Große Hoffnungen bedeuten große Fallhöhe: Die Lieferprobleme bei Astra Zeneca werfen europäische Impfpläne zurück. Hinter den Lieferproblemen steckt ein regulatorisches Problem: Was in der niederländischen Fabrik hergestellt wird, darf in Europa nicht verkauft werden.

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Astra Zeneca kämpft nicht nur mit Nebenwirkungen, sondern auch mit der eigenen Produktion. Im belgischen Seneffe und im niederländischen Leiden wird der Impfstoff von Astra Zeneca produziert. Anagni in Italien und das deutsche Dessau sind die Standorte, an denen die Dosen abgefüllt und für den Verkauf fertig gemacht werden. So zumindest sieht die Lieferkette, die der schwedisch-britische Konzern für die Versorgung Europas aufgebaut hat, auf dem Papier grob aus.

400 Millionen Impfdosen hat die Europäische Union bei Astra Zeneca bestellt, aber die europäische Produktionslinie dürfte bis Jahresmitte weniger als 100 Millionen Dosen für den europäischen Markt ausspucken. Versprochen hatte Astra Zeneca mehr als 200 Millionen. Was ist da los?

Astra Zeneca beliefert die ganze Welt mit Impfstoff und hat dafür eigene Lieferketten aufgebaut.
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Mehrere Bruchstellen

Allerhand. Wegen Produktionsschwierigkeiten konnte das belgische Werk weniger ausspucken als erhofft. Ins Auge fällt aber das niederländische Werk. Die Fabrik des Partnerunternehmens Halix produziert zwar Corona-Impfstoff. Bis heute wurde davon aber keine einzige Dosis an die EU geliefert. Die Fabrik darf nicht. Die Zulassung der europäischen Gesundheitsbehörde EMA fehlt.

Was Beobachter erstaunt: Die Fabrik wird im Vertrag zwischen Brüssel und dem Impfstoffhersteller bereits als Teil der europäischen Lieferkette angeführt. Aber erst am 8. Dezember des Vorjahrs teilte Halix per Aussendung mit, einen entsprechenden Vertrag mit Astra Zeneca abgeschlossen zu haben. Europa bestellte bereits im August Impfstoff beim britisch-schwedischen Konzern. Kritiker werfen Brüssel vor, nicht genau nachgeprüft zu haben, ob die vereinbarten Liefermengen auch realistisch seien.

400 Millionen Dosen hat die EU bei Astra Zeneca bestellt. Die Lieferung verzögert sich.
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Mangelnde Daten

Grund für die fehlende Zulassung sind mangelnde Daten. Man stehe in engem Austausch mit Astra Zeneca und würde sich der Sache sofort annehmen, sobald entsprechende Daten und ein formaler Antrag auf Zulassung bei der Gesundheitsbehörde eingehen, heißt es von der Europäischen Kommission. Es liege aber in der Verantwortung des Unternehmens sicherzustellen, dass die eigenen Produktionsstätten auch zugelassen sind.

"Uns ist bekannt, dass das Halix-Werk Dosen herstellt", sagt ein Kommissionssprecher. "Diese Dosen könnten für den europäischen Markt bereitgestellt werden, sobald die Zulassung erfolgt ist." Bei Astra Zeneca versichert man, dass das Halix-Werk nach wie vor Teil der europäischen Lieferpläne sei. Halix ließ eine STANDARD-Anfrage unbeantwortet. Eine Sprecherin von Astra Zeneca sagt zum Halix-Werk: "Wir erwarten die Zulassung von Halix in den kommenden Wochen."

Grundsätzlich gibt man sich bei Astra Zeneca optimistisch, dass durch laufende Optimierung des Herstellungsprozesses die Produktion an einzelnen Standorten kontinuierlich erhöht werden kann. Das Unternehmen arbeite mit der EU-Kommission und den Mitgliedsstaaten zusammen, um die Herausforderungen bei der Versorgung zu bewältigen. Man sei "zuversichtlich, dass die Produktivität in der EU-Lieferkette weiter verbessert werden kann, um Millionen Europäer vor dem Virus zu schützen", sagt eine Konzernsprecherin, die damit rechnet, dass bis Ende 2021 rund 300 Millionen Dosen in die EU geliefert werden können.

