Der Buckingham-Palast will die Rassismusvorwürfe gegen einen Royal untersuchen. Was mit den Ergebnissen passiert, ist noch unklar.

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Die Drehbuchautoren der Serie The Crown werden auch noch für kommende Staffeln genügend Stoff haben. Denn diese Woche hat sich das Drama um das britische Königshaus weitergedreht: im realen Leben.

Dass Millionen Menschen das Interview von Herzogin Meghan und ihrem Mann Harry bei der US-Talkshowqueen Oprah Winfrey verfolgt haben, liegt vor allem an der Faszination, die die britischen Royals auf die Welt ausüben, sagt auch der österreichische Adelsexperte Robert Seydel im Gespräch mit dem STANDARD.

Denn Hand aufs Herz: Wer hat in der Vergangenheit mit so viel Hingabe das Geschehen im norwegischen Königshaus verfolgt, als Prinzessin Märtha Louise die Anrede "Königliche Hoheit" verlor? Oder den juristischen Kampf von Delphine Boël um ihren Platz in der belgischen Königsfamilie, da sie das uneheliche Kind von Ex-König Albert II. ist?

Parallelen zu Diana

"Jeder auf der Welt kennt die Queen. Sie ist das Oberhaupt der am meisten rezensierten Königsfamilie der Erde", sagt Seydel. Und genau deshalb sind die britischen Royals Menschen, mit denen sich die Öffentlichkeit identifiziert, mit deren Problemen man mitleidet, sagt der Adelsexperte – ähnlich wie bei Hollywoodstars. Und wenn es dann auch noch ein ebensolcher ist, der über das Königshaus auspackt, dann will man das hören.

Es waren Rassismusvorwürfe wegen der möglichen Hautfarbe von Sohn Archie und solche wegen fehlender Hilfe bei psychischen Problemen, die Meghan im US-Fernsehen äußerte und die Harry bekräftigte.

Schnell waren Parallelen zu Harrys Mutter Lady Diana gezogen, die 1995 über ihre "Ehe zu dritt" in der BBC auspackte und so dem Königshaus einen Skandal bescherte. Doch auch, wenn es leicht scheint, die beiden Frauen zu vergleichen, so ist die Gefahr von Meghans Aussagen für das Ansehen der britischen Royals ungleich kleiner. "Diana war unfassbar beliebt in der britischen Öffentlichkeit", sagt Seydel. Herzogin Meghan hingegen erfährt laut dem Umfrageunternehmen Yougov nur 32 Prozent Zustimmung in Großbritannien. Nach dem Interview lagen die Sympathien trotz der Schwere der Anschuldigungen eher bei der Queen und der Königsfamilie als bei Harry und Meghan.

Der verwehrte Prinzentitel

Dafür verantwortlich sind sicher auch Ungereimtheiten in Meghans Aussagen. So sagte sie zu Oprah, dass die Königsfamilie ihrem Sohn Archie den Prinzentitel und damit einhergehende Sicherheitsvorkehrungen verwehrt habe. Dabei steht der Titel Archie gar nicht zu – noch nicht.

"Das britische Prinzensystem ist hochkomplex", sagt Seydel, doch fest stehe, dass George V im Jahr 1917 festgelegt hat, dass die Urenkel des Monarchen keine Prinzen mehr sind. Einzige Ausnahme: der älteste Sohn des ältesten Sohnes des Prinzen von Wales – zur jetzigen Zeit George, der Sohn von William und Kate. Die Queen änderte die Bestimmung Ende 2012 zugunsten aller Kinder des ältesten Sohnes des Prinzen von Wales ab. Archie erhielte den Prinzentitel erst dann, wenn er zum Enkel des Monarchen wird – also wenn Charles den Thron besteigt. Mit Sicherheitsvorkehrungen hat das im Übrigen nichts zu tun. Denn obwohl die Töchter von Königinnensohn Andrew, Beatrice und Eugene, Prinzessinnen sind, gibt es keinen öffentlichen Schutz.

Zudem wundert manche Beobachter der Zeitpunkt des Interviews von Meghan und Harry, die sich ja eigentlich aus der Öffentlichkeit zurückziehen wollten: "Wenn Harry jetzt aber im Fernsehen erzählt, dass er gerne mit seinem Sohn am Strand Rad fährt, dann muss er damit rechnen, dass es Menschen gibt, die diesen Strand suchen und ihm dabei zuschauen wollen", ist sich Seydel sicher.

Öffentliche Diskussion fraglich

Nichtsdestoweniger bleiben die Rassismusvorwürfe an den Royals haften, und die Queen hat eine Untersuchung angekündigt. Die Frage, die laut dem Adelsexperten Seydel in dem Zusammenhang bleibt: Ob und in welcher Form werden Ergebnisse veröffentlicht? Denn dafür müsste der Name jenes Royals publiziert werden, der sich absurderweise den Kopf über Archies Hautfarbe zerbrochen hat.

"Natürlich kann sich der Buckingham-Palast auf seine historisch gelernte Vorgehensweise verlassen und die Sache aussitzen", sagt Seydel. "Aber besser wäre die öffentliche Aufarbeitung, es wäre zeitgemäßer." (Bianca Blei, 12.3.2021)