Richard Stallman steht wieder in der Kritik.

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Eines ist unumstritten: Als Gründer der Free Software Foundation (FSF) und des GNU-Projekts spielte Richard Stallman vor allem in früheren Jahren eine wichtige Rolle für die Verbreitung freier Software. Jenseits dieses Basiskonsenses wird es dann aber schon schwieriger – war Stallman doch parallel dazu immer wieder mit äußerst problematischen Aussagen aufgefallen. Das Fass zum Überlaufen brachten schlussendlich im Jahr 2019 seine Wortmeldungen zur Epstein-Affäre, in der er sich öffentlich für seinen, der Vergewaltigung bezichtigten, Freund Marvin Minsky stark machte. Das 17-Jährige Opfer habe sich dem 73-Jährigen aller Wahrscheinlichkeit nach (unter dem Druck von Epstein) "vollständig willfährig präsentiert", formulierte es der FSF-Gründer. Dies löste innerhalb der Open-Source-Welt eine Debatte aus, in deren Folge Stallman seine Position als FSF-Chef abgab – sich dabei aber als Opfer von "Missverständnissen und Fehlcharakterisierungen" wähnte.

Überraschende Wendung

Angesichts dieser Vorgeschichte kam vor einigen Tagen eine Ankündigung der Free Software Foundation ziemlich überraschend: Stallman kehre an die Spitze der Free Software Foundation zurück, teilte das Projekt mit. Offenbar hoffte man, dass über die Vorwürfe mittlerweile ausreichend Gras gewachsen wäre. Eine Einschätzung, mit der man sich aber grob vertan hat, wie die Reaktionen nun zeigen.

Scharfe Kritik

In einem offenen Brief fordern tausende Open-Source-Verfechter den umgehenden Rücktritt von Stallman. Jemand mit seinen Sichtweisen, habe an der Spitze einer solch wichtigen Organisation nichts verloren. Was man damit meint, führt man an einigen Beispielen aus. Zitiert werden etwa seine immer wiederkehrenden Bemerkungen zu Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen oder auch zum Thema Kinderpornografie. Dabei betonte er etwa, dass es "keinerlei Beleg für die verbreitete Meinung gebe, dass eine freiwillige Teilnahme an Pädophilie Kindern schade".

Die Kritiker werfen Stallman zudem frauenfeindliche Auftritte vor, weshalb er in den letzten Jahren kaum mehr zu großen Open-Source-Konferenzen eingeladen wurde. Zudem werden ihm transphobe Positionen sowie Äußerungen, in denen er schwangeren Frauen empfiehlt, Kinder mit Down-Syndrom abzutreiben, vorgeworfen.

Unterstützer

Die Gegenreaktion ließ nicht lange auf sich warten: Recht bald nach dem Protestbrief entschlossen sich auch Unterstützer von Stallman dazu, einen offenen Brief zu verfassen. In diesem versichern ebenfalls tausende Unterzeichner, dass man nicht untätig zusehen werde, während eine "Ikone der freien Softwarebewegung" von einem "Mob" angegriffen werde. Seine Aussagen würden oft missverstanden, zudem hätten sie aber auch nichts mit seiner Fähigkeit, die FSF anführen zu können, zu tun. Prominente Unterstützer oder gar Organisationen aus der Open-Source-Welt sucht man bei den Supportern allerdings vergebens.

Das ist bei den Stallman-Kritikern anders: Mittlerweile fordern zahlreiche Organisationen und Firmen aus dem Open-Source-Umfeld einen erneuten Abgang des FSF-Gründers. Dazu zählen etwa der Browserhersteller Mozilla, der Linux-Desktop Gnome, das Tor-Projekt oder die hinter Libre Office stehende Document Foundation. Auch die Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) sowie die Distributoren Red Hat und Suse fordern Stallman zum Rücktritt auf. Bei Red Hat belässt man es auch nicht bei Worten, sondern kündigt in einem Eintrag am Firmenblog an, dass man die eigenen Zahlungen an die FSF sowie das Sponsoring aller von der FSF veranstalteten Events umgehend einstelle. Suse-Chefin Melissa Di Donato spricht auf Twitter von einer "abscheulichen" Entscheidung der FSF.

FSFE übt Kritik

Und selbst innerhalb der Free Software Foundation ist man in dieser Frage gespalten. So zeigt sich die Free Software Foundation Europe (FSFE) öffentlich enttäuscht und betont, dass man nicht in den Entscheidungsprozess eingebunden war. Gerade angesichts dessen, da es bei Stallman keinerlei Anzeichen eines Denkprozesses oder auch nur eines Bedauerns seiner Äußerungen gebe, sei die Entscheidung unverständlich. Bei der FSF zeigt man sich von all dem bislang weitgehend unbeeindruckt. Zwar verspricht man, den Wahlvorgang für Mitglieder des Vorstands künftig transparenter gestalten zu wollen, zur Kritik an Stallman äußert man sich aber nicht. Genau genommen wird sein Name in den aktuellen Stellungnahmen der FSF nicht einmal erwähnt. (apo, 29.3.2021)