Kritiker werfen der Pharmabranche zu große Profitgier vor. So schnell wurde aber noch nie ein Impfstoff entwickelt. Womöglich haben alle den Mund ein bisschen zu voll genommen.
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Lager oder Export?

Laut der "Financial Times" zeigt man sich in europäischen Kreisen besorgt darüber, was mit den bisher in Leiden produzierten Impfdosen geschieht. Die Hoffnung ist, dass mit der Zulassung des dort hergestellten Serums Millionen Dosen für den europäischen Markt frei werden. Die Befürchtung ist, dass die Dosen stattdessen exportiert werden.

Bei Astra Zeneca betont man, dass die bereits produzierten Chargen von Halix in die Lieferpläne eingebaut seien und keinen Unterschied zur Gesamtversorgung in diesen ersten Monaten machen werden und dass Halix einer der kleineren Lieferanten in der EU-Lieferkette sei.

Brüssel wirft Astra Zeneca ja vor, andere Käufer wie Großbritannien besser zu behandeln. Während Europas Impfprogramme durch Lieferengpässe ins Stocken geraten, hängen die Briten Europa beim Impfen derzeit ab. Auch weil Astra Zeneca dort liefert. Im Vertrag zwischen Brüssel und dem Pharmakonzern steht, dass das Unternehmen sich bestmöglich bemühen werde, die vereinbarte Menge zu liefern – und zwar aus europäischen Fabriken und gegebenenfalls auch aus britischen.

Im niederländischen Leiden gibt es viele Fahrräder. Aber auch mancher Pharmakonzern produziert hier Impfstoff. Astra Zeneca ist einer davon.

Exportkontrollen

In Brüssel beklagt man, dass der Konzern mehr als zehn Millionen Dosen des in der EU produzierten Impfstoffs über den Ärmelkanal geliefert habe. Von Großbritannien in die EU hat Astra Zeneca keine Vakzine geliefert. Brüssel verschärfte deshalb zuletzt den Ton in Richtung London.

Kommissionschefin Ursula von der Leyen erwägt, den Export der knappen Corona-Impfstoffe aus der EU stärker zu beschränken, wie sie am Mittwoch ankündigte. Neue Auflagen könnten für Länder gelten, die selbst keinen Impfstoff aus dem Land lassen oder die bereits einen höheren Anteil an geimpften Menschen haben als die EU. Seit 1. Februar wurden laut Kommission mindestens 41 Millionen Dosen Corona-Impfstoff in 33 Länder exportiert.

Das führte nicht zu Zoff mit London. Anfang März hatte Italien von der neu eingeführten Möglichkeit, Pharmaexporte zu stoppen, Gebrauch gemacht. 250.000 für Australien bestimmte Dosen des Astra-Zeneca-Vakzins wurden an der Grenze aufgehalten.

Bei Astra Zeneca sagt man, dass man gern aus internationalen Produktionsstätten in die EU liefern würde, um einen Teil des Defizits auszugleichen: "Leider werden die Exportbeschränkungen die Lieferungen im ersten Quartal reduzieren und wahrscheinlich auch die Lieferungen im zweiten Quartal beeinträchtigen", begründet eine Sprecherin die Lieferengpässe.

Schlichtung

Die EU-Kommission will die Gangart im Lieferstreit nun weiter verschärfen. Die Behörde bereite ein förmliches Schreiben an Astra Zeneca vor, um das vertraglich vorgesehene Schlichtungsverfahren zu starten, sagte Kommissionssprecher Eric Mamer am Donnerstag. Man sei dazu im Gespräch mit den EU-Staaten.

Das Schlichtungsverfahren ist eine Art Vorstufe zu möglichen gerichtlichen Auseinandersetzungen. Der britisch-schwedische Hersteller hatte seine vertraglich zugesicherten Lieferungen an Corona-Impfstoff mehrfach gekürzt.

Billiger Impfstoff

Astra Zeneca produziert einen von Forschern der Universität Oxford entwickelten Vektorimpfstoff und verkauft diesen bis zum Ende der Pandemie ohne Gewinn. Viele Staaten setzten deshalb große Erwartungen in das Vakzin: Es ist billiger als die Konkurrenz und einfacher zu lagern als etwa die mRNA-Impfstoffe der Konkurrenten Biontech/Pfizer und Moderna. (Aloysius Widmann, 18.3.2021)