Deb Haaland bei der Anhörung vor dem Senat – kommende Woche soll abgestimmt werden.

Foto: Graeme Jennings/Pool via REUTERS

Sie sei Neu-Mexikanerin in 35. Generation, stellte sich Deb Haaland den Senatoren vor, die grünes Licht geben müssen, bevor sie ihren Platz am Kabinettstisch einnehmen kann. Das ist zwar, rein verwaltungstechnisch gesehen, nicht ganz korrekt, gibt es den Bundesstaat New Mexico doch erst seit 1912. Doch blendet man das Administrative aus, stimmt es natürlich. Haalands indigene Vorfahren vom Volk der Laguna Pueblo lebten bereits im 13. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen New Mexico, vierhundert Jahre bevor die Pilgerväter, die auf der Mayflower über den Atlantik segelten, im heutigen Massachusetts an Land gingen.

Die kleine Geschichtsstunde ist nötig, um zu verstehen, was es bedeutet, wenn die bisherige Kongressabgeordnete in die Regierung aufrückt. Zum einen feiert sie eine historische Premiere, denn noch nie hat eine Indigene dem Kabinett angehört. Zum anderen hat das Ressort, dessen Leitung sie übernimmt, maßgeblich mitgewirkt an der Vertreibung der Ureinwohner.

Im Bureau of Indian Affairs, dem Innenministerium unterstellt, liefen die Fäden zusammen, als die Urbevölkerung zu Märschen ins Elend gezwungen und in unwirtliche Reservate abgedrängt wurde, zu deren Problemen bis heute neben bitterer Armut Alkoholismus und ein hohes Suizidrisiko gehören.

Zivilisieren oder vernichten

Haaland hat neulich kurz und prägnant zusammengefasst, was sich einer ihrer Amtsvorgänger, ein gewisser Alexander Stuart, in den 1850er-Jahren zum Ziel setzte: "Er wollte uns entweder zivilisieren oder vernichten." Auf dem Parteitag der Demokraten, der Joe Biden zum Präsidentschaftskandidaten kürte, erinnerte sie an die Leiden und die Widerstandskraft ihres Volkes, das Jahrhunderte des Genozids und brutaler Assimilationspolitik überstanden habe. Zugleich, betonte sie, "haben die Stammesnationen für dieses Land gekämpft und mitgeholfen, es aufzubauen".

2018 war Haaland neben Sharice Davids aus Kansas die erste Indigene, die ins Repräsentantenhaus gewählt wurde. Als sie dort einzog, musste sie, damals 58 Jahre alt, noch immer Kredite abstottern, mit denen sie ihr Jura-Studium finanziert hatte. Ihre Eltern, die Mutter eine Laguna Pueblo, der Vater Nachkomme norwegischer Einwanderer, dienten beide beim Militär. Wegen ständiger Umzüge hat sie 13 verschiedene Schulen besucht. Nach der Uni war sie, alleinerziehende Mutter einer Tochter, zeitweise auf staatliche Lebensmittelmarken angewiesen. "Eine Stimme wie die meine hat der Kongress noch nie gehört", lautete vor drei Jahren ihr Wahlkampfslogan.

Fossile Brennstoffe

Nun sah es für kurze Zeit so aus, als hinge ihre Bestätigung durch den Senat am seidenen Faden. Republikaner liefen Sturm gegen Haaland, auch Demokraten aus Staaten, in denen die Förderung fossiler Brennstoffe wirtschaftlich stark ins Gewicht fällt, ließen Vorbehalte erkennen. Mit ihrer indigenen Abstammung hatte das wenig zu tun, umso mehr mit ihrer Vorgeschichte als Umweltaktivistin.

2016 beteiligte sie sich an den Protesten der Standing Rock Sioux, die monatelang in einem Zeltlager in der Nähe des Missouri ausharrten, um den Bau einer Ölpipeline von North Dakota nach Illinois zu verhindern. Spätestens seit diesem Kapitel ist Haaland ein rotes Tuch für die Rohstoffindustrie – wie auch für Politiker, die deren Interessen vertreten.

John Kennedy, ein konservativer Senator aus Louisiana, beschimpfte sie als "neosozialistische Irre", die noch links von Lenin stehe. Joe Manchin, ein Demokrat aus dem Kohlestaat West Virginia, äußerte Bedenken, bevor er Unterstützung signalisierte. Den Ausschlag gab Lisa Murkowski, eine moderate Republikanerin aus dem ölreichen Alaska. Einerseits mache ihr Sorgen, was eine Ministerin Haaland für künftige Erdölprojekte in Alaska bedeute. Andererseits, und das sei das Entscheidende, wisse sie um das Historische der Personalie, erklärte sie, bevor sie im Senatsausschuss für Energie für die Kandidatin stimmte. Damit waren die Weichen gestellt für den Rest des Verfahrens, ein Votum aller 100 Senatoren, das nächste Woche ansteht.

Land in Staatsbesitz

Um die Härte des Ringens zu begreifen, muss man wissen, was zu den Aufgaben des Innenressorts gehört. Zum Beispiel, Land in Staatsbesitz zu verwalten. Das sind zum einen die grandiosen Nationalparks, zum anderen riesige Flächen, vor allem im Westen der USA, auf denen nur dann nach Öl und Gas gebohrt werden darf, wenn es die Regierung in Washington erlaubt.

Unter Donald Trump waren solche Lizenzen in großem Stil vergeben worden, Biden hat die Genehmigung neuer gestoppt. Was dem Moratorium auf lange Sicht folgen soll, ist noch nicht entschieden. Deb Haaland spricht von einem Balanceakt zwischen ökonomischen und ökologischen Interessen, der zu meistern sei. Als Umweltaktivistin hatte sie sich noch eindeutig für ein Bohrverbot ausgesprochen. (Frank Herrmann, 11.3.2021)