Pornos dienen Abhängigen als Schutz vor Verlassenheitsgefühlen und Ängsten, aber häufig auch der Flucht aus der Isolation.

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Mehr Menschen schauen Pornovideos als Inhalte auf Streamingdiensten wie Netflix. Insbesondere in den letzten Jahren haben sie sich dabei zu einem weitverbreiteten Genussmittel entwickelt. Doch zu hoher Konsum birgt die Gefahr der Sucht, für Betroffene kann diese sowohl psychische als auch physische Schäden bedeuten. Trotz allem wird darüber kaum gesprochen, zu etabliert sind die Vorurteile, zu groß die Angst der Süchtigen, verurteilt zu werden.

Für betroffene Menschen bedeutet diese Stigmatisierung jedoch einen hohen Leidensdruck, denn die Sucht nimmt in ihrem Leben unverhältnismäßig viel Platz ein. "Es gibt den starken Drang zu einem bestimmten Verhalten, das sich hier in wiederholten, sehr intensiven sexuellen Fantasien äußert. Diese sind oft verbunden mit einem sehr hohen Zeitaufwand", erklärt Dominik Batthyány, der Leiter des Instituts für Verhaltenssüchte an der Sigmund-Freud-Privatuniversität im Gespräch mit dem STANDARD. Dies wirke sich auch nachteilig auf nicht-sexuelle Lebensbereiche wie den Beruf und Beziehungen aus.

Flucht in die Pornografie

Häufig haben Betroffene traumatische Beziehungsereignisse erlitten. In die Pornografie flüchten sie sich dann einerseits, um Intimität zu vermeiden, andererseits aber auf der Suche nach ebendieser. "Pornos dienen häufig auch dazu, der Isolation zu entkommen, Schutz vor Verlassenheitsgefühlen zu finden", sagt Batthyány. Während sie in ihrem sonstigen Leben also häufig schüchtern, zum Teil auch isoliert sind, finden Betroffene mit Pornos einen Bereich, in dem sie bestimmten Gefühlen Ausdruck verleihen können.

Ähnlich wie bei anderen Süchten besteht jedoch die Gefahr, dass ein immer intensiverer Impuls benötigt wird. Dies kann darin enden, dass man immer extremere Inhalte aufsucht. In manchen Fällen kann es deshalb sein, dass sich Betroffene sogar in illegale Bereiche begeben und womöglich Darstellungen von Kindesmissbrauch konsumieren, weil sie den Kick brauchen.

All das hat sich durch die Etablierung des Internets auf mehreren Ebenen verschärft. Die Inhalte sind nur wenige Klicks entfernt, die Suche anonymisiert, und schon im Jugendalter hat fast jeder ein Smartphone, über das entsprechende Videos konsumiert werden können. "Früher gab es Sexzeitschriften und pornografische Romane", sagt dazu Kornelius Roth-Schaeff, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin. "Heute sieht man vollständige Abläufe in Bild und Ton. Körperteile werden in Naheinstellung und in Übergröße projiziert, das alles in High Definition", erklärt der Mediziner die Entwicklung.

Fehlender Jugendschutz

Häufig würden Kinder und Jugendliche zudem auf Inhalte stoßen, obwohl sie das gar nicht wollen. Viele überfordere das, weil sie das Gesehene nicht einordnen können. Das spiegele sich auch darin wider, dass Süchtige immer jünger werden, sagt Roth-Schaeff. Teilweis handle es sich um Digital Natives, die im Internet sozialisiert wurden und in ihrer Jugend viel Zeit mit Pornos verbracht haben. "Später scheitern sie nicht nur in ihren Beziehungen, sie versagen in ihren Ausbildungen und Studiengängen."

Deshalb spricht er sich für sogenannte Pornofilter aus, um Kindern den Zugriff unmöglich zu machen. Zwar gibt es Kindersicherungen schon heute, zuverlässig sind diese jedoch selten. "Ich fände es gut, wenn Menschen die Möglichkeit hätten, beim Provider bestimmte Inhalte zu sperren, sagt Batthyány. Ähnliches forderte schon die türkis-blaue Vorgängerregierung, im Regierungsprogramm der türkis-grünen Koalition findet man Pläne für freiwillige Filter.

Zum Schutz der Jugendlichen heben die Psychologen jedoch insbesondere die Wichtigkeit einer stärkeren Sensibilisierung hervor. Ein Filter allein wäre nicht ausreichend, da er nur eine kleine Hürde darstellt, die technisch leicht umgangen werden kann.

"Am wichtigsten fände ich es, dass Menschen, die ein Problem haben, wissen, dass sie nicht alleine damit sind. Ich wäre froh, wenn es irgendwie gelingt, dass sie sich Hilfe suchen", hofft der Psychotherapeut. Eine Herangehensweise, die auch die Neurologin und Psychotherapeutin Heike Melzer teilt: "Es ist die Aufgabe der Eltern, Kinder aufzuklären und einen offenen Dialog zu suchen."

Kein offener Dialog

Gleichzeitig dürfe man laut ihr die triebgesteuerte Sexualität nicht grundsätzlich verteufeln. Während Therapeuten die schlechte Seite kennen würden, gebe es nämlich auch gute Aspekte. Zum Beispiel könne sie in Partnerschaften zu Abwechslung führen.

Ähnlich zu vielen anderen Süchten kann deshalb gesagt werden, dass auch bei der Sucht nach Pornografie die Dosis das Gift macht. Zudem entstehen durch die enorme Stigmatisierung und die daraus resultierende Scham weitere Risiken. Denn wenn sich Betroffene nicht trauen, Hilfe zu suchen, werden die Folgen immer schwerwiegender. Ein guter Anfang wäre also – sowohl für den Schutz der Jugend als auch für die Unterstützung Süchtiger – ein offenerer Dialog. (Mickey Manakas, Muzayen Al-Youssef, 23.3.2021)