Wer den Geruchssinn verloren hat, riecht auch nicht, wenn Essen anbrennt oder ein Feuer ausbricht.

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Faule Eier, getragene Sportsocken oder die U-Bahn an einem heißen Sommertag – so manches Odeur würde man gern ausblenden. Doch ein bisschen Gestank zu ertragen ist besser als gar nichts zu riechen. Der Geruchssinn beeinflusst zwischenmenschliche Beziehungen, die Konzentration oder Entspannung und kann vor Gefahren sowie schlechter Ernährung schützen. Viele bemerken den Verlust des Geruchssinns aber nicht, weil er oft schleichend verschwindet. Anders bei Unfällen oder Corona-Infektionen, bei denen das ganz plötzlich passiert. Für eine möglichst rasche und vollkommene Wiederherstellung des Riechvermögens kann man eine Art Physiotherapie für die Nase machen. Wie das funktioniert und was die Pandemie für den Geruchssinn bedeutet, erklären die Parfümeurin Marie Le Febvre und Alexander Urban von Urban Scents in Berlin.

STANDARD: Wie lebt es sich als Duftexperte mit FFP2-Maske?

Alexander Urban: Wenn ich zum Beispiel Obst oder Gemüse kaufen möchte, rieche ich daran. Da bin ich jetzt gerade etwas eingeschränkt.

Marie Le Febvre: Ich nehme auch mit der Maske Gerüche wahr. Heute Morgen ging ich an der Bäckerei vorbei und roch die frisch gebackenen Croissants. Bei der Arbeit kann ich die Maske aber natürlich nicht ständig tragen. Meine Aufgabe ist es schließlich, zu riechen.

STANDARD: Ist es mit Maske und Abstand noch möglich, zu sagen, ob man das Gegenüber "gut riechen kann"?

Parfümeurin Marie Le Febvre und Alexander Urban von Urban Scents
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Urban: Die Anti-Corona-Maßnahmen sind wichtig, aber es geht auf jeden Fall etwas Zwischenmenschliches verloren. Biochemische Reaktionen des Körpers machen den wahren Geruch eines Menschen aus. Mit Maske und auf Abstand nimmt man aber nur einen gewissen Teil der Geruchsstoffe wahr. Wenn man sich wieder ohne Einschränkungen nahekommen kann, werden sich manche wundern, dass sie sich eigentlich gar nicht riechen können.

STANDARD: Wenn die Menschen aufgrund der Maske im Alltag weniger riechen, sprühen sie dann mehr Parfum oder fragen stärkere Düfte nach?

Urban: Es kann gut sein, dass jetzt mehr aufgetragen wird. Wir hoffen, dass nach der Pandemie ein Gegentrend entsteht und die Menschen behutsam mit Gerüchen umgehen.

STANDARD: Wozu benützt man überhaupt Parfum, wenn man bloß zu Hause sitzt?

Le Febvre: Es gibt zwei Arten von Parfumkundschaft. Für die "Loyalen" ist Parfum Teil der Pflegeroutine. Sie tragen immer den gleichen Duft. Auch zu Hause im Lockdown. Dann gibt es noch die "Fashionistas", die tragen jene Parfums, die gerade im Trend liegen. Der Duft fungiert als Accessoire. Im Fall eines Lockdowns kaufen diese Kunden eher keine Parfums. Ich persönlich trage jene Düfte, an denen ich gerade arbeite. Es ist eine Art "Marktforschung". Ich beobachte, wie mein Umfeld darauf reagiert.

STANDARD: Während der Lockdowns haben viele Unternehmen auf Onlineshops gesetzt. Eignet sich dieser Kanal, über den keine Gerüche vermittelt werden können, auch für den Verkauf von Parfums?

Urban: Wenn die Beschreibungstexte zu den Düften gut gemacht sind, führen sie zu Käufen. Auch Probensets sind ein guter Weg, die Defizite des Online-Handels wettzumachen. Es ist ohnedies gut, einen Duft in Ruhe zu Hause auszuprobieren über ein, zwei Tage hinweg und nicht im Geschäft auf einem Papierstreifen. Das Duftdurcheinander in großen Parfümerien kann auch überfordernd sein. Außerdem kommt die Supermarktpsychologie dazu. Die Platzierung der Düfte spielt ebenfalls eine Rolle. Da kommen manche Kunden gar nicht zu dem Produkt, das das richtige für sie wäre, weil sie schon davor erschlagen werden.

STANDARD: Sie bieten auf Ihrer Website ein Geruchstrainingsset an. Worum handelt es sich dabei?

Le Febvre: Ein olfaktorisches Training ist eine einfache Therapiemethode bei Geruchsverlust. Wir haben das Geruchstrainingsset in Kooperation mit Prof. Dr. Hummel vom interdisziplinären Zentrum "Riechen und Schmecken" der Universitäts-HNO-Klinik in Dresden entwickelt.

