Es wird Zeit, dass sich Twitter erneuert.

Foto: Reuters, Mike Blake

Täglich erscheinen auf Twitter rund eine halbe Milliarde Nachrichten. Großer Druck, sich neu zu erfinden, war deshalb für das mittlerweile 15 Jahre alte US-Unternehmen bisher kaum gegeben. Zumindest bisher. War man Neuerungen gegenüber bis vor kurzem eher skeptisch, ist man seit mehreren Monaten darauf bedacht, neue Features anzukündigen. Mit Twitter Spaces, Twitter Fleets und Super Follows soll also frischer Wind in den angestaubten Service gehaucht werden.

Dornröschenschlaf

Die Konkurrenz schläft nicht. In den Medien werden Tiktok oder Clubhouse besprochen, Snapchat hat bereits eine größere Nutzerschaft als Twitter, und generell wirkt der Nachrichtendienst mittlerweile antiquiert und wurde zumeist nur wegen des US-Ex-Präsidenten Donald Trump noch über seine eigene Community hinaus erwähnt. Die berühmte Rute im Fenster scheint Twitter wahrgenommen zu haben und war zuletzt auf Einkaufstour. Neben dem Social-Start-up Squad hat man auch die Podcast-Plattform Breaker, die Newsletterplattform Revue und das Designstudio Ueno gekauft.

Das frische Blut trägt Früchte, auch wenn die meisten davon wie Kopien bereits bestehender Dienste aussehen. Der Wille, sich nach vielen Jahren neu zu definieren, ist aber spürbar. Zeit also, sich die aktuellen Entwicklungen bei Twitter im Detail anzusehen.

Clubhouse heißt hier Spaces

In Europa noch in der Testphase ist "Spaces". Während man zumindest noch in den USA mit der Audio-App Clubhouse virtuelle Panels abhält – in Europa war der Hype schnell wieder vorbei –, will Twitter globalen Erfolg mit Spaces feiern. Auch hier sollen sich Menschen allein durch ihre Stimmen austauschen. Ohne Video oder die Möglichkeit, sich parallel in einem Textchat austauschen zu können. Der Vorteil gegenüber Clubhouse ist die bereits vorhandene Nutzerbasis, aber genau wie der Mitbewerber läuft Spaces aktuell als Vollversion nur auf iOS. Als Android-User kann man aber immerhin schon an Talks teilnehmen, aber noch keine selbst erstellen.

Aufgezeichnet können die Gespräche ebenfalls werden, auf Wunsch auch nur bestimmte Ausschnitte davon. So kann man Spaces-Unterhaltungen später zum Beispiel offiziell als Podcast veröffentlichen. Bei Twitter wünscht man sich allerdings, dass diese Zweitverwertung in dem jeweiligen "Space" vorab kommuniziert wird, damit die Teilnehmer informiert sind.

Die Zukunft von Spaces sieht Twitter sowohl in großen Talks, wo wenige sprechen und viele zuhören, aber auch in kleinen Runden von etwa zehn Leuten, die sich über ihre Interessen unterhalten. Man sei mit Periscope damals schon nahe dran gewesen, einen ähnlichen Dienst zu etablieren, aber man habe es "verkackt", weil man sich nicht auf eine Sache gezielt fokussiert habe, erklärt der Head of Consumer Product, Keyvon Beykpour, in einem Interview mit "The Verge". Die großen Räume seien im Chaos versunken, die kleinen Räume fühlten sich leer an. Diese Sache diesmal mit Spaces besser hinzubekommen sei das Ziel.

Optisch erinnert Spaces an die Audio-App Clubhouse, soll aber mehr Features bieten.
Foto: Twitter

Fleets

Mit Fleets will Twitter die bisher eher passiven Nutzer erreichen. Beykpour meint dazu, dass viele User Twitter nur zum Lesen nutzen, weil sie "schreckliche Angst vor dem Tweeten" haben. Für viele ist es abschreckend, sich direktem Feedback stellen zu müssen oder etwas zu texten, das jederzeit gegen sie verwendet werden kann. Deshalb habe man "Fleets" eingeführt, eindeutig inspiriert von den Stories bei Instagram beziehungsweise Snapchat.

