Der Spargel steht im Marchfeld in den Startlöchern. Ihn zu stechen, tun sich die wenigsten Österreicher an.

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Wien – Mitte April startet im Marchfeld die Spargelsaison. Zeit, den Stangen beim Wachsen zuzusehen, lassen Supermärkte den Landwirten nicht. Frische Konkurrenz aus dem Ausland drängt herein. Wer im Handel nicht den Kürzeren ziehen will, muss seine Ernte um zwei bis drei Wochen vorverlegen. Folie um Folie spannen die Niederösterreicher über ihre Felder, um Spargel durch Temperaturmanagement bereits Anfang April auf seine ideale Länge zu trimmen. Kein Sonnenstrahl darf seine weißen Spitzen berühren. Blendend weiß muss der Spargel sein, zartrosa Verfärbungen goutieren Konsumenten nicht.

Der Aufwand für den frühen Anbau ist immens, die Arbeit personalintensiv. Es ist ein Job, bei dem Österreicher auf den Feldern dünn gesät sind. Im Vorjahr ließen Einreisebeschränkungen infolge der Corona-Krise viele Bauern um Personal aus dem Ausland bangen. Heuer bleiben Grenzen für Saisonarbeiter zwar unter Auflagen weitgehend geöffnet. Viele Landwirte fürchten dennoch, Teile ihrer Ernte aufgrund zu wenig helfender Hände zu verlieren. Ihnen fehlen vor allem Arbeiter aus Drittstaaten wie Moldawien, der Ukraine und dem Kosovo.

Geld und Arbeitsmoral

Österreich sieht heuer ein Kontingent von 3.056 Saisonarbeitskräften vor. Der Streit darum ist bereits entbrannt. Bauern fordern Nachverhandlungen. Landarbeiterkammern verweisen auf einen Pool an tausenden österreichischen Arbeitslosen in der Branche. Es ist ein altes politisch gefärbtes Spiel rund um Geld, Arbeitsbedingungen und Moral. Die Corona-Krise hat seine Regeln heuer einmal mehr verschärft.

Ob Spargel, Gurkerl oder Erdbeeren: Er könnte ein Buch über Plattformen für Erntehelfer schreiben, sinniert Klaus Hraby und erinnert an jüngste Versuche der Regierung, Österreicher für die Jobs auf dem Feld zu gewinnen. Der Chef des Eferdinger Gemüseverarbeiters Efko erzählt von sportlich gebauten Helfern, die nach zwei Stunden des Erdbeerpflückens ob ihrer Kreuzschmerzen den Rückzug antraten.

So profan es klinge: Auch Feldarbeit gehöre gelernt. Um für Bauern nicht zu einem Verlustgeschäft zu werden, genüge es nicht, drei Kilo Beeren pro Stunde zu klauben. Die Latte liege bei fünf Kisten zu je fünf Kilo. Und ein Arbeitstag währe in der Hochsaison zehn bis zwölf Stunden – und ende sicher nicht nach der Halbzeit mit einer Einladung zur zünftigen Jause.

Wunsch und Wirklichkeit

"Österreichische Arbeitslose machen diese Jobs nicht, da kann sich die Politik wünschen, was sie will", sagt Hraby, daran ändern seiner Ansicht nach auch höhere Löhne nichts. Zumal es mit 40-Stunden-Wochen ja nicht getan sei, was im Sinne der Erntearbeiter sei. "Für weniger als 60 Stunden kommt kein Ukrainer nach Österreich."

8,66 Euro sah der Kollektivvertrag für Landarbeiter im Vorjahr in Österreich im Schnitt vor. Heuer sind 8,97 Euro brutto. Bundesweit einheitlich geregelt sind die Löhne nicht.

Wer hierzulande Arbeit sucht, der gebe sich nicht mit auf wenige Monate befristeter schwerer körperlicher Arbeit unter freiem Himmel ab, sondern nutze diese Zeit lieber, um Jobs mit besserem Image zu finden, ergänzt Eva-Maria Gantar, Expertin für Obst- und Gemüseanbau in der Landwirtschaftskammer. Wer dennoch dazu gezwungen werde, falle nachvollziehbar nicht durch hohe Motivation auf.

Gewinner der Krise?

Für Karl Orthaber von der Gewerkschaft Pro-Ge liegt der Ball jedoch sehr wohl auch bei den Arbeitgebern: "Die Beschäftigung gehört attraktiver gemacht. Schließlich zählt die Landwirtschaft bis auf wenige Ausnahmen nicht zu den Verlierern der Krise." Über den Zusammenschluss der Dienstgeber etwa ließe sich die Saison für die Arbeiter übers Jahr gesehen erweitern.

Ein neues Landarbeitergesetz ab Juni sieht hier Verbesserungen vor. Die Novelle verspricht zudem strengere Richtlinien für Unterkünfte der Arbeiter. Immer wieder gibt es in der Branche Skandale rund um miese Quartiere, und sie halten diese ebenso in Atem wie Debatten um Schwarzarbeit und Hungerlöhne.

Schwarze Schafe

Im Vorjahr sorgte ein Salatbauer für Schlagzeilen, der seine Leute zu spät oder gar nicht bei der Sozialversicherung anmeldete. Statt der vereinbarten 40 Stunden die Woche arbeiteten viele das Doppelte. Geerntet hat der Betrieb hohe Nachzahlungen und verschärfte Kontrollen.

