Deutschland schloss sich am Montag mehreren anderen europäischen Ländern an, die den Impfstoff von Astra Zeneca vorerst nicht mehr einsetzen.

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Wien/Berlin – Gesundheitsminister Rudolf Anschober hat am Montagabend eine "raschestmögliche, klare Stellungnahme" der EU-Behörden für ein "gemeinsames gesamteuropäisches Vorgehen" beim Impfstoff von Astra Zeneca gefordert. Zur gleichen Zeit tagte in Wien bereits das Nationale Impfgremium, um zu entscheiden, wie man hierzulande mit dem Vakzin weiter vorgehen wird. Der Beschluss fiel am späten Abend: Österreich wird den Impfstoff vorerst weiter verabreichen.

Derzeit gibt es laut Anschober keinen Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Astra-Zeneca-Vakzin und den aktuell diskutierten gesundheitlichen Ereignissen, "die auch bei ungeimpften Personen auftreten können".

Zuvor hatten weitere EU-Staaten erklärt, die Impfungen mit Astra Zeneca auszusetzen. Überraschend kam die Meldung aus Deutschland: Dieses meldete am Montag, das Serum vorerst nicht mehr einzusetzen. Der Grund sei eine Einschätzung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), das für die Untersuchungen zur Sicherheit von Impfstoffen in Deutschland zuständig ist. Dieses teilte mit, man halte weitere Untersuchungen über Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung für nötig.

"Reine Vorsichtsmaßnahme"

Laut PEI sind sieben Fälle von Sinusvenenthrombosen aufgetreten, also Blutgerinnseln in Venen, die Blut aus dem Gehirn abführen. Bei 1,6 Millionen Geimpften in Deutschland entsprächen sieben Fälle insgesamt rund vier Fällen pro einer Million Geimpfter seit Start der Impfungen Anfang Februar. Diese Art der Thrombose tritt in der allgemeinen Bevölkerung rund zwei- bis fünfmal pro einer Millionen Personen pro Jahr auf.

Gesundheitsminister Jens Spahn erklärte, die Entscheidung betreffe sowohl Erst- wie auch Zweitimpfungen. Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) müsse nun Untersuchungen vornehmen und dann eine Empfehlung aussprechen. Es handle sich um eine "reine Vorsichtsmaßnahme", die auch helfen soll, Vertrauen in Impfstoffe zu erhalten. Er wisse, dass "auch Nichtimpfen schwere Folgen hat". Für jene, die erst eine von zwei Dosen erhalten hätten, werde es "eine Lösung" geben.

EMA prüft am Dienstag

Das Sicherheitskomitee der EMA gab noch am Montag bekannt, die Informationen am Dienstag weiter zu prüfen, und setzte ein außerordentliches Treffen für Donnerstag an. "Bei der EMA laufen alle Informationen über Nebenwirkungen zusammen", betonte Anschober. Die Behörde sei nun am Zug. Man habe sich auf ein gemeinsames europäisches Vorgehen geeinigt. "Nationale Einzelgänge sind in diesem Zusammenhang weder effektiv noch vertrauensbildend." Wenn derart weitreichende Entscheidungen getroffen würden, müssten diese durch fundierte Daten und Fakten belegt sein und "am Besten durch die dafür zuständige EMA empfohlen werden", betonte Anschober.

"Sehr seltene Nebenwirkung"

Möglich sei, dass es sich bei den Thrombosen um eine "sehr seltene" Nebenwirkung handle, der man bei den Studien, die zur Bewilligung des Impfstoffs geführt hatten, wegen der dafür zu geringen Zahl von Probanden – mehrere 10.000 Personen – nicht auf die Spur gekommen sei, sagte die Impfstoffexpertin Christina Nicolodi dem STANDARD. Derartiges könne bei Neubewilligungen durchaus passieren.

Die Überprüfung durch die EMA kann laut Nicolodi in neue Kontraindikationen münden: Menschen mit bestimmten Anfälligkeiten wären dann von der Impfung mit dem Stoff ausgeschlossen. Es könnten aber auch tiefergreifende Beschlüsse fallen.

EMA sieht keinen Zusammenhang

Die EMA sah vergangene Woche keine Hinweise darauf, dass die Fälle von Blutgerinnseln durch die Impfung mit Astra Zeneca verursacht wurden – eine Einschätzung, der sich auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) anschloss. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schrieb auf Twitter, das Thromboserisiko sei "verschwindend gering und dazu nicht höher als ohne Impfung".

Neben Deutschland verkündeten auch Italien, Frankreich, Spanien und Slowenien den "vorsorglichen" Stopp der Impfung mit Astra Zeneca.

Nordeuropa preschte vor

Schon Mitte vergangener Woche hatten mehrere europäische Länder die Verimpfung von AZD1222 ausgesetzt. Dänemark, Norwegen und Island machten den Anfang, später folgten Bulgarien, Irland und die Niederlande. Mehrere andere Staaten, darunter Österreich, setzten die Abgabe von bestimmten Chargen aus, nachdem es Meldungen über Thrombosefälle gegeben hatte. Für Aufsehen hatten drei Fälle unter Krankenpflegerinnen in Österreich gesorgt, von denen eine rund eine Woche nach der Impfung gestorben war.

Untersuchungen aus Großbritannien, wo die bisher mit Abstand meisten Dosen des Astra-Zeneca-Vakzins verimpft worden sind, zeigen ebenfalls keine besonderen Auffälligkeiten. Unter den jeweils rund zehn Millionen Menschen, die dort mit den Seren von Astra Zeneca und Biontech/Pfizer immunisiert worden sind, erlitten 13 beziehungsweise 15 in der Zeit danach eine durch Blutgerinnsel ausgelöste Lungenembolie. Das entspricht den Werten, die auch in einer gleich großen Bevölkerungszahl an ungeimpften Personen zu erwarten wären.

Astra Zeneca selbst verteidigte seinen Impfstoff. Man sehe kein erhöhtes Risiko von Blutgerinnseln. Eine sorgfältige Analyse aller verfügbaren Sicherheitsdaten von mehr als 17 Millionen Menschen, die in der EU und Großbritannien damit geimpft wurden, habe keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko einer Lungenembolie, einer tiefen Venenthrombose oder einen Rückgang der Blutplättchen ergeben. (Irene Brickner, Manuel Escher, Oona Kroisleitner, Gabriele Scherndl, 15.3.2021)