Man hatte es fast verlernt, das Warten. Und erst recht das Schlangestehen. Eher hing man endlos in der Warteschleife eines Callcenters, als sich die Beine in den Bauch zu stehen. Nur in Ausnahmefällen, nachts vor den Türen der Clubs, in der Postfiliale, vor Sneaker-Stores oder den Skiliften, wurde zu Stoßzeiten noch Däumchen gedreht.

Die Warteschlange ist zum festen Bestandteil des Corona-Alltags geworden.
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Ansonsten hielt sich die Warterei hierzulande in Grenzen. Während die Engländer das Queuing lange vor Corona perfektioniert haben und die Deutschen durchschnittlich sieben Minuten an der Supermarktkasse standen, bevor sie die Ellenbogen zum Vordrängeln ausfuhren, wartete man in Österreich gerade einmal drei Minuten, stellte eine Studie fest. Kein Wunder, unbürokratische Problemlösungen wurden hier immer großgeschrieben. Wurde die Schlange vor dem Förderband zu lang, konnte man sicher sein, dass irgendwer von hinten ein lautstarkes "Zweite Kassa, bitte!" nach vorne brüllte und das Problem einigermaßen schnell vom Tisch war.

Eventzone

Jetzt lehrt uns Corona Demut und Geduld: Warteschlangen sind wie die FFP2-Maske und der Sofaabend zum festen Bestandteil unseres Alltags geworden. Seit in den Geschäften verschärfte Abstandsregeln gelten (seit Anfang Februar: eine Person pro 20 Quadratmeter), ist man selbst in Einkaufsstraßen zum Warten verdammt. Es heißt, die Eitelkeit hintanzustellen und sich in die löchrigen Schlangen (zwei Meter Abstand!) einzureihen: Man wartet auf irgendwie alles, auf Kaiserschmarrn, Louis-Vuitton-Handtaschen, Zara-Fetzen, koreanische Würstel oder Antigentests.

Die sich ringelnden Reihen vor den Shops, sie erinnern an jene Bilder aus der Ölkrise, als man mit leeren Benzinkanistern vor den Tankstellen anstand, fast fünfzig Jahre ist das her. Und doch ist jetzt alles anders. Überlebenswichtig? Sind Kaiserschmarrn und Zara-Fetzen eher nicht. Vielmehr ist die Warterei in einer Zeit, in der gefühlt kaum etwas passiert, zum Ereignis geworden, die Innenstadt zur Event- und Begegnungszone – die Stadtplaner müssten eigentlich jubeln.

Auch die Frustration der Wartenden dürfte sich in Grenzen halten. Glich das Schlangestehen im Sozialismus einem Roulettespiel (Was gibt’s heute? Gibt’s überhaupt was?), endet das Anstehen hier und heute mit einem Instagram-tauglichen Erfolgserlebnis: mein erster Kaiserschmarrn to go, mein erster Kor-Dog. Es gibt wahrlich Schlimmeres. (Anne Feldkamp 22.3.2021)