In der EU (noch) nicht zugelassen, wird aber bald hier produziert: Sputnik V.
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Russland führt nach eigenen Angaben europaweit bei der Anzahl verabreichter Corona-Impfungen. "Mehr als 3,5 Millionen Menschen haben schon beide Impfungen mit dem Vakzin Sputnik V bekommen", sagte der Generaldirektor des Russischen Fonds für Direktinvestitionen (RDFI), Kirill Dmitrijew. Unterdessen käme kein anderes Land in Europa auch nur annähernd auf drei Millionen vollständig geimpfte Bürger.

Mit Zahlen ist es bei Corona so eine Sache – nicht nur, aber speziell auch in Russland: Selbst von offizieller Seite gibt es oft widersprüchliche Angaben, sei es zu den Opferzahlen, sei es zur Statistik der Geimpften. Erst vor kurzem hatte Präsident Wladimir Putin die Zahl der vollständig Geimpften bescheiden auf "über zwei Millionen" taxiert.

Zumindest aber ist ein Impftermin in Russland derzeit kein größeres Problem. In Moskau lassen sich selbst in den staatlichen Polikliniken oft Slots innerhalb einer Woche finden. In einigen Regionen gibt es zwar wegen Lieferproblemen lange Schlangen, doch auch hier sind inzwischen die größten Schwierigkeiten überwunden.

Keine Priorisierung nötig

Eine Priorisierung wie in Europa gibt es erst recht nicht. Jeder, der will, kann sich impfen lassen. Trotzdem ist das Impftempo geringer als in vielen EU-Ländern, denn viele Russen wollen sich nicht impfen lassen. Das liegt einerseits an einer generellen Impfskepsis, andererseits wohl auch daran, dass die Angst vor Corona inzwischen fast verschwunden ist – womöglich auch weil Russland seit Herbst auf einen Lockdown verzichtet.

Dmitrijews Statement über das hohe Impftempo in Russland dürfte sich allerdings auch kaum an die Verbraucher im Land richten. Der RDFI hat die Entwicklung des Vakzins nämlich mitfinanziert und ist nun auch darin involviert, das Präparat auf den internationalen Märkten zu platzieren.

Gerade in Ländern der dritten Welt ist das russische Vakzin auch wegen seines vergleichsweise günstigen Preises gefragt. In Europa hingegen gab es bis zuletzt Widerstand – auch weil der Kreml Sputnik V im vergangenen Sommer noch prestigewirksam als weltweit erstes Corona-Präparat registrieren ließ, ohne die für die Zulassung nötige dritte Testphase abgeschlossen zu haben.

Mehrere Alleingänge

Doch da sich die Impfstoffproduktion von Moderna, Biontech und Co in die Länge zieht, haben einige osteuropäische Länder wie Ungarn, Tschechien und die Slowakei das Präparat schon im Alleingang zugelassen. Zudem erwägen mindestens vier Länder, in Partnerschaft mit dem RDFI eine Sputnik-Produktion aufzubauen: "Der RFPI hat bereits eine Einigung mit Unternehmen aus Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland erzielt", teilte Dmitrijew nun mit.

Zumindest ein Produzent ist dabei schon benannt: In Italien soll ab Juli nahe Mailand die Produktion von Sputnik V beginnen. Die Biotechfirma Adienne mit Sitz im schweizerischen Lugano will bis Jahresende zehn Millionen Impfdosen produzieren. Der Absatz sei kein Problem, versicherte der Chef der russisch-italienischen Handelskammer, Vincenzo Trani. Selbst wenn Sputnik keine Zulassung innerhalb der EU bekommen sollte, "gibt es viele andere Länder, wo das Vakzin gebraucht wird", sagte er.

Streit mit EMA

Hintergrund der Aussage ist der Streit Moskaus mit der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA). Diese hat das russische Präparat noch nicht zugelassen. Zuletzt hatte sich EMA-Chefin Christa Wirthumer-Hoche gegen eine Notfallzulassung ohne Tests ausgesprochen. Die österreichische Chemikerin hatte dies mit "russischem Roulette" verglichen und damit für Entrüstung in Moskau gesorgt. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow nannte den Vergleich "unzulässig", Vertreter des Gamaleja-Instituts, wo der Impfstoff hergestellt wird, verlangten eine Entschuldigung für die ihrer Meinung nach politische Aussage.

Die zunehmende Zahl der Produktionsvereinbarungen sieht Moskau als Erfolg, auch wenn der konservative Moskauer Politologe Vitali Tretjakow lediglich von einem "lokalen Sieg" spricht, da offenbar die Notlage in einzelnen Ländern so groß sei, dass die Politiker auf den "gesunden Menschenverstand" hörten statt auf die Vorgaben aus Brüssel. "Wenn sie das, was ihnen EU und USA vorschlagen, in genügender Menge bekämen, hätten sie sich sicher nicht dazu entschlossen", fügte Tretjakow hinzu. (André Ballin aus Moskau, 16.3.2021)