Irgendwann muss Schluss sein. Zellen wissen genau: bis hierher und nicht weiter. Die Natur hält sich weitgehend daran: Die Ahornblattzellen befolgen exakt ihre Baupläne, der Tannenbaum hält inne, wenn die Größe stimmt. Nur menschliche Kopfhaare führen ein ungehemmtes Eigenleben. Würde da nicht radikal eingegriffen werden, sie wüchsen ins schier Unendliche. Deshalb hat sich schon vor Jahrtausenden die segensreiche Zunft der Haarschneider etabliert. Heute, in der Pandemie, zählen sie sogar zu den staatlichen Systemerhaltern – und nennen sich Stylisten. Nach Zeiten des lebensverachtenden Jogginghosendaseins im Lockdown und verunstaltet durch friseurtechnische Selbstversuche, wurde deren gesellschaftliche Bedeutung wichtiger denn je.

Italiens Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi, ...
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Es geht natürlich nicht allein um die Beschneidung der Haare, sondern auch um die optische Selbstoptimierung, ums Hairstyling, um die Selbstinszenierung, wie sie speziell männliche Politiker mit Populismusschlagseite exzessiv einzusetzen wissen.

Die Marke Ich

Der Psychotherapeut und Sozialpsychologe Klaus Ottomeyer hat sich schon länger Gedanken über den Menschen als gestylte Marke und Frisurenträger gemacht. Vor mehr als 15 Jahren schrieb Ottomeyer einen Aufsatz über den ehemaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser als Prototyp der "Marke Ich". "Er trug das ästhetische Äußere und die Selbstverliebtheit ostentativ zur Schau. Dabei sprang natürlich die immer gepflegte Haarpracht sofort ins Auge", sagt Ottomeyer. Grassers Mähne erwies sich als stabil gegen Zerstörungen, und sie hielt selbst den stundenlangen Sitzungen im Gerichtssaal stand.

Etwas später als Grasser trat in Deutschland ein jugendlich-vitaler Spitzenkandidat der CDU, der Freiherr von und zu Guttenberg, auf die politische Bühne. Dessen Markenzeichen: die nach hinten gekämmte Gelfrisur. Nach seinem Plagiatsskandal verschwand er rasch nach Amerika und mit ihm die Frisur, die zu einem unauffälligen Stoppelhaarschnitt wurde. Auch Silvio Berlusconi kämpfte immer wieder um seine Haarpracht, in Bosnien zeigte sich Serbenführer Radovan Karadžić mit einem voluminösen grauen Helm. Hollands Rechtsaußen Geert Wilders wiederum versucht es mit einem blonden, nach hinten gekämmten Turmbau auf dem Kopf.

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz, ...
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"Die vielbewunderte Glatthaarfrisur von Bundeskanzler Sebastian Kurz ist natürlich auch ein Vorbild in puncto Markenpflege", sagt Ottomeyer. Das feinmodellierte, nach hinten gelegte dichte Haar scheint – wie betoniert – allen Widrigkeiten standzuhalten. Wie auch die immer gleichen, hellen Hemden und dunklen Sakkos. Ein rotes Hemd, und Kurz wäre nicht mehr Kurz.

Eine große Menge Haarspray

Beim Versuch, sich als Marke zu stilisieren, die quasi gekauft werden will, spielt die Frisur eine zentrale Rolle. Sie ist als Erstes im Blick. Damit kann ein hoher und schneller Wiedererkennungswert geschaffen werden. "In möglichst einer halben Sekunde muss die Person identifiziert sein", sagt Ottomeyer.

Mit seinem orangeblonden, toupierten Haar präsentiert sich Ex-US-Präsident Donald Trump als unverwechselbare, wahre Diva im Politikzirkus. "Seine Haarfestiger-Frisur ist ein wichtiger Teil der Marke. Trump war oder ist sowieso eine lebendig gewordene Marke aus seiner Castingshow", sagt Ottomeyer.

