Aufgrund der Covid-19-Pandemie wurde das Studieren vor Ort an österreichischen Universitäten auf Zeit ausgesetzt und die Lehre im März 2020 auf sogenanntes Distance-Learning umgestellt. Diese Neugestaltung des Studienalltags brachte für die Studierenden an österreichischen Hochschulen neue Erfahrungen mit sich, welche auch wissenschaftlich noch eingehend beforscht werden müssen. Vor Ende des Sommersemesters 2021 wird der reguläre Präsenzlehrbetrieb vermutlich nicht wieder aufgenommen, und so verbringen die Studierenden mindestens drei Semester, also ein halbes Bachelorstudium bei Mindeststudienzeit, mit der neuen Art des Lernens und Lehrens.

Mit Hinblick auf diese Veränderungen führe ich in meiner Doppelrolle als Studentin und Mitarbeiterin des Instituts für Politikwissenschaft eine explorative qualitative Interviewstudie durch. Sie ist Teil eines größeren Forschungsprojektes für meine Masterarbeit, das ich gemeinsam mit meiner Kollegin Alena Eller im laufenden Semester erarbeiten werde. Darin beschäftigen wir uns eingehend mit dem Themenkomplex rund ums Studieren in Zeiten von Krise, Digitalisierung der Hochschule und damit verbundenen bildungspolitischen Maßnahmen.

Im ersten Schritt für dieses Projekt befragte ich Studierende der Politikwissenschaft aus dem Bachelor- sowie Masterstudium zu ihren Erfahrungen während der Pandemie. Mich interessierten neben den Erfahrungen meiner Interviewten an der Universität insbesondere auch solidarische Praktiken unter Studierenden. Denn gegenseitige Unterstützung und Hilfe stellen wesentliche Aspekte für ein erfolgreiches Studium dar und mussten sich ebenfalls den neuen Gegebenheiten der Distanzlehre anpassen. Die ersten Ergebnisse dieser explorativen Studie, die sich auf das Wintersemester 2020/21 beziehen, bieten einen Einblick in die Lebensrealität und die Bedürfnisse von Studierenden während der Covid-19-Pandemie. Zusätzlich erzielt die Studie Einsichten, die für die Gestaltung der Lehre an österreichischen Hochschulen von Relevanz sind. Was haben wir bisher gefunden?

Veränderungen im Leben der Studierenden

Generell zeigt sich, dass Studierende unter der Krisensituation psychisch leiden. Nicht nur die soziale Isolation, sondern auch die Sorge um Angehörige, die wirtschaftliche Lage und die fehlende Zukunftsperspektive zehren an den psychischen Ressourcen der Studierenden und führen unter den Befragten beispielsweise zu Konzentrationsproblemen oder Motivationslosigkeit. Damit einher gehen ebenso Gefühle von Entfremdung, die die Befragten das eigene Studium infrage stellen lassen. Einer der Studierenden beschreibt die Situation folgendermaßen: "Es ist schon sehr befremdlich, wenn man den ganzen Tag am Laptop sitzt und man hört nur eine Hiobsbotschaft nach der anderen und man denkt sich auch wirklich so, was mach ich hier eigentlich? Also da draußen ist so viel los und ich schotte mich irgendwie ab in dieser akademischen Welt und fokussiere mich so auf was ganz anderes."

Schwierig gestaltet sich unter den aktuellen Umständen unter anderem die Suche nach Praktika, welche für den späteren Berufseinstieg ausschlaggebend sein können. Hinzu kommt die Mehrfachbelastung aus Studium und Berufstätigkeit sowie die prekäre finanzielle Lage, welche eine große Zahl an Studierende betrifft. Eine Studierende sprach von der "ständigen Existenzangst im Genick, dass du jederzeit deine Kündigung kriegen kannst, weil die Firma einfach in Konkurs geht".

