Einige Fußball-Nationalmannschaften lassen sich von über 6.000 toten Gastarbeitern und grässlichen Arbeitsbedingungen in Katar nun zu Protest-T-Shirts bewegen.

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Kopenhagen – Deutschlands Fußball-Teamchef Joachim Löw und sein Spieler Joshua Kimmich haben sich gegen einen Boykott der Fußball-WM 2022 in Katar ausgesprochen, die jüngste Menschenrechts-Aktion des DFB-Teams aber verteidigt. "Ein Boykott hilft niemanden. Man kann mit so einem Turnier Aufmerksamkeit in der ganzen Welt erzeugen und Dinge in die Richtige Richtung bringen", sagte Löw am Samstag.

Auch Kimmich hält einen Verzicht auf das Turnier im umstrittenen Golf-Emirat für kontraproduktiv. "Generell bin ich der Meinung, dass wir für einen Boykott zehn Jahre zu spät dran sind", sagte der Bayern-Profi angesichts der lange zurückliegenden Vergabe des Turniers an Katar durch den Weltverband FIFA. "Im Fußball hat man die Chance, auf Dinge hinzuweisen. Da sehe ich nicht nur uns in der Pflicht, sondern auch andere Teile der Bevölkerung", sagte Kimmich.

Die deutschen Spieler hatten am Donnerstagabend vor dem Anpfiff gegen Island Shirts mit Buchstaben getragen, die gemeinsam das Wort "Human Rights" bildeten. Allerdings wurde auch Kritik laut: Der gute Grundgedanke der Aktion werde durch ein Marketingvideo verwässert und beschädigt, äußerten mehrere Nutzer im Internet. Löw betonte, die Aktion sei "aus Eigeninitiative" der Spieler entstanden und nicht wie behauptet auf Geheiß des Verbandes. "Nicht alles, was beim DFB oder der Nationalmannschaft passiert, ist negativ", sagte er.

Norwegen legt nach

Am gleichen Tag nutzte Norwegens Team die WM-Quali-Bühne neuerlich. Erling Haaland und Co. präsentierten vor dem Spiel gegen die Türkei in Malaga weiße Shirts mit dem Aufdruck: "Human rights – On and off the pitch" (Menschenrechte – auf und neben dem Platz). Außerdem waren Norwegen und Deutschland darauf mit einem Haken versehen, darunter stand "Next?" – wer folgt als nächstes? Dazu hatten die Spieler ihre linke Hand mit fünf abgespreizten Fingern erhoben.

Die Antwort gaben zeitgleich die Niederländer, die bei einem Modellversuch vor 5000 Zuschauern in Amsterdam auf Lettland trafen. Auf den Shirts der Oranje-Spieler war der Slogan "Football Supports Change" ("Fußball unterstützt Wandel") zu lesen, der eine gleichnamige Kampagne einleiten soll. An der Kampagne beteiligt sich auch Dänemark, weitere Mannschaften sollen folgen.

"Fußball sollte Wandel unterstützen"

Der Slogan war auch auf Armbinden zu sehen. "Wir tragen diese Binden, um Freiheit, Toleranz und Inklusion zu unterstützen. Der Fußball sollte Wandel unterstützen. Auch in Katar. In Katar wollen wir Weltmeister werden, aber nicht, ohne über den Tellerrand zu schauen", hieß es in einer Erklärung der neuen Bewegung. Der niederländischen Verband KNVB erklärte, schon 2010 in Opposition zum WM-Gastgeber Katar gegangen zu sein.

Die Begegnung in Amsterdam war indes auch auf dem Feld eine besondere: Geleitet wurde die Partie von Schiedsrichterin Stephanie Frappart aus Frankreich, die als erste Frau weltweit ein Spiel der WM-Qualifikation der Männer pfiff. Am Sonntag wird zudem Katerina Monsul (Ukraine) die Partie zwischen Österreich und den Färöern leiten.

Auch Dänemark dabei

Proteste zur Unterstützung der Arbeiter in Katar wird es am Sonntag auch von der dänischen Nationalmannschaft vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen die Republik Moldau geben. "Die Spieler haben entschieden, auf die Notwendigkeit von Änderungen in Katar hinzuweisen", teilte der dänische Verband mit.

Katar steht bei Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International seit Jahren wegen der Ausbeutung von Gastarbeitern in der Kritik. Der englische Guardian hatte kürzlich berichtet, dass seit der WM-Vergabe an das Emirat 2010 mehrere Tausend Menschen auf Stadion-Baustellen gestorben sind. (APA, red, sid, 27.3.2021)