Eigentlich wollte SOS-Kinderdorf auf Wunsch der Regierung 500 Kindern vor Ort in Lesbos helfen. Wegen der Corona-Pandemie sei das aber aktuell nicht möglich.

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Das von der Bundesregierung finanzierte Projekt einer SOS-Kinderdorf-Betreuungsstätte für geflüchtete Kinder auf Lesbos muss erneut einen Rückschlag hinnehmen. Corona-bedingt liegt die Betreuung der Kinder auf Eis, derzeit darf niemand das Camp Kara Tepe II auf der griechischen Ägäis-Insel verlassen. Das Angebot, 50 bis 100 Kinder in Österreich unterzubringen, sei aber noch immer aufrecht, wie SOS-Kinderdorf am Montag bekräftigte.

Zwischenzeitlich konnte SOS-Kinderdorf zumindest 30 Kinder aus Kara Tepe II, das als Ausweichlager nach dem verheerenden Brand des Camps Moria errichtet wurde, in einem bereits vorhandenen Tageszentrum betreuen. Die Kinder wurden dafür täglich mit dem Bus von Kara Tepe II in das bestehende Zentrum in Kara Tepe I gebracht. Aufgrund der verschärften Corona-Maßnahmen auf Lesbos dürfen die Geflüchteten nun jedoch das Camp nicht mehr verlassen. Zumindest sei aber Mitarbeitern von SOS-Kinderdorf derzeit noch der Zugang gestattet, so dass sie ein Mindestmaß an Betreuung und Information gewährleistet werden kann, hieß es seitens SOS-Kinderdorf auf APA-Anfrage.

Betreuung derzeit "nicht realistisch"

Eigentlich sieht das Projekt, dessen Unterstützung die türkis-grüne Regierung kurz vor Weihnachten bekannt gab, die Betreuung von rund 500 Kindern vor. Diese Zahl sei im Moment "nicht realistisch", sagte SOS-Kinderdorf-Geschäftsführerin Elisabeth Hause am Samstag in der ZiB 1. Es sei nicht auch nicht möglich, hier ein seriöses Datum zu nennen. Das Projekt ist seit Beginn mit Pandemie-bedingten Herausforderungen konfrontiert.

Hauser zeigte sich in dem Zib-Interview angesichts der "katastrophalen" Situation frustriert, der derzeitige Zustand sei nicht "menschenwürdig". Auch die Suche nach einem geeigneten Standplatz für einen Container für die Tagesbetreuungsstätte gestalte sich aufgrund der örtlichen Gegebenheiten sehr schwierig. Man könne aber stattdessen jederzeit 50 Kinder in Österreich unterbringen, nach einiger Zeit auch bis zu 100, bekräftigte sie ein schon früher geäußertes Angebot in Richtung Bundesregierung, das die ÖVP aber bisher ablehnte.

Regierung will "vor Ort helfen"

Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) erteilte dem Angebot auch diesmal wenig überraschend eine Absage. "Wir haben eine klare Linie, dass wir vor Ort helfen", sagte er am Montag am Rande des EU-Außenministerrates in Brüssel. Damit würden auch "sehr viel mehr Menschen erreicht." Gleichzeitig räumte er ein, dass die Situation auf Lesbos "unerträglich" sei und "in Wirklichkeit überhaupt keine Lager dieser Art auf europäischem Boden existieren sollten".

Dass das Projekt noch nicht seinen Soll-Status erreicht hat, sei vor allem der Pandemie geschuldet. "Auch wir sind unzufrieden mit der Situation vor Ort", so Schallenberg. Mit SOS-Kinderdorf arbeite man aber "sehr gut" zusammen.

Kritik von NGOs

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen Österreich kann das Schlagwort einer "Hilfe vor Ort" im Sinne der Bundesregierung indes offenbar schon nicht mehr hören. Die Nachricht, dass die Kindertagesstätte auf Lesbos nicht umgesetzt werden könne, komme nicht überraschend. Bereits bei der Verkündung des Plans habe man darauf hingewiesen, "dass diese neuerliche Ankündigung vermeintlicher 'Hilfe vor Ort' von den tatsächlichen Bedürfnissen und Notwendigkeiten in den griechischen Lagern ablenkt", so Ärzte ohne Grenzen Österreich am Montag in einer Aussendung. "Seit fünf Jahren ist die Situation eine Zumutung, trotz unzähliger Ankündigungen leben die Menschen immer noch im Schlamm, haben keine ausreichende medizinische Versorgung und nicht einmal ausreichend sauberes Wasser und Sanitäranlagen zur Verfügung." (APA, 22.3.2021)