Die Gewalt in der äthiopischen Region Tigray hält an.

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Mekelle – Ein Team der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) hat nach eigenen Angaben beobachtet, wie äthiopische Soldaten in der nördlichen Region Tigray mindestens vier Zivilisten erschossen. Wie MSF mitteilte, ereignete sich der Vorfall im Norden Äthiopiens, an der Straße von Mekele nach Adigrat. Ein Fahrer der Organisation sei mit dem Tode bedroht worden.

Das MSF-Team kam offenbar in eine Situation, in der äthiopische Soldaten in einen Hinterhalt geraten waren. Bei einem Feuergefecht seien Soldaten verletzt und getötet worden, erklärte Karline Kleijer, Leiterin der MSF-Nothilfeprogramme. Äthiopische Soldaten hielten nach Kleijers Angaben ein MSF-Fahrzeug und zwei Kleinbusse an, die dahinter fuhren. Die Soldaten hätten die Insassen der Kleinbusse gezwungen, die Fahrzeuge zu verlassen, die Männer seien von den Frauen getrennt und dann erschossen worden.

Auch Helfer bedroht

Das MSF-Team durfte nach diesem Vorfall weiterfahren, wurde aber später erneut von Soldaten aufgehalten. "Sie zogen den MSF-Fahrer aus dem Fahrzeug, schlugen ihn mit einem Gewehr und drohten ihm mit dem Tod", erklärte Kleijer. Schließlich habe der Fahrer wieder ins Fahrzeug steigen und das Team die Fahrt fortsetzen dürfen.

Äthiopische Truppen hatten Anfang November eine Offensive gegen die in Tigray regierende Volksbefreiungsfront TPLF begonnen, die vor Abyis Amtsantritt 2018 die Geschicke des ganzen Landes geleitet hatte und seither mit diesem im Clinch liegt. Am Mittwoch legte die äthiopische Menschenrechtskommission (EHRC) einen Bericht vor, in dem eritreische Soldaten beschuldigt werden, ein Massaker an mehr als hundert Zivilisten in der Stadt Aksum begangen zu haben. Zuvor hatten bereits die Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch (HRW) die Ermordung hunderter Zivilisten in Tigray gemeldet.

Meldungen zu Massakern

Rund 60.000 Menschen flüchteten vor der Gewalt in den benachbarten Sudan. Gut drei Wochen später verkündete Äthiopiens Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed die Einnahme der Regionalhauptstadt Mekele und das Ende des Militäreinsatzes. Der Militäreinsatz wurde international scharf kritisiert, und entgegen den Worten Abyis ist er auch alles andere als vorbei. Immer wieder gibt es Meldungen zu Massakern in der Region. Beide Seiten sollen derartige Angriffe verübt haben, teils steht der Verdacht im Raum, es sei zu ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gekommen.

Ärzte ohne Grenzen gehört zu den wenigen Hilfsorganisationen, die in der Region tätig sind. Grund ist einerseits die äußerst gefährliche Lage in Tigray, andererseits aber auch die Entscheidung der Regierung in Addis Abeba, die Region weitgehend von der Außenwelt abzuschotten. Auch Telefon- und Internetverbindungen waren lange gesperrt, Letztere sind immer noch nicht wieder vorhanden. Daher ist es auch sehr schwierig, Meldungen aus Tigray zu prüfen. (red, APA, 25.3.2021)