Vater und Sohn zu Pferd: Idris Elba und Caleb McLaughlin (v. li.).

Netflix/AP

In Philadelphia gibt es Straßen, in denen sich ein merkwürdiges Bild darbietet: Vor einigen Häusern stehen Autos, vor anderen aber sind Pferde angeschirrt, als wäre es ganz normal, entweder das eine oder das andere zu haben. Die Besitzer der Rösser verstehen sich als Cowboys, jedoch urbane Cowboys, sind also im Grunde an einem Ort, an den sie nicht gehören. In Ricky Staubs Film Concrete Cowboy werden sie mit Beton assoziiert, in Greg Neris Romanvorlage ist von einem Ghetto Cowboy die Rede. Man könnte auch an John Schlesingers New-Hollywood-Film Asphalt-Cowboy denken. In jedem Fall geht es um eine aussterbende Kultur.

Concrete Cowboy erzählt die Geschichte von Cole (Caleb McLaughlin), einem jungen Mann, der in der Schule wieder einmal Mist gebaut hat. Seine Mutter bringt ihn von Detroit nach Philadelphia, wo sein Vater lebt, mit dem er bisher nichts zu tun gehabt hatte. Er findet ihn "bei den Ställen". So nennen die Leute im Norden von Philadelphia die Pferdezucht in der Fletcher Street, in einer Gegend, die von der Immobilienwirtschaft noch nicht erreicht wurde, die aber jederzeit auch in die Hände von Investoren und Entwicklern fallen kann.

Aneignung eines Mythos

Für den Moment aber sind die Ställe so etwas wie ein prekäres Idyll, ein Ort, an dem sich eine afroamerikanische Community ein zentrales Element der amerikanischen Mythologie angeeignet hat. Denn Cowboys stehen für Freiheit und Unabhängigkeit, für das Gegenteil von Starbucks an jeder Ecke.

Die Pferde und die Ställe haben auch noch eine therapeutische Funktion. Cole lernt beim Ausmisten, was es heißt, eine Aufgabe zu erledigen. Er lernt dann auch mit Boo, einem Pferd, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. Von seinem Vater Harp darf er nämlich nicht allzu viel erwarten. Der ist meistens kurz angebunden, außerdem ist bei ihm daheim nie etwas zu essen im Kühlschrank. Kein Wunder, dass Cole sich bald auf die Seite von Smush (Jharrel Jerome) schlägt, einem Freund von früher, der meint, er könnte im Drogenhandel ein großes Ding durchziehen.

Schematisch

Die Rolle von Harp wird in Concrete Cowboy von Idris Elba gespielt, bekannt geworden als charismatischer Großdealer in der Serie The Wire. Ihm ist es vor allem zu verdanken, dass der junge Autor Ricky Staub hier Regie führen konnte bei einem Projekt, das vielleicht sogar als Dokumentarfilm besser funktioniert hätte. Denn die Spielfilmhandlung ist schematisch, es geht offensichtlich vor allem darum, eine Kultur zu zeigen, die für gefährdete Männer eine positive Alternative zu Schießereien und Gefängnis darstellt. Als Harp endlich einmal mehr hören lässt als nur ein paar dürre Worte, wird es gleich ein wenig pathetisch: die Nummer I Wish I Knew von John Coltrane dient als Schlüssel zu dem vertrackten Verhältnis zwischen Vater und Sohn.

Vergleiche mit The Wire liegen nicht nur der geografischen Nähe zwischen Baltimore und Philadelphia wegen nahe, sondern auch der thematischen: Concrete Cowboy verzichtet aber gerade auf den quasi soziologischen Blick der Serie und bescheidet sich als sympathischer Indie-Film. (Bert Rebhandl, 1.4.2021)