Gewichtige Veränderungen finden in der Organisation des Alltags der Studierenden statt. Das Leben, Arbeiten und Studieren ist nun auf einen Ort – die eigenen vier Wände – konzentriert. Ein Studierender beschrieb das so: "Ich stehe auf und verbringe den ganzen Tag in meiner Wohnung und eigentlich verbringe ich wirklich den ganzen Tag am Laptop. Von morgens bis abends sitz ich nur am Tisch und bin am Lesen und Lernen und Sachen machen für die Uni."

Dies führt unter anderem zu fehlender Abgrenzung zwischen den verschiedenen Bereichen des Lebens und beeinflusst das Zeitmanagement und die Tagesstruktur. So entfallen beispielsweise Wegzeiten, aber damit auch Bewegung und Zeit zum Verarbeiten von Lerninhalten, wie ein Befragter ausführt: "Dieses ganze Online-Ding liegt mir überhaupt nicht. Ich bin schon jemand, der gerne in Seminare geht, um einfach dort zu sein, weil dieser Anfahrtsweg, der Nachhauseweg, alles das dazwischen, das ist auch Zeit, die man hat, um mental zu verarbeiten."

Wie erleben Studierende die Pandemie?
Foto: REUTERS/Lisi Niesner

Studienspezifische Veränderungen

Im Studium spielt das soziale (Er-)Leben der Universität, also der Austausch und Diskurs mit anderen Studierenden sowie Lehrenden, für viele eine große Rolle. Die Studienerfahrung geht also über das Sammeln von ECTS-Punkten hinaus. Diese zentrale soziale Komponente fehlt den Studierenden in Zeiten der Pandemie und kann durch das Distance Learning nur bedingt ersetzt werden. Die Lehrveranstaltungen im Online-Modus funktionieren für die Interviewten als temporärer Ersatz zwar gut, können aber nur bis zu einem gewissen Grad den Austausch vor Ort ersetzen, da beispielsweise Diskussionen im Online-Modus weniger flüssig möglich sind als im Seminarraum. Eine Studierende drückte es so aus:

"Es fehlt dieser persönliche Austausch, wo man ein bisschen besser durch Empathie verstehen kann, was jemand sagen will. Online redet man so schnell aneinander vorbei (…). Was eben auch, glaub ich, an dieser ganzen Unsicherheit liegt, ich seh nicht die anderen, ich fühle nicht die Atmosphäre, die im Raum ist, ich weiß nicht, wie die Leute reagieren, auf das, was ich sage. Man fühlt sich so stehen gelassen ein bisschen einfach."

Die befragten Studierenden stellen allerdings eine Verbesserung der Organisation der Online-Lehre vom Sommersemester 2020, welches abrupt auf Distance-Lehre umgestellt werden musste, auf das Wintersemester 2020/2021 fest. Lehrveranstaltungen und Prüfungen im Online-Modus konnten für das Wintersemester über den Sommer vorbereitet und ordnungsgemäß abgehalten werden. Dadurch wurde die Planungssicherheit auf Seiten der Studierenden erhöht, wie eine der Befragten beschreibt: "Das Sommersemester war pures Chaos und man hat gemerkt, kein Mensch war darauf vorbereit und man war total überfordert. Deswegen find ich jetzt schon im direkten Vergleich, dass es im Wintersemester um einiges besser funktioniert."

Es fehlt der Austausch

Allerdings bringt die weiterhin bestehende Online-Lehre neue Herausforderungen für Studierende mit sich. Darunter fallen technische Aspekte und infrastrukturelle Probleme, wie fehlende Ausstattung oder zu schwache Internetverbindungen, aber auch Hemmschwellen bei der Teilnahme an Online-Lehrveranstaltungen. Denn Studierende empfinden die Kommunikation über Online-Tools teilweise als befremdlich und entmenschlicht: "Es fehlen, diese nonverbalen Zeichen, die man in einem Seminarraum hat. (…) es ist einfach irgendwie nicht dasselbe. Du bist da ein Kopf im Bildschirm und du bist nicht da."

