"Wir haben keinen Überblick in Österreich, wie sollten wir den auch haben?", sagt Gesundheitsökonom Thomas Czypionka.

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Wien – Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) rückte aus, um zu beruhigen. Vergangenen Freitag erklärte die Agentur, dass 30 Fälle von thromboembolischen Ereignissen bei fast fünf Millionen Menschen im Europäischen Wirtschaftsraum gemeldet wurden, die eine Astra-Zeneca-Impfung erhalten hatten. Beobachter merkten an, dass damit die Zahl der Betroffenen kleiner ist, als bei so vielen Menschen erwartbar gewesen wäre.

Das dürfte kein Zufall sein. Die Kenntnisse über die Sicherheit von Arzneimitteln sind zum Zeitpunkt ihrer ersten Zulassung nie vollständig. Deshalb gibt es in Europa ein System, um auftretende Nebenwirkungen und Impfreaktionen rasch zu melden und bei Bedarf abzuklären. Diese "Pharmakovigilanz" funktioniert allerdings in der Praxis in den verschiedenen Ländern unterschiedlich, weshalb Gesundheitsexperten wie Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien davon sprechen, dass es zu Untererfassungen kommt. Das könnte auch die zu geringe Zahl der Thrombosen erklären.

Wie sicher ist die Impfung mit Astra Zeneca? Welche Fragen muss die EMA nun klären, damit das Impfprogramm ungestört weiterlaufen kann? Antworten auf diese Fragen lieferte eine Expertenrunde beim Videotalk "STANDARD mitreden", unter anderem mit dem Virologen Norbert Nowotny und der Impfpolitik-Forscherin Katharina Paul.
DER STANDARD

Die Informationen zu Nebenwirkungen werden in jedem Staat gesammelt und dann an die EMA gemeldet. Mit Ausnahme von wenigen Ländern gibt es aber keine systematische Erfassung von Daten. Beispiel Österreich: Hier sieht das Arzneimittelgesetz vor, dass vermutete Nebenwirkungen von Ärzten an das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) gemeldet werden müssen. In der Praxis tun das Ärzte im niedergelassenen Bereich kaum und auch in den Spitälern nicht systematisch. "Wir haben keinen Überblick in Österreich, wie sollten wir den auch haben?", sagt Czypionka.

Warum Ärzte oft nicht melden

Die Gründe dafür, dass Ärzte nicht melden, sind unterschiedlich. Manche fürchten den Aufwand. Auch in großen Ländern wie Deutschland gibt es keine systematische Erfassung von Impfnebenwirkungen, aber immerhin gibt es dort mit dem Paul-Ehrlich-Institut eine große wissenschaftliche Einrichtung, die auf Impfstoffe spezialisiert ist. Der Gesundheitsexperte Ernest Pichlbauer sagt, dass in Deutschland allein wegen der Größe ganz seltene Nebenwirkungen ganz gut erfasst und so entdeckt werden.

Ein umfassendes Bild gewinnen lässt sich fix in Dänemark, Schweden, Norwegen oder Finnland: Hier existieren Impfregister, die mit Gesundheitsdaten verknüpft werden können. Damit lässt sich sagen, ob bestimmte Nebenwirkungen in zeitlichem Zusammenhang mit einer Impfung öfter auftreten.

Österreich ist dabei, ein elektronisches Impfregister aufzubauen, Corona-Impfungen werden schon digital eingetragen. Was aber nicht getan wird, ist, diese Impfdaten mit Gesundheitsdaten zu verknüpfen, ein Monitoring ist also unmöglich.

Dass die EMA-Zahlen nur einen Teil der Wirklichkeit abbilden, zeigen auch aktuell eingemeldete Daten, die online ablesbar sind. So gab es zum Beispiel aus Österreich bisher etwas mehr als 1.000 Meldungen zu Nebenwirkungen von Astra Zeneca, in Deutschland aber nur etwas mehr als 500. Die Art der Nebenwirkungen ist hier nicht erfasst. Wenn dann die Scheinwerfer auf ein vermutetes Problem gerichtet sind, wie aktuell bei Astra Zeneca, werden auch die Meldungen häufiger, heißt es bei der EMA diese Woche. Diese werden nun bewertet. (András Szigetvari, 18.3.2021)