Als Ausgangswirt im Verdacht: die Fledermaus. Direkt soll sie den Menschen aber nicht angesteckt haben, glaubt die WHO.

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Peking/Genf – Schon seit Wochen verzögert sich seine Veröffentlichung, doch nun ist ein Entwurf jenes Berichts an die Öffentlichkeit gelangt, in dem Expertinnen und Experten im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Ursprünge des Coronavirus beleuchten sollen. Das Papier, über das die Nachrichtenagentur AP am Montagvormittag berichtete, ist offenbar bereits jene Version, die der Öffentlichkeit in einigen Tagen präsentiert werden soll. Später berichtete auch die AFP über das Papier, nannte es aber eine "fertige Version".

Weil sich die Veröffentlichung so lange verzögert hatte, gab es zuletzt einige Spekulationen, wonach Peking noch Einfluss auf den Inhalt nehmen wolle. Das, was dem Entwurf zu entnehmen ist, bietet allerdings nur wenige Überraschungen.

Zwischenwirt wahrscheinlich

Konkret haben sich die Expertinnen und Experten vier Theorien angesehen und sie nach ihrer Wahrscheinlichkeit gereiht: Auf Rang eins sehen sie die Übertragung von einer Tierart auf eine weitere und von dort aus auf den Menschen; es folgen: die Übertragung von einer Tierart direkt auf den Menschen; eine Ansteckung des Menschen über Viren auf Tiefkühlprodukten; und schließlich, und damit am unwahrscheinlichsten, die Theorie eines Laborunfalls.

Wieso man die Theorie eines sogenannten Zwischenwirts für die wahrscheinlichste hält? Die Gruppe nennt dafür vor allem genetische Hinweise. Alls bisher bekannten engen Verwandten von Sars-CoV-2 seien in Fledermäusen gefunden worden. Allerdings betrage die "evolutionäre Distanz" zwischen diesen und dem auf den Menschen übergesprungenen Virus mehrere .Jahrzehnte. Daher sei davon auszugehen, dass sich der Krankheitserreger in einem anderen, noch unbekannten Tier weiterentwickelt habe. Sehr ähnliche Viren seien etwas bereits in Schuppentieren entdeckt worden. Da aber auch etwa Katzen und Nerze das Virus aufnehmen könnten, seien auch diese als Zwischenwirte denkbar.

Ursprungsort Huanan-Markt in Wuhan nicht belegt

Nicht ausschließen wollte das Team offenbar auch, dass das Virus über Gefrierprodukte eingeschleppt worden sei. Man habe Berichte der chinesischen Behörden untersucht, die Sars-CoV-2 nach Ausbruch der Pandemie außen an der Verpackung von Gefrorenem gefunden hatten. Die WHO kommt zum Schluss, dass die Übertragung des Virus auf diesem Weg vermutlich möglich, aber wahrscheinlich nicht der Auslöser für die Pandemie sei.

China hatte diese Theorie stets betont, weil sie einen Ursprung der Seuche außerhalb des eigenen Landes wahrscheinlicher machen würde. Die WHO-Expertinnen und -Experten schreiben dazu in ihrem Bericht, dass der Huanan-Markt in der Stadt Wuhan wirklich jener Punkt gewesen sei, an dem Sars-CoV-2 erstmals aufgetreten sei, könne nicht mit Sicherheit bestätigt, aber auch nicht ausgeschlossen werden. Man halte es aber für möglich, dass das Virus bereits vor den bekannten Ausbrüchen eine Weile zirkuliert sei und dabei vor allem mildere Fälle ausgelöst habe.

Die Idee, dass das Virus aus einem Labor, etwa dem nahegelegenen Wuhan Institute of Virology, entkommen sei, sieht der Bericht als unwahrscheinlich an. Von den vier Erklärungsvarianten ist diese auch die einzige, bei der die WHO keine weiteren Nachforschungen empfiehlt. Auch mehrere Genetiker hatten bisher stets betont, dass das Erbgut des Virus nicht so aussehe, wie eines, das man im Labor gezielt erzeugen würde.

WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus wollte sich am Montag noch nicht zu Einzelheiten äußern. Er betonte aber mehrfach: "Alle Hypothesen sind auf dem Tisch und müssen weiter untersucht werden." US-Außenminister Anthony Blinken meldete schon vor der tatsächlichen Veröffentlichung Zweifel an. Die USA hätten "ernste Bedenken" zum Berichte, vor allem was die Methodologie betreffe, teilte er mit. Dazu zähle, dass "die chinesische Regierung offenbar dabei geholfen hat, ihn zu schrieben", wie er auf CNN sagte.

Spannungsgeladene Reise

Die WHO-Expertenreise nach China war im geopolitischen Umfeld mit den Spannungen zwischen den USA und China von Anfang an höchst heikel. Der frühere US-Präsident Donald Trump etwa sprach vom "Wuhan-Virus" oder "China-Virus" und warf China vor, die weltweite Ausbreitung nicht rechtzeitig gestoppt zu haben. Peking war deshalb umso mehr darauf bedacht, zu verhindern, als Urheber der Pandemie an den Pranger gestellt zu werden. So hat China den Besuch der unabhängigen Experten monatelang hinausgezögert. Um die Teilnehmer und das genaue Arbeitsprogramm wurde ewig gefeilscht.

Team-Leiter Peter Ben Embarek räumte jedoch "spezielle Arbeitsbedingungen" ein. "Die Politik stand immer im Raum", sagte der dänische Wissenschafter der Zeitschrift "Science". "Wir hatten zwischen 30 und 60 Kollegen, und viele von ihnen waren keine Wissenschafter, nicht aus dem Bereich öffentliche Gesundheit." Das WHO-Team umfasste 17 Experten, die die Arbeit teils aus dem Ausland unterstützten. (APA, red, 29.3.2021)