In Bergamo Verstorbene mussten auf Friedhöfe in anderen Städten gebracht werden, unter anderem nach Ferrara, das 220 Kilometer entfernt ist.

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Die Bilder gingen um die Welt und haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: In der Nacht auf den 18. März 2020 verließ ein langer Konvoi von Militärlastwagen mit über 60 Särgen die Stadt. Das Krematorium von Bergamo war überlastet, auf den Friedhöfen gab es keinen Platz mehr für die vielen Covid-Toten.

In den folgenden Tagen rollten weitere solcher Konvois. Die Leichname wurden in die Krematorien anderer Provinzen gebracht, wo die Epidemie weniger heftig wütete. Die Angehörigen wussten in der Regel nichts über den Verbleib der Verstorbenen und erhielten oft die Urnen mit ihrer Asche erst nach über einem Monat: Dann erst konnten sie ihre Toten endlich beisetzen.

Giovanni Ceresoli war Augenzeuge des Horrors, er beobachtete die Konvois unter seinem Wohnzimmerfenster. Der heute 67-Jährige war zu dieser Zeit selbst mit dem Covid-19-Virus infiziert: zehn Tage lang 38 Grad Fieber und Husten. "Die Szene hatte etwas absolut Unwirkliches. Ich fühlte mich wie in einer Blase, und ich wollte eigentlich nicht aus dieser Blase herausschauen. Ich wollte nicht mehr sehen, was draußen passiert. Weil das, was man draußen sah, einfach zu schrecklich war", sagt Ceresoli.

Zum Jahrestag will Regierungschef Mario Draghi nach Bergamo kommen, um gemeinsam mit den Bewohnern der Toten zu gedenken.

Im "Schützengraben"

"Das Schlimmste waren die Blicke der hunderten Patienten in der Notaufnahme, die uns mit angsterfüllten Augen anschauten und auf eine Antwort warteten, die wir ihnen nicht geben konnten", erinnert sich Fabio Pezzoli, der Sanitätsdirektor des Krankenhauses Papst Johannes XXIII. Das große, moderne Spital mit 900 Betten war wochenlang Italiens "Schützengraben im Krieg gegen das Coronavirus": Hier wurden bis zu 550 Covid-Patienten gleichzeitig behandelt, aus Platzmangel auch auf den Fluren. Auf der Intensivstation lag der Verbrauch an Sauerstoff bei 8600 Litern – pro Stunde! Auf dem Höhepunkt der ersten Welle starben in der Klinik täglich bis zu 25 Patienten – so viele wie sonst in einem Vierteljahr.

Viele Bergamaskinnen und Bergamasken haben den Schock bis heute nicht überwunden: Die Stadtbehörden haben deshalb psychologische Betreuungsstellen eingerichtet, in denen Überlebenden und Angehörigen geholfen wird, das Trauma zu verarbeiten.

Wer das Drama nicht selber erlebt habe, könne es sich vielleicht gar nicht vorstellen, meint die 42-jährige Boutique-Besitzerin Lucy. "Die Stadt war leer, in den Straßen fuhren nur noch Leichenwagen und Ambulanzen, ununterbrochen heulten deren Sirenen." Die Sirenen wurden aus Rücksicht auf die Anwohner irgendwann nicht mehr benützt. "Und dann hörte man nur noch die Totenglocken", erinnert sich Lucy. Sie sei tagelang nur noch zu Hause gesessen und habe geweint.

Neuerliche Schließungen

Auch heute herrscht in Bergamo kaum Betrieb, die Straßen der Città Alta, der auf einem Hügel thronenden mittelalterlichen Altstadt von Bergamo, sind weitgehend verwaist, viele Geschäfte sind geschlossen.

Nach einem vergleichsweise ruhigen Sommer und Herbst ist die Pandemie in den vergangenen Wochen wieder in die Stadt zurückgekehrt: Bergamo wurde von der Regierung am 6. März – wie auch die ganze Lombardei – als "verstärkte orange Zone" eingestuft, doch auch ein Umschalten auf Rot könnte passieren.

Zwar liegen die Fallzahlen in Bergamo noch nicht so hoch wie etwa im 50 Kilometer weit entfernten Brescia, wo die Krankenhäuser wieder an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. "Aber überstanden ist der Notstand auch bei uns noch nicht", betont Luca Lorini, der Chef der Notfallmedizin am Spital Papst Johannes XXIII. Auf der Intensivstation liegen wieder dutzende Patienten.

Wohl keine andere Stadt wurde von Covid-19 so brutal heimgesucht wie Bergamo: Wochenlang galt die Stadt als das "Wuhan Europas". Allein zwischen dem Ausbruch der Epidemie Ende Februar und dem 31. März starben in der dichtbesiedelten Provinz Bergamo mit ihren 1,1 Millionen Einwohnern nach offiziellen Angaben 6238 Personen, davon 670 in der Stadt selbst. In "normalen" Jahren sterben in der Provinz im gleichen Zeitraum knapp 1200 Personen. Auf dem Höhepunkt der Epidemie hatte sich die Sterblichkeit demnach fast versechsfacht.

Aber so weit werde es nun nicht mehr kommen, versichert Lorini: "Die Wissenschaft hat ein Wunder vollbracht: Wir haben nach kürzester Zeit gleich mehrere Impfstoffe zur Verfügung. Damit werden wir das Virus besiegen." (Dominik Straub aus Rom, 12.3.2021)