"da liawe oede schdeffö!" gehört zu jenen Dingen, die einem Wiener ins Gemüt gehen.

Foto: Reuters / Lisi Niesner
wos an weana olas en s gmiad ged:
a faschimpöde fuasbrotesn
a finga dea wos en fleischhoka en woef kuma is
a giatlkafee met dischbost'
a schas med quastln
de muzznbocha med an nosnraumö oes lesezeichn
a schrewagatal en otagring
a gashau zum aufdran
a kindafazara wossaleichn foxln
a rodlbadii met dode
es gschbeiwlad fua ana schdeeweinhalle
und en hintagrund auf jedn foe:
da liawe oede schdeffö !

Was einem Wiener alles ins Gemüt geht – also in dem Gedicht von H. C. Artmann von 1959 –, davon gibt es vieles nicht mehr. Ein Gürtelcafé mit Tischpost – längst durch Tinder ersetzt; die Mutzenbacher (pornografischer Roman) mit einem Nasenrammel als Lesezeichen – höchstens im Antiquariat; Erbrochenes vor einem Trinkertreff – ja, aber keine Stehweinhalle mehr.

Die Liste der verschwundenen Dinge in dem (hier gekürzten) Gedicht wäre noch länger. Auch in der Artmann-Biografie von Michael Horowitz zum hundertsten Geburtstag des Dichters ist viel von verschwundenen Dingen die Rede: der proletarischen Vorstadtwelt von "bradnsee" (Breitensee), der berühmten Nachkriegsenklave von Künstlern und Intellektuellen rund ums Hawelka und den Strohkoffer, mit ihrer Ballung von dichtenden, malenden oder einfach nur schmähführenden Talenten.

Eine Avantgarde, die das spießige Wien jener Jahre in hasserfüllte Weißglut versetzte, bis hin zu bedrohlichen strafrechtlichen Verfolgungen wegen "Schmutz und Schund". Der Hass des "bodenständigen" Österreich sollte Artmann dann noch einmal spät in seinem Leben verfolgen. Ein gewisser Jörg Haider versuchte zu dem Dichter hinaufzupinkeln.

Einmaliges Biotop

Horowitz gelingt hier eine dichte Schilderung eines einmaligen Biotops, einer kleinen Schar von Progressiven und Provokateuren, im Habitus von einer Eleganz, die heute auch verschwunden ist. Artmann selbst erinnert sich, wie der Dichter Konrad Bayer die schönsten marineblauen Blazer hatte, der Maler Josef Mikl sich in Florenz die feinsten Schuhe machen ließ, die Maler Hubert Aratym und Wolfgang Hutter: "Zwei elegante Burschen. Wir haben damals alle ein armseliges Leben geführt – aber gepflegt und elegant war’ ma immer."

Ein Buch, knallvoll mit Anekdoten, bekannt und unbekannt, Nachrichten aus einer Welt, in der Österreich Avantgarde-Maßstäbe setzte. Talente zum Saufüttern. Die Liste ergäbe fast ein eigenes Buch. Man merkt Horowitz, der mit Artmann in seinen späten Jahren viele Gespräche führte, die Liebe zu dieser Welt an.

Artmann war, wie seine Witwe Rosa Pock im Buch sagt, "sprachbesessen". Er wird immer mit den Dialektgedichten identifiziert bleiben, aber er war auch ein Phantastischer Realist des Wortes: "Worte haben eine bestimmte magnetische Masse … sie sind gleichsam ‚sexuell‘, sie zeugen miteinander, sie üben Magie, die über mich hinweggeht …" (Hans Rauscher, 20.3.2021)