Urban: Prof. Dr. Hummel befasst sich schon seit über zehn Jahren mit dem Thema Geruchsverlust. Er hat auf Basis des Henning-Prismas (Zuordnung der Grundgerüche fruchtig, blumig, würzig, harzig und verbrannt entlang den Ecken eines Prismas, Anm.) Tests mit Inhaltsstoffen gemacht, die Geruchsverlust identifizieren und therapieren sollen.

STANDARD: Wozu braucht es Ihr Set, wenn es solche bereits gibt?

Urban: Prof. Dr. Hummel hatte seine Tests mit vier Gerüchen gemacht, die das Duftspektrum abdecken: Zitrone, Rose, Gewürznelke und Eukalyptus, der auch den trigeminalen Sinn (Reize des Trigeminusnervs werden etwa scharf, prickelnd, beißend oder kühlend wahrgenommen, Anm.) anspricht. Wir haben ihn dazu bewogen, Birkenpech dazuzunehmen. Das riecht verbrannt, geräuchert. Ohne Geruchssinn lässt man Speisen leichter anbrennen oder bemerkt ein Feuer zu spät. Es ist also auch ein Sicherheitsthema. Interessant ist, dass Menschen manchmal die Zitrone oder die Rose wahrnehmen, aber nicht das Birkenpech, obwohl es der stärkste Stoff ist.

Das Geruchstrainingsset von Alexander Urban und Marie Le Febvre beinhaltet fünf Aromen: Zitrone, Rose, Eukalyptus, Gewürznelke, Birkenpech. www.urbanscents.de
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Le Febvre: Für diese Tests werden die Gerüche normalerweise mit wenigen Chemikalien "nachgebaut". Ein im Labor zusammengemischter Rosenduft ist wie eine Karikatur. Er aktiviert nur spezifische Orte im Gehirn. Der Duft einer echten Rose ist vielschichtiger, stimuliert ein ganzes Spektrum im Gehirn. Darum haben wir für unser Set nur hochwertige, natürliche Inhaltsstoffe verwendet.

STANDARD: Hat man in Ihrem Metier besonders Angst davor, sich mit Corona zu infizieren und dadurch womöglich den Geruchssinn zu verlieren?

Urban: Der Verlust des Geruchssinns ist generell eine Katastrophe, und für Parfümeure eine noch größere. Das wäre so, als würde ich einem Pianisten den Finger abhacken. Wir sind sehr vorsichtig. Wir haben ziemlich früh gewusst, dass das Coronavirus den Geruchssinn beeinträchtigen kann, und waren schnell auch persönlich betroffen. Zwei unserer besten Freunde, unabhängige Parfümeure in Paris, riechen trotz überstandener Covid-19-Infektion noch nicht alles. Das hat uns zu dem Geruchstrainingsset inspiriert. Es ist ein gutes Therapiewerkzeug, braucht aber Geduld und Ausdauer. Vielen Menschen fehlt sie, sie hören nach ein paar Tagen wieder auf. Es kann aber schon vier bis fünf Monate dauern, bis der Geruchssinn wiederhergestellt ist.

STANDARD: Sollten auch Menschen, die nicht an akutem Geruchsverlust leiden, ihre Nase trainieren?

Urban: Vor allem ältere Menschen können das Set nutzen, um olfaktorisch fit zu bleiben. Die Hälfte der über 70-Jährigen riecht wenig bis gar nichts, ist sich dessen aber nicht bewusst. Das liegt daran, dass es sich meist um einen schleichenden Prozess handelt. Wer nicht ordentlich riecht, salzt oder süßt Speisen übermäßig, ernährt sich also schlecht. Das kann zu Erkrankungen wie Diabetes Typ 2 führen.

STANDARD: Kann man Düfte auch gezielt einsetzen? Für bessere Konzentration oder Entspannung zum Beispiel?

Urban: Für die Konzentration sind Zitrusfrüchte oder Minze geeignet, zur Beruhigung Lavendel, süße Orange oder Sandelholz. Alles aber ganz zart eingesetzt. Wenn man die Öle in eine Duftlampe gibt, sie also verbrennt, kann das eine gegenteilige Wirkung haben. Ätherische Öle sind empfindlich, und man sollte sie wenn möglich nicht erhitzen, sondern lieber auf einen neutralen Duftträger aufbringen, zum Beispiel Holzkugeln, auf denen sie gut verdunsten können.

STANDARD: Was ist Ihr Lieblingsduft?

Le Febvre: Als Parfümeurin ist es schwierig, einen Lieblingsduft zu nennen. Den Geruch meines Sohnes liebe ich. Er ist noch klein, also riecht er gut (lacht). Es gibt auch Gerüche, die mit meiner persönlichen Geschichte, mit meinem Leben verbunden sind und Erinnerungen erwecken. Vetiver und Vanille zum Beispiel, beides Rohstoffe aus La Réunion. Ich habe familiäre Beziehungen zu der Insel, bin mit den Gerüchen aufgewachsen. (Michael Steingruber, RONDO, 18.3.2021)