Wie eine den Himmel verfinsternde biblische Plage fallen die Heuschreckenschwärme über das Land her.
Foto: REUTERS/Baz Ratner

Im Dezember 2018 begannen sich im Nordosten von Eritrea und dem Sudan die Wüstenheuschrecken rasant zu vermehren. Wenige Wochen und einige Heuschreckengenerationen später hatten sich bereits große Schwärme der gefräßigen Insekten auf beiden Seiten des Roten Meeres ausgebreitet. Ende Jänner erreichte ein riesiger Schwarm den Iran. Im Jänner fiel die Plage auch über Mekka in Saudi-Arabien her. Gegen Ende des Jahres litten die Menschen im indo-pakistanischen Grenzgebiet besonders unter den Zerstörungen in der Landwirtschaft, die die Wüstenheuschrecken verursachten.

Am schlimmsten betroffen blieb aber Ostafrika: Ende 2019 erlebte die Region am Horn von Afrika seit einem Viertel Jahrhundert die schlimmste Plage von Wüstenheuschrecken. Millionen der Insekten fielen über Landstriche her und vernichteten Ernten und fraßen Weiden kahl. Die Folgen einer solch massiven Verbreitung können immens sein: Ein Schwarm Wüstenheuschrecken von etwa einem Quadratkilometer kann an einem Tag so viel fressen wie 35.000 Menschen. Vor allem Kenia, Äthiopien und Somalia waren schwer betroffen.

Schwerer Kampf während der Pandemie

Die Heuschreckenplage war auch im Corona-Jahr 2020 nur schwer in den Griff zu bekommen. Zum einen hat es in Ostafrika in den vergangenen beiden Jahren viel geregnet, was zu mehr Vegetation und somit mehr Futter für die Insekten führte. Zum anderen konnten sich die Heuschrecken weit ausbreiten: Als ausgewachsene Tiere können die Insekten mit günstigem Wind mehr als 130 Kilometer am Tag fliegend zurücklegen. In Ländern wie Somalia ist die Bekämpfung der Heuschrecken wegen der Konflikte besonders schwer. Außerdem haben die Belastungen durch die Pandemie den Kampf monatelang erschwert.

Die aktuelle Heuschreckensituation in Ostafrika und Nahost.
Grafik: FAO

Heuer sind die Insekten weniger zahlreich und die Schwärme kleiner als im Vorjahr. Das liege unter anderem an den für die Heuschrecken weniger günstigen Wetterbedingungen, wie Keith Cressman, Experte für Heuschrecken bei der UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO), erklärt: Die vergangenen Monate waren in Ostafrika deutlich trockener als die gleichen Monate im Vorjahr. Die kleine Verschnaufpause da und dort könnte sich aber als relative Ruhe vor dem Sturm entpuppen. Forscher warnen vor einer womöglich noch verheerenderen neuen Welle.

Große neue Generation

"In Kenia ist die Lage schlimmer als im vergangenen Jahr", sagte Kenneth Mwangi vom ostafrikanischen Klimazentrum ICPAC. Diesmal hätten mehr Bezirke als im Vorjahr von den Heuschrecken berichtet und mehr landwirtschaftliche Gebiete seien betroffen. Die größte Angst sei, dass die Heuschrecken nun mehr Platz finden würden, um Eier zu legen. "Das bedeutet, dass mit der neuen Regenzeit eine größere neue Generation schlüpfen könnte."

Schon als Einzeltiere beeindruckend: Die adulte Wüstenheuschrecke (Schistocerca gregaria) ist mit einer Körperlänge von bis zu neun Zentimetern ein beängstigend großes Insekt.
Foto: AFP/YASUYOSHI CHIBA

Für Bauern ist das die Zeit, in der sie ihre Felder bepflanzen. Das ist für die Heuschrecken sehr günstig, wie Mwangi erklärt. Zum einen brauchen die Insekten demnach feuchte sandige Erde, um ihre Eier zu legen. Zum anderen würden dann die neu geschlüpften Heuschrecken junge Pflanzen als Futter auf den Feldern vorfinden. "Wir glauben, dass dieses Jahr ein größeres Risiko für die Ernte besteht als im vergangenen Jahr", sagt Mwangi – nicht nur in Kenia sondern auch in Äthiopien.

Hungersnot auch ohne Heuschrecken

Humanitäre Helfer schlagen daher Alarm. "Wir sind sehr besorgt über die Lebensgrundlagen und die betroffenen Menschen", sagt Celia Breuer von der Welthungerhilfe in Kenia. Denn die Menschen in Ostafrika kämpfen mit mehreren Krisen: Viele seien bereits von der ersten Heuschrecken-Invasion betroffen gewesen, sagte Breuer. Zudem leiden die Bewohner demnach immer wieder unter extremen Wetterbedingungen – von Dürren bis Überschwemmungen – sowie unter der Corona-Pandemie und den wirtschaftlichen Folgen.

Zwischen August und September 2020 hatten in Kenia ohnehin rund 1,8 Millionen Menschen nicht genug zu Essen, wie Zahlen zur Ermittlung der Nahrungsmittelunsicherheit weltweit zeigen. Für die Bewohner des Landes sei die kommende Regenzeit "ein zweischneidiges Schwert", sagte Breuer: Die Menschen bräuchten den Regen für ihre Ernte, doch zugleich würde der Regen die Heuschreckenplage befeuern. (red, APA, 10.3.2021)