Im Alterswerk werden die Reisen von Peter Handkes Helden kürzer – aber auch in nur einem Tag auf der Straße kann sich ein Leben ändern.

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Niemand schimpft so schön wie der Autor Peter Handke, weil niemand dabei die Welt so genau beobachtet wie er. Dem Erzähler seines neuen Buches Mein Tag im anderen Land passt nichts an der Welt oder "Schöpfung", wie er sie leicht entrückt nennt: nicht die Tenorstimmen und nicht die Bassstimmen, die mit den Adlernasen genauso wenig wie die mit den Stupsnasen, und besonders nicht alle die "ohne besondere Merkmale", diese "raumverdrängende Mehrheit auf Erden". Er mag auch nicht die stinkenden Birnenblüten, nicht die zu dünnen Stängel des Klees, die keine Hummel tragen können, und erst recht nicht die "berechenbaren" Spiralen fallenden Laubs. "Maul halten!", herrscht er sogar Amseln an. Hinter dem Zetern steckt also eine tiefe Liebe und Weltzugewandtheit.

Sie wurde ihm bloß nie leicht gemacht. Seit seiner Kindheit gilt er als "von Sinnen" und von Dämonen besessen, daher der Titel der gewohnt groß bedruckten 90 Seiten: Kinder beäugen ihn, und Ältere fürchten skeptisch, seine Schimpferei könne ins Gemetzel umschlagen.

Ein typischer Kandidat

Ein typischer Kandidat also für eine von Handkes Verwandlungsgeschichten, wie er sie zuletzt in Das zweite Schwert exerzierte, als er seinen Helden auf eine Irrfahrt durchs Pariser Umland schickte. Im Alterswerk werden die Reisen von Handkes Helden scheinbar kurz, auch binnen nur eines Tages kann sich ein Leben schon verändern. Von Paris ist nun aber keine Rede, sondern von einem Dorf. Einmal mehr klingt in diesem Blick zurück die Familiengeschichte Handkes an: Obstgärtner war der Erzähler einst, und Boskoop, Jonathan und Gravensteiner nannte er seine Leibspeisen. Inzwischen ist er Autor. Auch die Bücher haben Abscheu gegen ihn geweckt, als "etwas für unsere Region Fremdes, gar Anmaßendes, wenn nicht Macht Behauptendes, und zwar eine falsche, eine gefälschte Macht".

So weit nichts Neues, kann man notieren, doch das macht nichts. Je länger man liest, umso mehr wird auch dieser Band die poetologische Bekräftigung eines Lebenswerks.

Von einer Wanderung kommt der Namenlose also verändert heim. Nicht nur während Corona kann ein Tapetenwechsel Wunder bewirken. Plötzlich kommen gesungene "Besänftigungen" aus ihm. Dieser Franz von Assisi betört nun Bisamratten und Eidechsen. Menschen pilgern auch zu ihm und erhalten als Lohn mit einem "dämonischen Ruck" geäußerte, sie durchschauende Sätze.

Biblische Wunder stehen Pate

Was ist geschehen? Ein christliches Wunder, möchte man meinen! An einem See ist er einer Gruppe von Fischern begegnet, ohne Gestank, "eher bloß so verduftet" fahren die Dämonen dabei aus ihm heraus. Reißerischer wird es nicht mehr, bevor es zu biblisch wird, schwenkt Handke aber ins Weltliche: Ein mitfühlendes Anschauen hat dem Außenseiter zur Rettung gereicht, und über den See geht es nicht per pedes, sondern per Motorboot ins titelgebende "andere Land".

Der Verlockung der Pfade entsagend, hält er sich auf den asphaltierten Straßen. So wird er keinem einzigen Pilz begegnen! Nicht einmal Blumen schaut er an, um sich nur von Bildern anfliegen zu lassen. Zum interesselosen Schauen selbstverpflichtet, wird der Augenwinkel zum höchsten der Sinnesorgane; und erblickt als ersten Menschen ein Kind, das erste Schritte tut. Wir nehmen die symbolische Fracht gelassen, geht es doch andererseits heiter zu: Er muss ein Allerweltsgesicht haben und wird in Folge mit Skispringern und Priestern verwechselt. Der Tag gipfelt in einem großen Abendessen unter Fremden.

Es kommt dank der Handke eigenen Unwahrscheinlichkeiten zusammen, was eigentlich in getrennten Sphären schwebt. Handke beschwört die Vielgestalt, die Menschen innewohnt: von Einsamkeit zu Souveränität, von Macht zu Demut. Das Fremdsein und die Fremdheit sind Schlüssel zur Erneuerung. Den Grimmigen verändert, dass er auf seiner Wanderung als ein anderer denn der seit jeher Punzierte wahrgenommen wird. Er grüßt alle, und sie grüßen ihn, und alles ist gut.

Erlaubnis zur Wut

Bis zum kurzen dritten Kapitel. Dort wacht der Sanftgewordene Jahre später eines Nachts auf. "Keine Angst", liest er seinem Jesus frappierend ähnelnden Spiegelbild von den Lippen ab: "Mag ja sein, (...) das unausrottbar Widerständische im Wesen ist eine Krankheit, aber die ist auch gesund, und macht gesunden (...) nicht allein dich. Ohne ihn, ohne sie, ohne es wird nichts." Da nimmt der ehemalige Obstbauer und Dichter sich selbst in die Arme.

Es wird also weiter geschimpft werden. Aus der Zeit gefallen, verschnarcht oder zu wohlmeinend? Iwo! Selbst wenn, hat man die 90 Seiten zügig durch – und ist betört. Es braucht den Widerspruch auch dieses Menschenbilds. (Michael Wurmitzer, 27.3.2021)