James Lawrence Levine verstarb im Alter von 77 Jahren.

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Es gibt Aufnahmen von Richard Wagners finaler Oper Parsifal, da dehnt US-Dirigent James Levine das Vorspiel in einem Ausmaß, dass die Zeit regelrecht zum Stillstand kommt. Der narkotische Klang entfaltet so luxuriös sein Fluidum. Levine brauchte hier ein paar Minuten länger als etwa der strenge Asket Pierre Boulez, um seine Ideen zur Entfaltung zu bringen.

Andererseits war der 1943 in Cincinnati, Ohio, geborene Dirigent an sich kein subjektiv zulangender Maestro der Extreme. Etwa vier Jahrzehnte lang agierte er an der New Yorker Metropolitan Opera als dominante Figur. Dabei war James Levine vor allem auch ein Praktiker und Pragmatiker und dabei ein Dirigent, der Sänger behutsam zu leiten wusste.

Als flexibler Orchesterleiter und routinierter Operndirigent konnte Levine an einem einzigen Tag zur frühen Stunde Mozarts Don Giovanni aufführen und dann am Abend Beethovens Fidelio. Er fand solch intensive Samstage, die sich an der Met ereigneten, stimulierend.

Beginn mit Tosca

Debütiert hatte James Levine, den gewissermaßen Dirigent George Szell bei einem Wettbewerb entdeckt hatte, an der New Yorker Met 1971 mit Giacomo Puccinis Tosca – und sein Erfolg erwies sich als nachhaltig: Als Dirigent Rafael Kubelik zurücktrat, übernahm Levine immer mehr Aufgaben und wurde schließlich offiziell zum Musikchef der Met ernannt.

Im Laufe der Jahre schien Levines Höhenflug zwischen New York, Wien, Salzburger Festspielen und dem Rest der Klassikwelt gewissermaßen unantastbar. Unter Levine, der auch ein versierter Pianist war, glänzte die Met als eines der führenden Opernhäuser der Welt. Und das Orchester des Hauses hielt er souverän auf internationalem Niveau. Levine etablierte sich letztlich als mächtiger Teil des Klassik-Establishments. 1983 würdigte ihn das Time-Magazin auf der Titelseite als "Amerikas Top-Maestro", der bei den Bayreuther Festspielen zwischen 1982 und 1998 häufig zu Gast war. Es gab für ihn auch Ausflüge ins leichte, kommerzielle Fach: Er ging mit den Drei Tenören, also mit Luciano Pavarotti, Jose Carreras und Placido Domingo auf Welttournee. Einige Jahre war er auch Chef der Münchner Philharmoniker und damit Nachfolger des legendären Sergiu Celibidache.

Souveränes Handwerk

Besondere Impulse konnte er in München nicht setzen. Levine galt aber längst als unumstrittener Könner vor allem des romantischen Repertoires. Bei ihm waren die großen Musikgefühle in handwerklich souveränen Händen. Er vereinte in guten Augenblicken Präzision, Intensität und Opulenz.

2004 wurde er schließlich auch Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra, wo er sich auch der Moderne widmete und u.a. Werke von Gunther Schuller zur Uraufführung brachte. Ein würdiges Karrierefinale wurde allerdings unmöglich, im Zuge der #MeToo-Bewegung kam Levine ins Gerede. Das Boston Symphony Orchestra distanzierte sich von ihm. Und auch die Met verzichtete ab 2018 auf die Dienste ihres langjährigen künstlerischen Leiters, da Levine von einigen Männern der sexuellen Belästigung bezichtigt wurde.

Der Suspendierung folgte Entlassung. Man verstrickte einander gegenseitig in Schadensersatzprozesse. Schließlich wurde die Angelegenheit zwischen Met und Dirigent 2019 außergerichtlich beilegt, ohne dass eine Rückkehr an die Met realistisch schien. James Levine ist, wie jetzt erst bekannt wurde, am 9. März in New York 77-jährig gestorben. (Ljubiša Tošić, 17.3.2021)