In seiner Arbeit hat sich eigentlich nicht viel geändert. Spätestens seit den "China Cables" trifft Dolkun Isa aber auf viel größeres Interesse dafür.

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Seit 2004 setzt sich der Weltkongress der Uiguren (WUC) für das uigurische Volk ein. Die Exilorganisation in München wird von Chinas Regierung als "separatistisch" eingestuft. Der 53-jährige Dolkun Isa ist seit 2017 ihr Präsident.

STANDARD: Wie hat sich die Arbeit des WUC in den vergangenen Jahren verändert?

Isa: Im Prinzip hat sich nicht viel verändert – außer der Aufmerksamkeit, die das Thema heute bekommt. Wir weisen seit Jahren auf die massiven Menschenrechtsverletzungen in Ostturkistan (Xinjiang, Uigurisches Autonomes Gebiet der VR China, Anm.) hin. Mit der Machtübernahme von Xi Jinping eskalierten diese Menschenrechtsverletzungen in einen Völkermord. 2015 wurde den Muslimen das Fasten während des Ramadan verboten. Kurz darauf wurden allen Uiguren die Reisepässe entzogen. Internationale Flüge von Ürümqi gibt es seit 2016 nicht mehr. Muslimische Vornamen wurden verboten. Korane und Gebetsteppiche werden konfisziert. Jedes Mal, wenn so etwas geschah, haben wir darauf hingewiesen, aber meist passierte nicht viel.

STANDARD: Das änderte sich mit den China Cables, die Ende 2019 veröffentlicht wurden.

Isa: Der Forscher Adrian Zenz und seine Kollegen konnten damals erstmals belegen, was wir aus Berichten Überlebender schon lange wussten: China betreibt in Xinjiang Konzen trationslager in einem gewaltigen Ausmaß. Mittlerweile können wir gut belegen, dass rund drei Millionen Menschen in diesen Lagern gefangen waren oder sind. Bis dahin aber konnte Peking das abstreiten: Offiziell sprach man immer wieder von Ausbildungszentren.

STANDARD: Was veranlasst Peking, derart brutal gegen eigene Bürger vorzugehen?

Isa: Ein Wendepunkt war 2013/2014. Diskriminierung von Uiguren gab es seit 1949. Bis dahin aber setzte Peking auf eine relativ gemäßigte Assimilationspolitik. Als Xi 2014 die Provinz besuchte, stellte er zu seinem Entsetzen fest, dass die uigurische Kultur immer noch existierte. 2016 berief er Chen Quanguo zum Parteisekretär der Provinz. In demselben Jahr entstanden die ersten Konzentrationslager. Chen hatte ähnliche Maßnahmen zuvor in Tibet verantwortet.

STANDARD: Die Berichte aus Xin jiang sind albtraumhaft. Können Sie mit Personen dort kommunizieren?

Isa: Nein, das ist eigentlich kaum möglich. Mit meiner eigenen Familie habe ich seit April 2017 keinen Kontakt mehr. Meine Mutter starb im Sommer 2018 in einem Lager. Vom Tod meines Vaters erfuhr ich durch die staatliche Global Times. Meine Schwester wurde dazu gezwungen, mich in einem Video als Verräter zu denunzieren.

STANDARD: Werden Sie auch hier bedroht?

Isa: Die Kommunistische Partei Chinas hat ihren Einfluss längst über die eigenen Staatsgrenzen hinaus ausgedehnt. Wir bekommen ständig Hassmails und Drohungen. Es gibt Cyberangriffe, E-Mails werden gehackt – das volle Programm.

STANDARD: Warum hat der Weltkongress der Uiguren seinen Sitz in München?

Isa: Das hat historische Gründe. Von hier aus sendete während des Kalten Krieges Radio Liberty in die damalige Sowjetunion. Da in Kasachstan und Kirgisistan viele Uiguren lebten, gab es auch einen Sender in uigurischer Sprache. München war damals schon ein Knotenpunkt für die uigurische Diaspora geworden.

STANDARD: Sie selbst sind 1996 nach München gekommen. Wie kam das?

Isa: Ich bekam in den Achtziger-Jahren Probleme mit den Behörden, weil ich an Studenten-Demonstrationen in meiner Heimat teilgenommen hatte. Im letzten Semester suspendierte man mich. Später ging ich dann nach Peking und eröffnete ein Restaurant. Es wurde zu einer Anlaufstelle für Ausländer, weil viele unsere uigurische Küche bevorzugten. Für mich war das doppelt vorteilhaft, weil ich mein Englisch dabei praktizieren und verbessern konnte. Allerdings schien den Behörden mein Restaurant als ein Spionagenetz des Westens. Ich wurde von meinen Freunden gewarnt, dass ich auf den Listen von Sicherheitsbehörden gelandet bin. Mit einem gefälschten Pass floh ich dann erst in die Türkei und dann nach München.

STANDARD: Die Türkei will nun uigurische Aktivisten nach China ausliefern. Die EU schließt ein neues Handelsabkommen mit Peking ab. Was erwarten Sie generell vom Ausland und von Europa?

Isa: Zwischen 1933 und 1945 wussten die meisten Menschen nichts von der Existenz von Konzentrationslagern in Nazideutschland. Heute aber ist das anders. China benutzt seine Macht, um westliche Demokratien zu manipulieren. Die Fakten aber sind mittlerweile gut belegt. Noch immer aber sind zahlreiche internationale Unternehmen in Xinjiang aktiv, zum Beispiel Volkswagen. Wie kann man das rechtfertigen? Man sollte alle Wirtschaftsbeziehungen zu Peking abbrechen. Sanktionen sind der einzige Weg, das Regime zu stoppen. In 20 Jahren wird China der mächtigste Staat der Welt sein: Wie wird diese Welt dann aussehen? (Interview: Philipp Mattheis, 15.3.2021)