Ins Visier der Justiz geriet auch ein großer Spargelproduzent wegen des Verdachts auf Lohndumping und Elendsquartiere. Das Verfahren dürfte aber in Ermangelung juristisch haltbarer Aussagen im Sand verlaufen, erfuhr der STANDARD.

Werner Magoschitz, der Obmann der Marchfelder Spargelbauern, will schwarze Schafe nicht aus der Verantwortung entlassen. Sein Verein verpflichte Landwirte nun zu einem Sozialprogramm, das Standards für Unterkünfte der Arbeiter vorgibt.

Fehlende Kontrollen?

Efko-Chef Hraby verwehrt sich scharf dagegen, von systematischer Ausbeutung in der Landwirtschaft zu sprechen. Die genannten Fälle ärgerten ihn bis aufs Blut, sagt er. Bekäme er Ähnliches von seinen Lieferanten zugetragen, sei die Partnerschaft sofort beendet. Wer mit 180 Stundenkilometern auf der Autobahn überhole, bugsiere sich letztlich aber selbst aus dem Markt: "Im Wettlauf um Arbeitskräfte werden schwarze Schafe leer ausgehen."

Doch Kontrollen fehlen und seien in den Landesregierungen falsch angesiedelt, gibt Orthaber zu bedenken. Er sieht die Agrarmarkt Austria als zusätzliche Kontrollinstanz gefordert.

Wobei es auch hoch an der Zeit für einen schärferer Blick in die Lager- und Verarbeitungshallen wäre, in denen vor allem Zeitarbeiter Obst und Gemüse waschen und verpacken. Es sind vielfach an Migranten ausgelagerte Dienstleistungen. Österreicher klagen über schlechte Arbeitsbedingungen bei Amazon, meint ein Gemüselieferant. Die der Landwirtschaft nachgelagerten Billigjobs in vielen Lagern fielen hingegen unter jede Wahrnehmungsgrenze.

Arbeitsaufwand steigt

Ungelöst bleibt für viele Landwirte vorerst das Problem fehlender Saisonarbeiter aus Drittstaaten. In Niederösterreich gingen seit Jänner gut 2.000 Anträge ein, bewilligt wurden allein 550, rechnet Magoschitz vor. "Obwohl wir mit 60 Prozent den größten Anteil an Gemüseanbauflächen in Österreich haben." Oberösterreich erhielt 1.140 Anträge genehmigt, die Steiermark 557.

Hraby hält es für vernünftig, in Summe tausend zusätzliche Erntearbeiter aus Ländern außerhalb der EU zuzulassen. "Für den Staat wäre es kein Schaden." Denn Helfer aus Drittstaaten seien Nettozahler in die Sozialtöpfe, sie verbuchten keine Krankenstandstage, stellten keine Pensionsansprüche. Sie sind abhängig von einzelnen Betrieben, stellen Arbeitnehmervertreter jedoch ebenso klar. Das Wissen über ihre Rechte sei gering, die Angst, den Job zu verlieren, lasse viele Saisonkräfte widrige Arbeitsbedingungen dulden.

Mehr Jobs im eigenen Land

Warum finden viele Bauern mit dem bisherigen Kontingent nicht mehr das Auslangen? Erntepartien aus Ländern wie Ungarn, der Slowakei und Tschechien kommen abhanden, erläutert Gantar. Viele finden daheim lohnendere Beschäftigung. Die Pandemie, die Pendeln bürokratisch macht und erschwert, spielt ebenso mit herein. Auch viele Rumänen, Polen und Bulgaren bleiben zusehends lieber im eigenen Land.

Beim innereuropäischen Wettlauf hängt Deutschland Österreich vielerorts ab. Die Differenz bei den Lohnnebenkosten mache bis zu vier Euro pro Stunde aus, sagt Magoschitz. Beim Spargel summiere sich dieser Betrag pro Hektar auf gut 3.000 Euro. "Das kann man als Landwirt nicht so einfach wegstecken."

Zugleich steigt vielerorts der Personalbedarf auf Feldern und im Lager. Bioanbau bedeutet Verzicht auf Pestizide und folglich mehr Handarbeit. Auch Schönheit hat ihren Preis: Bei Lauch oder Radieschen etwa verlangen Händler Gemüse ohne äußere gelbe Keimblätter, was den Arbeitsaufwand erheblich erhöht.

Heikler Brokkoli

Hraby führt auch den Brokkoli ins Treffen, bei dem Iglo jüngst mit Importen aus Ecuador den Zorn der Konsumentenschützer auf sich zog. Dieser sei ein heikles Produkt. Sein Anbau erfordere viel Handarbeit, maschinelle Ernte sei nicht möglich. "Viele Kunden sind nicht bereit, die Mehrkosten zu zahlen." Erleben regionale Lebensmittel nicht gerade eine boomende Nachfrage? "Wir leben nach wie vor in einer Zweiklassengesellschaft", resümiert Hraby. Bei einem großen Teil der Lebensmittel zähle einzig und allein der Preis. (Verena Kainrath, 23.3.2021)