauber vermieteten sie nun an mittel- bis langfristige Mieter, sind selbst eingezogen oder haben ihre Immobilien ganz aufgegeben. Von Air DNA, einem Analyseunternehmen für Ferienvermietungen, erhobene Daten zeigen, dass die Anzahl der Airbnb-Angebote mit mindestens einer gebuchten oder verfügbaren Nacht im vergangenen Monat in den 50 größten Städten Europas im vergangenen Jahr um 21,9 Prozent gegenüber 2019 gesunken ist.

Für immer aufgegeben

Airbnb selbst teilte mit, dass es sich an das veränderte Reiseverhalten, bei dem die Menschen eher in kleinere Städte als in touristische Hotspots wollen, angepasst habe. "Wir hatten Ende 2020 mehr Inserate in Frankreich, Deutschland, Portugal, Spanien und der Tschechischen Republik als Ende 2019", sagte Airbnb-Sprecher Andreu Castellano der Nachrichtenagentur Reuters.

Während einige Gastgeber in großen europäischen Städten planen, zu Airbnb zurückzukehren, wenn die Touristen zurückkommen, haben andere das Geschäft mit der Ferienvermietung für immer aufgegeben. "Wenn der Tourismus schneller zurückgekommen wäre, hätte ich diese Entscheidung vielleicht nicht getroffen. Aber ich kann nicht noch ein Jahr weitermachen, ohne zu wissen, wann wieder Geld hereinkommt", sagt Vanessa Rola, die vier Wohnungen in Lissabons Stadtteil Graça auf Reiseplattformen wie Airbnb vermietete. Ohne Touristen konnte sie ihre eigene Miete nicht bezahlen, nun ist sie dabei, ihre Verträge zu beenden.

Barcelona: Schon lange regte sich in der spanischen Touristenhochburg Widerstand gegen "Overtourism".
Foto: Reuters/NACHO DOCE

In Venedig zeigen die Daten von Air DNA, dass Buchungen bei Airbnb und dem Konkurrenten Vrbo im Jänner im Vergleich zum Vorjahr um 67 Prozent zurückgegangen sind. Dort drängen nun Anrainer die Regierung, die Chance zu ergreifen, um den Einheimischen zu helfen – vorgeschlagen werden zum Beispiel eine Begrenzung der Miettage und die Umwandlung von leerstehendem Wohnraum in preiswerten Wohnraum.

"Kein Open-Air-Themenpark"

"Vor der Pandemie waren die Mieten in Venedig für normale Leute fast unbezahlbar geworden", sagt Marco Gasparinetti von der Anrainerinitiative "Gruppo 25 Aprile". Er macht die Kurzzeitvermietung für diesen Preisanstieg verantwortlich. Die Stadt mit rund 60.000 Einwohnern wird normalerweise von 20 Millionen Touristen im Jahr besucht. "Es gibt 30.000 Menschen, die jeden Tag nach Venedig pendeln, sich aber nicht leisten können, hier zu leben. Das könnte sich jetzt ändern und dazu beitragen, dass Venedig nicht nur ein Open-Air-Themenpark für Touristen ist."

Im vergangenen Monat meldete Airbnb in seiner ersten Gewinnmitteilung seit dem Börsengang, dass die Buchungen besser als erwartet ausfielen, angetrieben von Aufenthalten auf dem Land und einer Erholung der Nachfrage in Nordamerika. Am schwächsten lief das Geschäft in Europa, dem Nahen Osten und Afrika. Die Gründe dafür sind bekannt.

Lebensqualität sichern

Seit Jahren kämpfen Bürgermeister damit, den Wildwuchs von Ferienimmobilien in den Stadtzentren einzudämmen. Da sie aber nicht über die nötigen Daten verfügen, konnten sie eine Begrenzung der Miettage oder der Anzahl der Objekte in einem Gebäude, das für die Ferienvermietung genutzt wird, nicht durchsetzen.

Immerhin: Airbnb, Expedia, Tripadvisor und Booking.com haben im vergangenen März zugestimmt, Daten über die Anzahl der Nächtigungen und der Gäste mit der EU-Statistikbehörde zu teilen. Die Zahlen für 2020 werden in der zweiten Jahreshälfte erwartet. Im vergangenen September schrieben 22 Bürgermeister an EU-Kartellamtschefin Margrethe Vestager und forderten sie auf, den Datenaustausch auf die Stadtverwaltungen auszuweiten, damit sie "die Lebensqualität der Nachbarschaften sichern können".

