Bevor wir in die Tastatur hauen, wäre es keine schlechte Idee, tief durchzuatmen.

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"Beiß ins Gras", schreibt ein engagierter Kommentator. Den wohl nur bedingt mit Bedacht gewählten Todeswunsch setzt er als Antwort auf einen Beitrag bei einem Youtube-Video ab. Ein anderer Nutzer hatte sich darüber geärgert, dass in dem Video oberhalb für seinen Geschmack zu viele Witze über Veganer gefallen waren.

Die Interaktion ist ein Sinnbild für das Internet in Zeiten der Pandemie. Gut, nun könnte man argumentieren, Hasskommentare gibt es dort spätestens, seit es soziale Medien gibt. Doch Corona, die ständigen Lockdowns, die damit verbundenen Ängste und die stete Abgeschiedenheit – das trifft uns alle. Das zeigt sich nirgendwo sonst so offensichtlich wie in unserer Debattenkultur. Wir sind ein bisschen angespannter, müder, aber vor allem auch wütender geworden.

Man denke an Diskussionen über den Übeltäter, das Virus per se: Schlussendlich ist es doch sowohl nachvollziehbar, strengere Beschränkungen zu fordern, weil unser Gesundheitssystem sonst droht, an seine Grenzen zu geraten – wie auch, von den Maßnahmen ausgebrannt zu sein und daher Lockerungen zu fordern. Anstatt uns mit Respekt zu begegnen, scheint es bei Debatten im Netz aber unvermeidlich, das Ziel niederträchtiger, polarisierter Untergriffigkeiten zu werden, die jede Wortmeldung in Schwarz und Weiß einordnen.

Kein Zuckerschlecken

Wir alle haben den wohl einsamsten Winter unseres Lebens hinter uns, und ein Blick auf die Infektionszahlen und die schleppenden Impfraten offenbart, dass auch der Rest des Jahres kein Zuckerschlecken sein wird. Und das noch unbedacht der langfristigen Folgen der Pandemie.

Vielleicht sind wir an dem Punkt angelangt, an dem wir uns wieder in Erinnerung rufen sollten: Auf der anderen Seite sitzt immer noch ein Mensch mit Gedanken und Gefühlen, der genauso von der Situation gezeichnet ist wie wir. Bevor wir in die Tastatur hauen, wäre es keine schlechte Idee, tief durchzuatmen – und sich kurz vorzustellen, selbst in dem Tonfall angesprochen zu werden, in dem die eigene Nachricht verfasst wurde. Dann können wir hoffentlich wieder etwas besonnener miteinander umgehen. (Muzayen Al-Youssef, 29.3.2021)