Für Hilfesuchende ist manchmal nicht so leicht zu erkennen, wer als professionelle Therapeutin arbeitet und wer nicht. Manche nutzen dies aus.

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Es ging sehr schnell. Zwei Jahre lang war Tanja K.* mit ihrem Mann verheiratet. Plötzlich bekam sie eines Tages unvermittelt eine E-Mail: Er müsse sich von ihr trennen, schrieb er. "Da ging der Horror meines Lebens los", sagt K.

Einige Monate später sitzt die 37-Jährige in einem Traditionscafé im niederösterreichischen Kurort Baden. Es ist der Ort, an dem vermutlich das Ende ihrer Ehe seinen Ausgang nahm. Ihr Mann begann eine Therapie bei Frau F*. Doch die war eigentlich gar keine Therapeutin – wie sich später herausstellen sollte. Mit ihr sollte er sein frühkindliches Trauma aufarbeiten. Jetzt macht K. die sogenannte Therapeutin dafür mitverantwortlich, dass ihr Leben und das ihres Ex-Mannes diese Wendung nahm.

Schleichende Entwicklung

Ursprünglich war es K. selbst, die wegen eines Burnouts – das erst später diagnostiziert wurde – zuerst bei Frau F. in Behandlung war. Eine Freundin habe sie empfohlen. Drei Jahre lang war K. dort. "Dann wurde mir bewusst, dass sie mir nicht hilft. Ich habe zu meinem Mann gesagt: Da stimmt etwas nicht", sagt sie. "Wenn etwas nicht stimmt, dann mit dir", habe der entgegnet.

Schleichend soll Frau F. sich dann zwischen K. und ihren Ex-Mann gedrängt haben. Bei einer Familienaufstellung sei die Situation eskaliert: "Sie hat mich beschimpft und vor anderen Klienten gedemütigt", sagt K. "So was Schlimmes habe ich noch nie erlebt." Zu diesem Zeitpunkt war K.s Partner bei Frau F. eingezogen. Trennungsgrund: K. sei von negativen Energien befallen, nur vier Jahre Therapie bei Frau F. könnten ihr helfen. "Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich nicht mehr an ihn herankomme." 30 Euro pro Sitzung habe sie abgelegt.

K. ist nicht allein. In den vergangenen Monaten konnte DER STANDARD mit vier weiteren Betroffenen und Angehörigen sprechen, die alle von ähnlichen Erfahrungen berichten. Bei allen hatte die "Therapie" bei Frau F. so starke Auswirkungen, dass Beziehungen abgebrochen oder gar Familien zerstört wurden. Nicht alle wollen ihre Geschichte in der Zeitung veröffentlicht wissen, zu fragil ist die wiederaufgebaute Beziehung zu Familienmitgliedern noch.

Was allen gemein ist: Sie gingen nicht nur geschädigt aus der "Therapie" heraus, sondern der Fokus der Probleme wurde immer auf ein Familienmitglied projiziert. Und: Viele waren in dem Glauben, dass es sich bei Frau F. um eine professionelle Psychotherapeutin handle.

Mehrere Berichte

Da wäre etwa die Geschichte von Leonie Z.*: Mit 19 war sie zum ersten Mal bei Frau F. und ging über Jahre hinweg immer wieder hin. Dann habe Frau F. eine Diagnose gestellt: mittelschwere Depression. Später war auch von Süchten die Rede, die Leonie plagen würden. Es folgte eine Familienaufstellung, bei der sie mit ihrer Mutter erscheinen sollte und bei der auch unangekündigt Branchenkollegen vor Ort waren. Z., die laut eigener Aussage mehrere Tausend Euro ausgab, glaubt, dass Frau F. nicht nur unprofessionell arbeite, sondern auch eine Gefahr für ihre Klienten darstelle. Ihre Erfahrungen resümiert sie so: "Ich brauchte eine Therapie von der Therapie."

Oder Jonas M.*: Seine Frau begann eine Therapie bei Frau F. zu einer Zeit, in der sich Schwierigkeiten in der Ehe auftaten. Auf Empfehlung habe sie angefangen, teure "Wässerchen" unter die Betten der Kinder zu legen. Bei den Sitzungen sei er "zum Schuldigen auserkoren worden", im Endeffekt sei auch er zu einer Therapie gedrängt worden. "Dort wurde ich sehr viel angeschrien", erzählt M. Es war die Rede von bösen Energien, es kam auch zu Hausbesuchen. Über 3.500 Euro habe M. persönlich ausgegeben, ohne zu wissen, welche Beträge seine Frau gezahlt hat. Irgendwann ging das Geld aus und die Ehe in die Brüche. M.s Ex-Frau zog mit den Kindern zu Frau F., wo sie zwei Jahre bleiben sollten. Heute leben die Kinder bei M.