Ex-US-Präsident Donald Trump und ...
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Magazine rund um den Globus hatten versucht, dem Geheimnis der trumpschen Haarpracht auf die Spur zu kommen. Das Frauenmagazin Brigitte rätselte: "Nur eine große Menge Haarspray? Oder vielleicht doch ein Toupet? Und vor allem: Woher hat Donald Trump nur diese spezielle Karotten-Haarfarbe?" Die Frisur sei seit den 80ern sein Markenzeichen und bedürfe wohl einer aufwendigen Morgenroutine. "Denn anstatt sich die Matte einmal zu bürsten, so wie es viele Männer bevorzugen, steckt eine ausgeklügelte Methodik dahinter: Zunächst wird auf der linken Seite ein tiefer Seitenscheitel gezogen, dann die Haare nach rechts gekämmt, um sie im nächsten Schritt von hinten nach vorne zu kämmen. Anschließend ordentlich viel Haarspray in die Haare sprühen, damit die Haare auch den richtigen Stand haben. Et voilà – schon steht die Frisur der Macht", wusste die Brigitte.

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STANDARD: Hinter diesem Haarefetisch steht doch wohl auch ein Männerkult.

Ottomeyer: Eine Ironie des Schicksals besteht darin, dass viele der politischen Führer, die sich gerne als unabhängige, starke Männer zeigen, dabei die Elemente ihrer Persönlichkeit überspielen, die wir traditionellerweise als "weiblich" bezeichnen, und dann genau von diesen Elementen eingeholt werden. Sie entwickeln Züge, die man unfairerweise pauschal Frauen zuschreibt. Es ist wie eine karikatureske Wiederkehr des Verdrängten: Sie sind wehleidig, reagieren mimosenartig auf Kritik, müssen beständig auf ihre Kleidung und auf ihre besonderen Frisuren achten und täglich eine beträchtliche Zeit vor dem Spiegel verbringen. Bei der Pflege ihrer Marke werden sie zu einer Diva, die peinlich genau darauf achtet, dass immer ihr und nicht jemand anderem auf der Bühne die größte Beachtung entgegengebracht wird.

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Premierminister Boris Johnson legen großen Wert darauf, die Frisur als wichtiges optisches Erkennungsmerkmal stets stilvoll in Position zu bringen.
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Ähnlich aufwendig wie Trump dürfte auch Boris Johnson den Tag beginnen. "Boris Johnson mit seiner Struwelfrisur will als authentisch wirkender blonder Lausbub rüberkommen. Er inszeniert sich so, als sei er gerade aus dem Bett gekrochen. Damit man nicht einfach doof aussieht, kostet es viel Zeit vor dem Spiegel, um so eine drapierte Wuschelfrisur hinzubekommen", sagt Ottomeyer.

Ein allzu starres optisches Korsett birgt natürlich auch Gefahren in sich – wie auch bei Kurz zu beobachten ist. Wenn er die Fassung verliert, versagen oft die eingelernten Reaktionen. "Kurz ist ein starrer Verwalter seiner Marke. Damit hängt auch die unerbittliche Haltung, die Aufnahme von Kindern aus griechischen Lagern zu unterbinden, zusammen. Eine Änderung dieser Einstellung würde seinen Markenkern gefährden", sagt Ottomeyer.

Politikerhaare vor Gericht

Welche sogar rechtlichen Nachwirkungen durch das Haupthaar eines Politikers entstehen können, wurde am Fall des Ex-SPD-Kanzlers Gerhard Schröder deutlich. Schröder ging zum Höchstgericht, um sich gegen Vermutungen zu wehren, er habe sein volles schwarzes Haar gefärbt.

Die FAZ versuchte, die Affäre politisch einzuordnen: "Das Gericht machte deutlich, dass der Streit um des Kanzlers Haarfarbe zwar nicht von großer politischer Tragweite, aber für die Öffentlichkeit dennoch nicht unbedeutend gewesen sei. Die Imageberaterin, die sich mit dem Styling des Bundeskanzlers beschäftigte, hielt Schröders dunkles Haar für unglaubwürdig: ‚Es käme seiner Überzeugungskraft zugute, wenn er sich die grauen Schläfen nicht wegtönen würde.‘ Dazu merken die Karlsruher Richter an: ‚Damit wurde der Hinweis auf die Tönung der Haare zu einer Art Probe für wichtige Qualifikationen eines Politikers.‘"

Eine bemerkenswerte Einschätzung der Richter des deutschen Bundesverfassungsgerichts: Haare als eine Manifestation der "Qualifikation eines Politikers". (Walter Müller, 13.3.2021)