Würden Sie weniger Fleisch kaufen, wenn es im Supermarkt schwerer zu finden wäre und stattdessen vegane Produkte auffälliger platziert wären? Es sind Fragen wie diese, die sich Nudging-Experten stellen.

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Wahrscheinlich wurden Sie heute bereits einmal beeinflusst, ohne dass Sie es bemerkt haben. Vielleicht haben Sie zu einem Produkt im Supermarkt gegriffen, weil es auf Augenhöhe platziert war. Oder Sie haben im Internet noch schnell eine Bestellung abgeschlossen, weil sich gerade 200 andere Personen das Produkt ansahen oder das Angebot "nur noch kurz" gehalten werden konnte.

Vielen erscheint diese versteckte Manipulation als gemein. Firmen nutzen unsere emotionalen Schwachstellen aus, um uns zu einem Kauf zu bewegen, unsere Daten abzufragen oder Abonnements abzuschließen. Besonders im Internet und auf sozialen Medien ist es schwierig, den Designtricks zu entkommen.

Schubs in die richtige Richtung

Geht es nach einigen Wissenschaftern und Wissenschafterinnen, können und sollen uns sogenannte Nudges (übersetzt "Stups" oder "Schubs") aber künftig auch helfen, langfristig klügere Entscheidungen zu treffen. Diesen positiven Effekt versuchten bereits der Wirtschaftswissenschafter Richard Thaler und der Rechtswissenschafter Cass Sunstein in ihrem Buch "Nudge" aufzuzeigen. Ihre Prämisse: Der Mensch ist nicht perfekt und oftmals von Emotionen gesteuert. Wir achten nicht immer zu hundert Prozent auf unsere Gesundheit, handeln oft aus Bequemlichkeit oder Gewohnheit heraus und verdrängen häufig negative Auswirkungen unseres Tuns.

Daher brauche der Mensch in einigen Fällen einen Stups, um "das Richtige" zu tun: etwa Zigarettenpackungen, die uns vor Krankheiten durch das Rauchen warnen, Kantinen, in denen Obst und Gemüse für uns auf Augenhöhe platziert werden, oder Urinale, in denen Abbilder von Fliegen Männer zum richtigen Zielen motivieren sollen. Im Gegensatz zu den Designtricks im Internet soll diese Art der Beeinflussung transparenter und klarer sein und generell dem Wohl der Bevölkerung dienen, so die Befürworter und Befürworterinnen.

Nudging in Österreich

Auch in Österreich gibt es seit einigen Jahren eine Nudging-Unit, genannt "Insight Austria", am Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien. Das Konzept des Nudging wurde in der Politik auch in Zusammenhang mit der Pandemie diskutiert, etwa wenn es um die Fragen ging, wie Bürger dazu gebracht werden können, Masken zu tragen oder sich testen zu lassen.

Erfahrungsberichte von Menschen im Fernsehen, die von ihrem Umgang mit Corona berichten und Zuseher dazu bringen sollen, sich testen zu lassen, bis hin zu Schildern oder Markierung am Boden, die zu Abstand mahnen, werden von einigen Experten als Beispiele für Nudging-Maßnahmen genannt.

Umweltschutz leicht gemacht

Weil Nudging so vielseitig einsetzbar ist, verwundert es wenig, dass der Ansatz auch immer wieder als Waffe im Kampf gegen den Klimawandel diskutiert wird. Die Idee: Anstatt Fleisch, Flugreisen oder Autofahrten teurer zu machen oder sogar ganz zu verbieten, sollten die Menschen lieber mit klugen Anreizen zu besseren Umweltschützern "erzogen" werden.

Wie das funktionieren kann, zeigte bereits eine Maßnahme einer Universität in New Jersey. Dort stellte man bei allen Druckern standardmäßig doppelseitigen Druck ein. Laut eigenen Angaben habe man dadurch im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren 55 Millionen Blatt beziehungsweise 44 Prozent an Papier eingespart.

Strom aus Erneuerbaren

Nun untersuchten Wissenschafter und Wissenschafterinnen in einer aktuellen Studie anhand eines Praxisbeispiels, wie sich Nudges auf die Auswahl der Energienutzung in Haushalten auswirken können. Zwei Energieunternehmen in der Schweiz hatten bei insgesamt 234.000 Haushalten die Voreinstellung ("default option") bei der Stromversorgung, also jene Option, die jeder Haushalt standardmäßig eingestellt hat, von einer Mischung aus fossilen und erneuerbaren Energien auf eine reine Versorgung durch Erneuerbare umgestellt.

Während vor der Maßnahme lediglich drei Prozent der Haushalte ihren Strom rein aus erneuerbaren Energien bezogen, lag der Anteil fünf Jahre nach der Maßnahme bei 80 Prozent, heißt es in der Studie. Und das, obwohl die Kunden fortan drei bis acht Prozent mehr für ihren Strom zahlen mussten. Laut den Wissenschaftern und Wissenschafterinnen liegt der Grund darin, dass viele Menschen sich den Aufwand, aktiv den Stromtarif zu wechseln, nicht antun würden und sich bei diesem Thema oftmals überfordert fühlen. Anstatt den Tarif zu wechseln, würden die meisten stattdessen bei der standardmäßigen Voreinstellung bleiben.

Das Modell ließe sich laut den Wissenschafterinnen auch in vielen anderen Ländern anwenden. Würden beispielsweise alle Energieversorgungsunternehmen in Deutschland erneuerbare Energien als Standardoption einstellen, ließen sich dort fünf Prozent an Emissionen einsparen, so die Forscherinnen. Einzig und allein saubere Energie müsste genügend vorhanden sein.

Kritik an Ansatz

Nudging für den Umwelt- und Klimaschutz einzusetzen erntet aber auch Kritik. Einige kritisieren, dass der Ansatz zu paternalistisch und bevormundend sei. Denn er gehe davon aus, dass Menschen ihre eigenen Interessen nicht kennen und man ihnen daher ihre Ziele zeigen müsse. Auch stellt sich die Frage, wie weit Nudging bei so großen und komplexen Problemen wie dem Klimawandel wirklich behilflich sein kann: Kohlestrom wäre unabhängig von Nudging immer noch billig und subventioniert, Fliegen würde für viele Menschen wohl nach wie vor attraktiv bleiben, und wohl die wenigsten würden auf Fleisch verzichten, nur weil es statt ganz vorne jetzt etwas weiter hinten im Supermarkt zu finden ist.

Zu wirklich großen Veränderung in Wirtschaft und Gesellschaft beim Klimaschutz könne Nudging deshalb nicht beitragen, sagen Kritiker. Kleine Stupser bleiben demnach eben kleine Stupser, und nicht mehr als das. Auch die Annahme der Nudging-Befürworter, wonach allein Konsumenten und Konsumentinnen durch ihre Kaufentscheidungen den Klimaschutz entscheiden können, wird infrage gestellt. Vielmehr liege es an der Politik, weitreichende strukturelle Veränderungen einzuleiten, die mehr als nur ein Stups in eine bestimmte Richtung sind.

Kein Wundermittel

Abschreiben muss man das Nudging trotz der Bedenken aber wohl auch nicht. Denn für viele Experten spricht nichts dagegen, die Maßnahmen gemeinsam mit anderen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen umzusetzen. In einzelnen Bereichen, etwa wenn es um bestimmte Kauf- und Konsumentscheidungen geht, sehen Experten tatsächlich die Möglichkeit, durch Nudging mit kleinen Schritten einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Als Wundermittel im Kampf gegen die Erderwärmung sollte der Ansatz aber wohl nicht gesehen werden. (Jakob Pallinger, 20.3.2021)