Leere U-Bahn-Station in Prag: Die Zahl der Airbnb-Angebote sank von 14.500 auf 8.000.
Foto: Reuters/David W Cerny

"Wenn der Tourismus zurückkehrt, müssen wir ihn nachhaltig machen – ein Modell schaffen, das die Vermietung von Ferienwohnungen nicht verbietet, aber Grenzen hat, die sicherstellen, dass dies eine Stadt ist, die man besuchen kann, in der man aber auch leben und arbeiten kann", sagt Ricardo Valente, ein Stadtrat in Porto, einer der Unterzeichnerstädte. Daher kommen die Reisebeschränkungen einigen Städten zupass – zumindest im Moment.

"Airbnb-Boom ist vorbei"

In Lissabon, das einen enormen Zuwachs an Airbnbs im historischen Zentrum verzeichnete, sind laut der Website "Inside Airbnb" 5.000 der 25.000 Inserate während der Pandemie von der Website verschwunden. Laut der Immobiliendatenbank Confidencial Imobiliario fielen die Mietpreise zwischen März und Dezember 2020 um 15 Prozent, was größtenteils auf die plötzliche Verfügbarkeit tausender ehemaliger Ferienunterkünfte zurückzuführen ist.

In Prag stürzten die Airbnb-Angebote laut "Inside Airbnb" von 14.500 auf weniger als 8.000 ab. Die Mieten sind um rund acht Prozent gesunken, berichtet der Immobilienentwickler Trigema. "Ich habe 20.000 Dollar im Monat verloren, und die Regulierung hat die Dinge sehr kompliziert gemacht", sagt Ondrej, ein Vermieter in Prag. Er hat seine zwei Airbnb-Wohnungen verkauft und die drei, die er untervermietet hatte, aufgegeben. "Der Airbnb-Boom ist vorbei."

Lissabon: die Krise als Chance, die Innenstadt wiederzubeleben.
Foto: Reuters/Rafael Marchante

Das Unternehmen sagt jedoch, dass es sich inmitten der sich verändernden Nachfrage als widerstandsfähig erwiesen habe: Die Gäste suchen sich andere, außerstädtische Ziele. Sie buchen ganze Häuser. Die Plattform passe sich an die geänderte Nachfrage und die Bedürfnisse der Gäste an.

Nicht jeder, der in Innenstädten wohnt, gibt auf. Daten aus Portugal zeigen, dass zwar tausende Immobilien von der Plattform verschwunden sind, aber nur 114 ihre Lizenz zur Ferienvermietung aufgegeben haben – ein begehrtes Gut in den historischen Vierteln der Stadt, wo der Gemeinderat die Vergabe neuer Lizenzen im Jahr 2019 verboten hat.

Für immer vom Markt verschwunden

Programme, die versuchen, Airbnb-Eigentümer durch steuerliche Anreize und das Versprechen eines Fünfjahresvertrags auf den sozialen Wohnungsmarkt zu locken, wurden bisher nur zaghaft angenommen: Nur 34 Objekte waren es in Lissabon und zwölf in Porto, heißt es von den Stadtverwaltungen. Stattdessen nutzen einige Vermieter lokale Vermietungsseiten oder ihre eigenen Buchungskanäle, um längerfristige Mieter zu finden. Airbnb veröffentlichte im vergangenen Monat drei Videos mit dem Titel "Made Possible by Hosts" – ein Versuch, diejenigen zurückzugewinnen, die die Plattform verlassen haben.

Daten von Air DNA zeigten, dass die Vorausbuchungen in Rom, Lissabon und Budapest Ende März um 85 bis 90 Prozent unter dem Vorjahresniveau lagen. Im Gegensatz dazu waren die Buchungen über US-Ferienvermietungsplattformen um nur zwei Prozent niedriger. Eduardo Miranda, Leiter des portugiesischen Verbands für Ferienvermietung, erwartet, dass etwa 15 Prozent der Airbnbs in Lissabon für immer vom Markt verschwinden werden, selbst wenn der Tourismus zurückkehrt. Er erwartet ein weiteres hartes Jahr. "Wenn der Sommer verloren ist, ist das Jahr verloren." (Reuters, red, 9.3.2021)