Heute Nachmittag, in der Wohnung meines besten Freundes. Zuerst sitze ich auf seinem Sofa, dann auf seinem Bett. Lasse mir von ihm seine neueste Kamera erklären. Während er die Objektive tauscht, bewunderte ich wieder einmal die Einrichtung: Alles an diesem Zuhause ist von einer so lässigen Schönheit, dass es einem als Style-Aficionado fast das Herz zerreißt. Welche "Neue", denke ich, wird das je zu würdigen wissen? Und erst den Mann selbst: talentiert, lustig, gutaussehend, souverän. Wieso, fragen die Leute gerne, seid Ihr bloß BFFs (best friends forever)?

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Ja, warum eigentlich? Weil man sich seit hundert Jahren kennt. Alles voneinander weiß. Zu lange auf anderen Schauplätzen zugange war — und als es dann irgendwann möglich gewesen wäre: zu spät. Inzwischen hat man viel zu viel zu verlieren. Man kommt ja kaum mit sich selbst aus. Und beste Freunde? Die wachsen definitiv nicht auf Bäumen.

Jung, frei und Single

Angeblich soll die Aus-Freundschaft-wird-heiße-Nummer für andere funktionieren. Man hört immer wieder davon. Ich starte eine kurze Rundfrage: "Wir sind einfach nicht sexuell befreit genug", erklärt Rita via Facetime in Berlin. "Ich beobachte hier, dass jüngere Generationen das viel pragmatischer sehen." Viele von ihnen fänden Tinder viel zu anstrengend. Setzten stattdessen auf Kuscheln und gelegentliche "sleep overs" unter Verbündeten. Kann es sein, dass wir, also die Generation von Wickie, Slime und Piper, soziokulturell verhindert sind? Stichwort: katholische Beichte, Sünde und Eros, antrainierte Hoffnung auf das Happy End mit geordneter Kleinfamilie.

"So ein Arrangement ist definitiv möglich. Allerdings darf auf keiner Seite Liebe im Spiel sein, nur das pure Vergnügen", betont unser Nachbar aus dem dritten Stock in Wien. Der Gute spricht aus Erfahrung — und nennt seine Spezialvereinbarung "meine Rettung im ewigen Lockdown".

Dean Martin & Supertramp

Sex unter guten Freunden, das scheint der Städtetrip auf dem Kontinent der Erotik zu sein. Einmal Easyjet nach Barcelona, zwei Nächte im Viersternehotel (Rabattangebot!). Keine Überraschungen, Entspannung garantiert. Mit Altbewährtem auf der sicheren Seite. Warum nicht? Es gibt auch genügend Österreicher, die sich im Ausland lieber Wiener Schnitzel als Tintenfisch-Paella bestellen. Das ist wie mit Musik von Dean Martin und Supertramp: Gute Songs funktionieren auch auf neuem Terrain.

Ach ja: Die beste Freundin vom Nachbarn aus dem dritten Stock ist jetzt übrigens schwanger. So etwas nennt man dann wohl nicht mehr Spezialvereinbarung, sondern einen klassischen Corona-Unfall. (Ela Angerer, RONDO, 18.4.2021)

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