Die Rekordjagd an der Wall Street könnte in die nächste Runde gehen. US-Stimulus-Empfänger denken darüber nach, das Geld an die Börse zu tragen, statt es in den Konsum zu stecken.

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Wien – An den Börsen gehen die Kurse vieler Aktien derzeit steil nach oben. Neue Rekordhöhen von wichtigen Börsenindizes gehören zum aktuellen Tagesgeschäft. Und das, obwohl die Realwirtschaft weltweit im Corona-Schock verweilt und nicht klar ist, wie schnell sich diese erholt, wenn die Pandemie endlich im Griff ist.

Nun könnten die Börsen neu befeuert werden – zumindest in Amerika. Dort hat Präsident Joe Biden endlich das Stimuluspaket in der Höhe von 1,9 Billionen Dollar auf den Weg gebracht. Ein Teil dieses Pakets sind Gutscheine an Haushalte. Seit vergangenem Wochenende werden Schecks über 1.400 Dollar an alle Amerikaner verschickt, die weniger als 75.000 Dollar im Jahr verdienen. Gedacht ist dieses Geld als Ankurbelung für den Konsum.

Ansturm der Anleger

Doch die Wall Street bereitet sich auch auf einen Ansturm der Privatanleger vor, wie das "Handelsblatt" berichtet. Die 1.400 Dollar – oder zumindest ein Teil davon – könnten nämlich auch in den Aktienmarkt und in Kryptowährungen fließen. So lassen es User über Reddit verlauten. Die Plattform war im Hype um Gamestop für Anleger wichtig geworden. Dort haben sie im WallStreetBets-Forum ihre Strategie abgesprochen. Auch beim anstehenden Aktienboom dürfte die Plattform eine Rolle spielen. Wenn der "Stimmy" (also der Stimulus-Scheck) da ist, soll investiert werden, heißt es.

Neben der Gamestop-Aktie – die in den vergangenen Tagen bereits wieder auf über 200 Dollar hochgehandelt wurde – wollen die Reddit-User auch auf die Kinokette AMC setzen oder auf Silber-Aktien beziehungsweise Krypto-Assets. Gefragt ist derzeit auch der Kopfhöreranbieter Koss.

Mittlerweile häufen sich auch Schätzungen, wie viel vom Stimuluspaket in die Märkte fließen könnten. Die Deutsche Bank etwa geht laut "Handelsblatt" davon aus, dass 170 Milliarden Dollar aus dem Konjunkturprogramm in den Aktienmarkt fließen werden. Die Bank hat mehr als 400 Privatanleger gefragt, wie sie ihre Konsumschecks ausgeben wollen. Das Ergebnis: 37 Prozent möchten das Geld in Aktien stecken. Bei Anlegern im Alter zwischen 25 und 34 Jahren war der Enthusiasmus am größten. 50 Prozent von ihnen gaben an, die Hälfte ihrer Hilfen investieren zu wollen.

Würden nur Personen mit Onlinekonten dieses Geld für Aktien ausgeben, würden weitere 25 Milliarden Dollar in den Kapitalmarkt fließen. Das rechnet Parag Thatte, Stratege bei der Deutschen Bank, in einer Analyse vor. Wenn alle Empfänger der Stimulus-Schecks im gleichen Verhältnis Geld an der Börse einsetzten, würden sogar bis zu 150 Milliarden Dollar in die Aktienmärkte gepumpt.

Fondsvolumen steigt

Aber nicht nur Einzeltitel, auch Fonds sind bei den US-Anlegern gefragt. US-Aktienfonds haben zuletzt ebenfalls rekordverdächtige Zuflüsse von etwa 15 Milliarden Dollar pro Monat verzeichnet.

Die Experten von Goldman Sachs gehen ebenfalls davon aus, dass die größte Nachfrage nach Aktien in diesem Jahr von US-Haushalten kommen wird. Die Goldman-Analysten haben ihre Schätzung für die Netto-Aktiennachfrage – also das Geld, das zusätzlich in den Aktienmarkt fließt – von 100 auf 350 Milliarden Dollar angehoben.

Dass viele Menschen nun in den Aktienmarkt drängen, erklären Experten gerne auch mit der Pandemie. Weil die Leute viel Zeit zu Hause und am Computer verbringen, nähern sie sich auch den entsprechenden Handelsplattformen an. (Bettina Pfluger, 18.3.2021)