Dieser Mann erhält in Victoria, der Hauptstadt der Seychellen, seine Dosis "Covishield".

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Es wäre ein Weltrekord gewesen. Nur noch Tage sollte es dauern, sagte Wavel Ramkalawan Anfang März der Nachrichtenagentur AP, dann werde sein Land die Herdenimmunität gegen Covid-19 erreichen. Der Staatspräsident der Seychellen lag mit seiner Einschätzung etwas daneben.

Auch jetzt noch, Ende März, werden auf der Inselgruppe im Indischen Ozean neue Ansteckungen registriert. Was die Seychellen erreicht haben, ist dennoch beachtlich: Der afrikanische Archipel hat mit 30. März rund 65 Prozent seiner Bevölkerung mindestes einmal geimpft. Das ist der weltweit beste Durchimpfungswert.

"Freunde, die uns lieben"

Zu verdanken hat das Land diesen Erfolg wohl mehreren Faktoren: zum einen der recht geringen Einwohnerzahl von knapp unter 100.000 Menschen, zum anderen seiner strategisch wichtigen Lage.

Oder wie es Vanessa Lesperance vom medizinischen Führungsstab der Seychellen ausdrückte: "Wir haben viele Freunde, die uns lieben." Konkret sind das, prosaischer ausgedrückt, jene Staaten, die an Einfluss auf die Inselgruppe interessiert sind: China, Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie überschlugen sich zuletzt geradezu an Großzügigkeit. Indien, das für andere Länder Vakzinausfuhrbeschränkungen erließ, schenkte dem Archipel 50.000 Dosen Covishield, die in Indien hergestellte Lizenzvariante des Astra-Zeneca-Serums. 40.000 weitere Dosen verkaufte man. Geliefert wurde im Februar, und zwar in unmissverständlicher Geste: via Flugzeugträger.

Inseln in bester Lage

Die Vereinigten Arabischen Emirate, deren starker Mann, Kronprinz Mohammed bin Zayed, häufig sein Anwesen auf den Seychellen besucht, sandten ebenfalls 50.000 Geschenksdosen. Sie stammten, um das Trio komplett zu machen, von Chinas Hersteller Sinopharm.

Die Geschichte der Impflieferungen auf die Seychellen: Sie ist ein weiteres Beispiel für die geschickte Schaukeldiplomatie, mit der die Inselgruppe – die seit 2014 von der Weltbank als Land mit hohem Einkommensniveau geführt wird – ihre geografische Lage nutzt. Schon seit Jahren etwa liefert Delhi, das den Indischen Ozean als seinen strategischen Raum sieht, Rüstungsmaterial. Dreimal stellte sich Indien seit 2000 mit geschenkten Patrouillenbooten ein, zweimal mit Überwachungsflugzeugen. Seit 2001 gibt es alle zwei Jahre gemeinsame Manöver. Und immer wieder erinnert Delhi an die indischen Wurzeln, die etwa zehn Prozent der Einwohner haben. Pläne für eine Marinebasis stoppte die 2020 neu gewählte Regierung der Seychellen dennoch.

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China wiederum sieht das Gebiet als Teil der "Perlenkette" im Ozean, die als Meeresäquivalent der Neuen Seidenstraße geführt wird und Häfen und Seewege als Handelsrouten öffnen soll. Bei seinem Peking-Besuch im Jänner erhielt Präsident Ramkalawan von Chinas Außenminister Wang Yi die Zusage für eine Spende von elf Millionen US-Dollar. Sie sollen in Projekte für erneuerbare Energie fließen, so heißt es jedenfalls in dem Abkommen. Vor allem aber in die Bewusstseinsbildung, dass es auch andere Partner als Indien gibt.

Die Masken fallen nicht

Der Dritte im Bunde, die Emirate, halten über die Staatsairline Etihad Anteile an der Fluglinie Air Seychelles. Sie haben also Interesse an einem Wiederaufleben des Tourismus. Das teilen sie mit dem Staat selbst, der zuletzt 368 Millionen Dollar an Einnahmen verloren hat.

Angesichts der Impfrate denkt man nun wieder ans Aufsperren. Bei Einreisen ist seit 25. März nur noch ein 72 Stunden alter negativer PCR-Test nötig. Eine Quarantäne gibt es nicht mehr. Wohl aber gelten auch im Urlaub die üblichen Regeln: Abstand, Masken, Hygiene. Sie könnte man erst lockern, "wenn und sofern die Welt bei der Impfrate zu uns aufschließt", wie Sanjeev Pugazhendi vom Gesundheitsministerium des Landes laut Meldungen sagt – keineswegs eine Gewissheit. (Manuel Escher, 31.3.2021)