Bei Fleets, in Europa seit November 2020 verfügbar, fallen die Kommentare weg. Man produziert Text oder Video, und nach 24 Stunden sind die Inhalte wieder gelöscht. Diskussionen können ohne große Hürden gestartet werden – durch die Löschung bleiben die Gespräche flüchtig. Screenshots können natürlich für die Nachwelt gemacht werden, das heißt, zu sehr auf die Löschung sollte man sich auch nicht verlassen.

Super Follows

Bei "Super Follows" sollen Content-Schaffende ihre eigene Fangemeinde aufbauen können, die für exklusive Inhalte bereit ist zu zahlen. Wie der Content aussieht, kann der "Creator" selbst entscheiden. Das kann ein Newsletter sein, exklusive Tweets oder Direktnachrichten. Auch eigens für die zahlende Community erstellte Fleets sind natürlich möglich. So sollen Kreative ähnlich geködert werden, wie das in den vergangenen Jahren bei Youtube oder Twitch der Fall war.

Die Gefahr, die guten Inhalten könnten hinter einer Paywall verschwinden, sieht Beykpour nicht. "Du wirst immer Gründe haben, allgemein zugängliche Inhalte zu schaffen, weil du dir eine Community aufbauen beziehungsweise diese erweitern willst. Ein kleiner Anteil deiner Fans wird dann bereit sein, für zusätzlichen, exklusiven Content zu zahlen." Fans sollen die Möglichkeit haben, die Schaffenden zu unterstützen, weil viele das auch direkt machen wollen. Twitter kann das nur recht sein, wenn dadurch nicht nur die Qualität der Inhalte steigt, sondern man auch an diesen Geldtransaktionen mitschneidet.

Tweetdeck und Birdwatch

Tweetdeck habe man laut Beykpour zuletzt wenig Liebe geschenkt, das solle sich aber in den nächsten Monaten ändern. Twitter arbeitet an einer generellen Überarbeitung des Features, mit dem man am Desktop mehrere Feeds parallel beobachten kann. Neben der eigenen Timeline kann man etwa die aktuellen Trends einblenden und bestimmte Hashtags zusätzlich in einem Feed eingeblendet sehen. Mehr zu den neuen Features wolle man noch im Laufe des Jahres verkünden.

Bisher nur in Englisch verfügbar und zudem nur einem sehr eingeschränkten Personenkreis zugänglich ist Birdwatch. Mit Birdwatch ist die Community aufgerufen, eine Instanz gegen Regelverstöße zu sein. Auch verstärkt durch den zuletzt hart geführten US-Wahlkampf sollen auch User Tweets beziehungsweise Inhalte melden können, die gegen Richtlinien des Unternehmens oder gegen moralische Aspekte verstoßen. Bisher sei man überrascht, wie genau die ersten Moderatoren arbeiten, aber es sei noch ein langer Weg, bis das Feature weltweit eingeführt werden kann.

Tweetdeck hat in den letzten Jahren wenige Neuerungen erfahren.
Foto: Twitter

#RestinPeaceTwitter

Die neuen Services einzuführen ist sicher der wachsenden Konkurrenz auf dem Markt zu verdanken. Beykpour betont aber, dass vor allem das Feedback der Community, dass "auf minütlicher Basis" gegeben wird, auch als Antrieb genutzt wird. "Wenn wir etwas falsch machen, dann bekommen wir das von unseren Kunden sehr deutlich zu hören, und das kann sehr einschüchternd für das Team sein, neue Dinge auszuprobieren."

So kam es nicht selten vor, dass #RestinPeaceTwitter auf Twitter "getrendet" ist, wenn wieder ein neues Feature eingeführt wurde. Mittlerweile ist man intern so weit, zu sagen, wenn der Hashtag länger nicht auftaucht, dann sei man intern nicht mutig genug gewesen.

Das Tempo bei künftigen Erweiterungen soll in jedem Fall erhöht werden. Die Pandemie hat nicht geholfen, den ursprünglichen Zeitplan einzuhalten, denn auch hier müssen Mitarbeiter zu Hause auf ihre Kinder aufpassen, und Kommunikationswege wurden teilweise länger. Man habe sich aber dafür entschieden, schneller Entscheidungen zu treffen. So wurden weniger wichtige Projekte einfach pausiert, um Ressourcen für andere zu schaffen.

Gefragt nach der noch immer fehlenden Editier-Funktion bei bereits verschickten Tweets, legte sich Beykpour nicht fest, aber man solle die Augen nach dieser Funktion offen halten. (Alexander Amon, 10.3.2021)