Wie jedem Opfer der Seuche wird man auch Manfred Haimbuchner menschliches Mitgefühl nicht versagen und ihm Glück und baldige Genesung wünschen. Davon unberührt bleibt freilich die Tatsache, dass er sich mit seiner Flucht in die Krankheit als Unglücksfall für seine Partei profiliert hat. Welche Anstrengungen hat es deren Chefideologen Herbert Kickl in jahrelanger Aufopferung nicht gekostet, Glaubwürdigkeit aufzubauen – als Innenminister zu Pferd, als Gesundheitsapostel zu Fuß. Auf der Jesuitenwiese war’s, wo er nach Freiheit lechzende Bürger zu einem einig Volk von Maskenverächtern zusammenschmolz, an deren gusseisernem Immunsystem ein Virus, erfunden von einer tyrannischen Regierung, nur zuschanden werden kann. Und dann Haimbuchner! Versuche, der Partei nach Heinz-Christian Strache endlich zu einer keimfreien Klientel zu verhelfen, schon im Ansatz konterkariert! Man kann das nicht anders als parteischädigend bezeichnen, und nur außerhalb der FPÖ darf man Haimbuchner zubilligen, dass er nichts dafürkann.

Herbert Kickl hat im Plenum Bundeskanzler Sebastian Kurz zum sofortigen Rücktritt aufgefordert.
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Wenn Kickls Befehlsausgabe "Wir alle haben ein intaktes Immunsystem" Parteiprogramm sein soll, dann könnte es nur eine logische Konsequenz geben – Parteiausschluss! Die FPÖ muss eine kerngesunde Partei bleiben, wie man sie schon seit ihren Gründervätern kennt. Jetzt soll es heißen: Gesundheit ist Pflicht. Hart wie Hofer, zäh wie Kickl, schnell wie Schnedlitz!

Kollektive Führungslosigkeit

Doch gleich gerät alles wieder durcheinander. Der Generalsekretär will nicht mehr auf das intakte freiheitliche Immunsystem schwören, plötzlich gibt es in der FPÖ weit und breit keinen Skeptiker, der schwere Verläufe anzweifelt. Nur die fehlende Verhältnismäßigkeit der Regierungsmaßnahmen habe man kritisiert. Und Haimbuchner habe sich nicht bei der Babyparty angesteckt, sondern bei der Arbeit im Landtag. Und natürlich sei es gefährlich, wenn sich viele Menschen vereinigen. Wenn das alles zusammengenommen keine guten Gründe sind, dass freiheitliche Abgeordnete auch künftig ohne Masken an den Sitzungen des Nationalrates teilnehmen, was dann? Oder ist demnächst Kickl reif für einen Ausschluss, wegen Gesundheits- und sonstiger Gefährdung der Partei?

Erst Mittwoch hat er im Plenum den Bundeskanzler zum sofortigen Rücktritt aufgefordert. Er und seine Partei würden schön schauen, sollte Sebastian Kurz der Aufforderung folgen. Dass bei den folgenden Neuwahlen die FPÖ in ihrem derzeitigen Zustand mit jenem Zuspruch rechnen könnte, den sich Kickl auf der Jesuitenwiese zusammenbasteln will, ist unwahrscheinlich. Die derzeitige kollektive Führungslosigkeit zeigt erst, was für ein Staatsmann der FPÖ mit Strache verlorengegangen ist. Aber keine Angst, Kurz denkt ohnehin nicht an Rücktritt.

Was zum versprochenen Vergleich mit Angela Merkel führt. Den sollte man, nicht zuletzt nach deren vorösterlichem Eingeständnis eines Fehlers, der möglicherweise gar keiner war, aus wohlverstandenem Patriotismus vielleicht doch lieber unterlassen. Wie soll man die Fehleranfälligkeit der deutschen Kanzlerin auch sinnvoll mit der genetisch vorprogrammierten Unbeflecktheit des österreichischen Kanzlers vergleichen? Es ist dieser Unterschied, der die eine abtreten, den anderen verharren lässt. Und sei es nur, um der FPÖ mehr Zeit zur Erholung zu geben. (Günter Traxler, 25.3.2021)