Unser aktueller, maskierter Alltag wäre vor einem Jahr noch unvorstellbar gewesen.

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Der 19-jährige Brite Joseph F. hatte Anfang März 2020 einen Unfall und fiel ins Koma. Nun ist er erwacht und muss von seinen Verwandten behutsam an eine Welt herangeführt werden, die zum Zeitpunkt seines Unfalls noch eine gänzlich andere war – keine Rede von Social Distancing und Pandemie. Der tragische Fall führt zu einem Gedankenspiel: Wie würden Menschen aus der Vergangenheit das wahrnehmen, was wir heute als Normalität bezeichnen?

Headlines aus dem Leben

Eine Teilantwort auf diese Frage gibt Christoph Schattleitner, Journalist beim ZDF-"Magazin Royale". Unter der Überschrift "Schlagzeilen, die vor Corona sehr viele Fragen aufgeworfen hätten" sammelte er in einem Twitter-Thread ebensolche Überschriften. Hier eine kleine Auswahl: IS warnt Terroristen vor Einreise nach Europa. Heilige Drei Könige haben "unaufschiebbare berufliche Tätigkeit". Den Briten geht nach den Grenzschließungen der Brokkoli aus. Kanzler Kurz geht als einer der Ersten zum Frisör. Bäckereien fungierten als Drehscheibe für "illegale Friseure". Wiener Linien exekutieren Fahrgäste ohne Maske. Fleischerei lockt Kunden mit Klopapier. Polizei entdeckt Hotel voller Touristen. Und, so was wie ein skurriler Headline-Höhepunkt: "Hannover: Polizei löst illegale Dominorunde in Imbiss auf". Eine andere Schlagzeile verweist darauf, dass das einsame Lesen eines Buches auf einer Parkbank explizit erlaubt sei.

Auch wenn das Amüsante dieser Sammlung teils auch den flapsigen Formulierungen geschuldet ist, zeigt die komprimierte Kollektion doch: Unser aktueller Alltag wäre vor einem Jahr noch unvorstellbar gewesen.

180-Grad-Wendung des Lebens

Und das trifft nicht nur auf die Schlagzeilen zu, sondern auch auf die radikalen 180-Grad-Wendungen im täglichen Leben. So hätten früher Bankmitarbeiter die Polizei gerufen, wenn ein Mensch maskiert in eine Filiale gestürmt wäre – heute wiederum wird jenem der Eintritt verwehrt, der keine Maske trägt. Wenige Jahre zuvor haben wir uns über das Vermummungsverbot gestritten, das im Oktober 2017 in Kraft trat und vor allem Demonstranten in die Schranken weisen sollte – im Jahr 2021 schütteln wir plötzlich den Kopf aufgrund der Verantwortungslosigkeit jener, die ohne Maske demonstrieren gehen.

Wer früher monatelang nicht zur Arbeit erschienen wäre, hätte mit Konsequenzen rechnen müssen. Heute gehört es hingegen zum guten Ton, dem Büro fernzubleiben. Mit dieser Situation fühlen sich laut einer Stepstone-Studie von Juni 2020 übrigens 53 Prozent der Arbeitnehmer wohler als gedacht – unter anderem, weil sie Arbeit und Privatleben harmonischer abstimmen können.

Ebenfalls nicht erwartet hätten wir, dass die Warteschlange beim Bäcker eines Tages bis auf die Straße reichen würde. Ein Umstand der neuen Normalität, der für weniger Freude sorgt als das Homeoffice mit selbstgemachtem Eiskaffee auf dem eigenen Balkon. Immerhin: Die Situation, als wir am letzten Tag vor dem ersten Lockdown die Supermärkte für Klopapier, Desinfektionsmittel und Dosenfutter gestürmt haben, ist bei vielen wieder in Vergessenheit geraten. Das Dosenfutter steht hingegen noch ungeöffnet im Keller – als stilles, anklagendes Mahnmal, dass man beim nächsten Mal nicht in Panik verfallen sollte.

Neue Ticks und Neurosen

Doch wir hätten uns wohl auch nicht gedacht, dass wir in so kurzer Zeit so viele neue Ticks und Spleens entwickeln würden. So ist es in manchem Haushalt Usus, nach dem Heimkommen vorerst alle Türklinken und Lichtschalter nur mit dem Ellenbogen zu berühren, bevor man die potenziell verseuchten Hände gewaschen hat.

Wieder andere halten instinktiv für ein paar Sekunden die Luft an, wenn sie auf der Straße jemandem begegnen. Und in machen Familien ist es verboten, sich mit der vermeintlich verseuchten Straßenkleidung aufs Sofa zu legen.

Die Normalität von morgen

Es bleibt abzuwarten, welche dieser Ticks sich zu langfristigen Neurosen manifestieren und welche sich wieder verflüchtigen. Dass wir uns aber Dinge aus der jetzigen Normalität in die nächste mitnehmen werden, dürfte fix sein: So planen 64 Prozent der Stepstone-Befragten, auch nach der Krise verstärkt im Homeoffice zu arbeiten.

Vielleicht haben nun auch mehr Menschen gelernt, sich beim Husten die Hand vor den Mund zu halten. Oder sie haben gemerkt, wie wertvoll gemeinsam verbrachte Zeit ist. Und vielleicht können wir uns auch von einem anderen Stressfaktor aus der Prä-Corona-Zeit verabschieden: dieser Ungewissheit, ob man Bekannte besser per Handschlag, Umarmung oder Bussi begrüßt. Einfach anerkennen, dass ein Nicken mit Lächeln genügt. Das ist unverfänglicher. Und eigentlich auch hygienischer.

Der Mund-Nasen-Schutz ist immer dabei: Nur Maskierte dürfen in die Bank, auch auf Demos ist Vermummung angesagt. Ins Büro gehen wir hingegen längst nicht mehr. (Stefan Mey, 16.3.2021)