Oder die Geschichten, die Hannes W.* erzählt: Sowohl seine Ex-Partnerin als auch eine Bekannte waren bei Sitzungen von Frau F. Auch er selbst nahm bei Familienaufstellungen teil. Was er dort beobachtete: "Frau F. hat extrem viel Einfluss genommen. Sie bestimmt das Leben der anderen. Es läuft immer alles auf Kontaktabbruch hinaus." Frau F. war für den STANDARD trotz mehrmaliger Anfragen nicht erreichbar.

Bekanntes Muster

Wie können so viele Personen dieser Masche erliegen? Wieso kann jemand wie Frau F. praktizieren?

"Frau F. steht stellvertretend für ein Muster, das uns immer häufiger unterkommt", sagt Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen. Schiesser ordnet die Gemeinschaften, die sich Personen wie Frau F. aufbauen würden, so ein: "Plakativ könnte man von Mini-Sekten sprechen. Es sind Guru-fokussierte Gemeinschaften, kleine Königreiche."

Eine andere Bezeichnung wäre: destruktiver Einpersonenkult. In den letzten Jahren bilden sich immer mehr derartige kleine Gruppen, bei denen eine Person eine Handvoll andere von sich abhängig macht, beobachtet die Beratungsstelle. Besonders die Methode der Familienaufstellung werde immer wieder manipulativ missbraucht. Oft würden sich Personen als Therapeuten ausgeben, seien aber in Wirklichkeit "Coaches" oder Humanenergetiker.

Berufsbild

Die Tätigkeit von Frau F. wird beschrieben als "Hilfestellung zur Erreichung einer (...) energetischen Ausgewogenheit, u. a. (...) mittels Interpretation der Aura, mittels Magnetfeldanwendung und unter Anwendung kinesiologischer Methoden". Oft werde die Tätigkeit so dargestellt, als handle es sich um eine professionelle Psychotherapie, meint Schiesser. Oft werden sogenannte Familienaufstellungen angeboten. "Diese Technik gehört nicht in die Hand von Laien. Da können traumatisierende Dinge aufgerührt werden."

Als Energetikerin braucht man lediglich einen Gewerbeschein. Als Therapeutin darf man sich trotzdem nicht ausgeben: Das hält die zuständige Bezirkshauptmannschaft fest, dies stelle eine Verwaltungsübertretung dar. Auch im Berufsbild der Wirtschaftskammer wird festgehalten: "Die Tätigkeit des Humanenergetikers stellt keine Heilbehandlung im Sinne einer Krankheitsbehandlung (Heilkunde) dar". Ärztliche Tätigkeiten, Gesundheitsberufe wie Physiotherapie, Massage Psychotherapie oder Psychologie sind ebenso ausgeschlossen wie Empfehlungen zu Arzneimitteln oder die Bereiche der Lebens- und Sozialberatung. Unter Letzteres fällt auch die Beratung und Betreuung von Menschen bei Persönlichkeits-, Ehe-, Berufs- oder Familienproblemen.

Extreme Versprechen

Der Wirtschaftskammer Niederösterreich (WK NÖ) ist Frau F. nach Beschwerden bekannt. Es habe "intensive Gespräche" gegeben, bei denen die Rechtslage verdeutlicht wurde. Seither habe man keine Beschwerden mehr erhalten. Ob Frau F. noch tätig sei, könne man nicht sagen, hieß es im Frühjahr. Vonseiten der Kammer gebe es jedenfalls "keine Tendenz" zu einer Forderung, das Gewerbe reglementieren zu wollen. Mittels Aufklärungsbogen müssten zudem alle Kunden über die erlaubten Tätigkeitsfelder informiert werden. Was man jedenfalls sagen könne: Der Beruf liegt im Trend, die Mitgliedszahlen gehen nach oben.

Darüber hinaus wird es für Betroffene schwierig, sich zu wehren, meint Schiesser, die schon mit vielen Beschwerden dieser Art zu tun hatte. "Da müsste schon Extremes versprochen worden sein – etwa Heilung von unheilbaren Krankheiten oder Vortäuschen von okkulten Kräften mit Absicht des Betrugs." Wenn es sich um Erwachsene handelt, sei es schwierig: "Der Berufsstand der Energetiker kann weitgehend unzensiert agieren."

Sie habe sich lange Vorwürfe gemacht, sagt Tanja K., wie sie darauf habe hereinfallen können. Jetzt wisse sie: "Es kann jeden treffen, wenn die andere Person nur weiß, welchen Knopf sie drücken muss." (Vanessa Gaigg, 15.6.2021)