Durchwegs verhalten Studierende sich zurückhaltender als bei Seminaren vor Ort. Insgesamt beschreiben die befragten Studierenden eine veränderte Lernerfahrung durch die Umstellung auf Distance Learning, da viele Lerninhalte nicht mehr in Diskussionen, sondern allein zu Hause erarbeitet werden müssen. Einer der Studierenden beschreibt seine optimale Lernerfahrung folgendermaßen: "Das richtige Verstehen passiert ja immer erst, wenn man sich dann mit anderen auseinandersetzt und sieht, wie die das verstehen und dann sieht, wo die Differenz liegt."

Jedoch muss auch erwähnt werden, dass die befragten Studierenden Vorteile in der Online-Lehre erkennen, wie eine erhöhte zeitliche Flexibilität, Ortsunabhängigkeit und die bessere Vereinbarkeit von Studium und Beruf. Eine Studierende erklärt: "Ich bin ja nebenbei berufstätig und für mich ist es natürlich einfacher meinen Alltag zu strukturieren, wenn ich Online-Lehre hab, weil dann hab ich die Wegzeiten nicht (…), bin auch theoretisch online und erreichbar, falls in der Arbeit irgendetwas sein sollte."

Solidarität unter Studierenden

Diese explorative Studie deutet an, dass Solidarität von den Studierenden während der Pandemie weiterhin gelebt und geschätzt wird. Obwohl sich der Austausch zu Prüfungen oder einzelnen Hausarbeiten ebenso zum Großteil in den virtuellen Raum verschoben hat, etwa über Facebook- oder WhatsApp-Gruppen, gelingt es Studierenden nach wie vor, sich zu vernetzen und gegenseitige Hilfe zu leisten. Jedoch kommen Hemmschwellen bei der Teilnahme am Austausch zum Tragen, da die Beiträge der Studierenden teilweise für eine große virtuelle Öffentlichkeit sichtbar sind. Dazu meint eine der Interviewpartnerinnen: "(…) aber ich hab da auch wieder eine gewisse Hemmschwelle, da was reinzuschreiben. Aber es ist gut zu sehen, dass vielleicht andere Leute ähnliche Probleme haben, die ich auch hab, und ich weiß, wenn alle Stricke reißen, kann ich mich an diese 100 Leute, die in dieser WhatsApp-Gruppe sind, wenden. So ein bisschen Rückhalt und Verständnis bringt mir das."

Fazit

Neben den Herausforderungen, mit denen Studierende in der Covid-19-Krise konfrontiert waren und sind, nannten die Befragten in dieser explorativen Studie jedoch auch eine Reihe von Vorteilen der neuen Situation. So vermissen sie zwar vor allem den außerunterrichtlichen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen und Lehrenden vor Ort, schätzen jedoch die bessere Vereinbarkeit von Studium und Beruf durch die Online-Lehre sowie die erhöhte Flexibilität im Alltag. Allerdings gaben meine Interviewten auch an, psychisch unter der Krisensituation sowie der sozialen Isolation zu leiden, was sich beispielsweise in Form von Konzentrationsschwierigkeiten auf ihr Verhalten im Studium auswirkt. Diese Problemstellungen müssen von Seiten der Universität und der Politik bei der künftigen Ausgestaltung der Online-Lehre unbedingt berücksichtigt werden. Darüber hinaus ist die Durchführung von weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen notwendig, um die Gesamtheit der Bedürfnisse von Studierenden während der Pandemie zu erfassen. Es ist davon auszugehen, dass insbesondere Studierende mit Sorgeverpflichtungen oder Drittstaatangehörige, die bürokratische und logistische Hürden zu überwinden haben, besonders betroffen sind. Weiterführende Forschung sollte sich auch mit der besonderen Belastungssituation dieser Gruppen beschäftigen. (Nora Hansl, 18.3.2021)