Es könnte nun schnell gehen: Am Mittwoch veröffentlichten Biontech und Pfizer erste Ergebnisse einer Studie zur Wirksamkeit und Sicherheit ihres Covid-19-Impfstoffes bei Zwölf- bis 15-Jährigen. Der Impfstoff habe demnach eine 100-prozentige Wirksamkeit, die Nebenwirkungen in dieser Altersgruppe seien vergleichbar mit denen bei 16- bis 25-Jährigen.

Noch sind die Ergebnisse nicht durch unabhängige Wissenschafterinnen und Wissenschafter begutachtet. Kommende Woche wollen die Hersteller die Studienergebnisse aber bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) und der US-Zulassungsbehörde FDA einreichen. Im Sommer rechnen Expertinnen und Experten mit einer Zulassung für diese Altersgruppe. Doch welche Rolle spielt die Covid-19-Impfung für Kinder?

Die Biologie eines Achtjährigen sei nicht mit der Biologie eines 18-Jährigen zu vergleichen, sagt der Kinderinfektiologe Volker Strenger. Dosisfindungsstudien für Kinder unter zwölf Jahren seien deshalb wichtig.
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Nach derzeitigem Forschungsstand erkranken Kinder weniger schwer an Covid-19. In der Regel haben sie keine oder nur milde Symptome. "Ich halte die Impfung für einen Großteil der Kinder für weniger dringend als für ältere Menschen", sagt der Kinderinfektiologe Volker Strenger von der Medizinischen Universität Graz.

Wichtig für Herdenschutz

Trotzdem würden auch Kinderärztinnen und Kinderärzte auf eine schnelle Zulassung hoffen. Denn: Ohne sie lässt sich eine Herdenimmunität innerhalb der Bevölkerung wohl nur schwer erreichen – in Österreich gibt es 1,28 Millionen Kinder unter 15 Jahren. "Um die Pandemie zu durchbrechen, wäre es wünschenswert, wenn auch sie geimpft werden können", sagt Strenger.

Bald ist es, so hoffen Medizinerinnen, mit dem bloßen Zuschauen vorbei. Denn auch für Kinder wäre eine Impfung grundsätzlich wichtig.
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Es gibt aber sehr wohl auch Kinder, die selbst ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. Darunter fallen beispielweise Patienten und Patientinnen mit Herzfehlern, angeborenen neurologischen Erkrankungen oder schweren Lungenerkrankungen. Auch zu ihrem Schutz, sagt Strenger, braucht es die Impfung.

Von einem Off-Label-Use, also einer Verwendung außerhalb der Zulassung, raten das Nationale Impfgremium (NIG) und die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ), deren Mitglied Strenger ist, derzeit aber ab. "Dafür ist noch zu viel nicht geklärt", sagt Strenger.

"Kinder sind keine kleinen Erwachsenen"

Neben der Frage der Wirksamkeit und Verträglichkeit fehlt das Wissen über die notwendige altersabhängige Dosierung der Impfstoffe. Das Präparat von Biontech/Pfizer ist bisher ab 16 Jahre zugelassen, alle anderen Impfstoffe ab 18 Jahre.

"Kinder sind aber keine kleinen Erwachsenen", sagt Strenger. "Die Biologie eines Achtjährigen ist nicht mit der Biologie eines 18-Jährigen zu vergleichen." Wichtig werden deshalb die Ergebnisse der Dosisfindungsstudien für Kinder unter zwölf Jahren sein, mit denen neben Biontech und Pfizer auch die Hersteller Moderna und Astra Zeneca kürzlich begonnen haben.

Schützt die Impfung bei Kindern hinreichend vor einer Infektion, würde sie laut Strenger vermutlich auch vor dem sogenannten PIM-Syndrom schützen. Experten und Expertinnen gehen davon aus, dass von 1.000 infizierten Kindern ein Kind an der seltenen Entzündungsreaktion erkrankt. "Wenn die Maßnahmen zurückgenommen werden und sich mehr Kinder anstecken, könnte es sein, dass wir mehr Fälle sehen werden", sagt Strenger.

Gleichzeitig stelle sich die Frage, ob die Impfung bei Kindern nicht eine ähnliche Reaktion auslösen könnte – Daten gibt es dazu noch keine. Strenger hält es für notwendig, dass diese Frage vor dem breiten Einsatz geklärt wird.

Impfbereitschaft der Eltern

Wird die Impfung zugelassen, stehen viele Eltern vor der Entscheidung: Lasse ich mein Kind impfen, obwohl es nur eine geringe Wahrscheinlichkeit hat, schwer zu erkranken?

Laut Strenger wird dafür entscheidend sein, ob und welche Impfreaktionen auftreten. Um die Impfbereitschaft unter Eltern zu erhöhen, brauche es dazu gute Daten und Informationen. (Eja Kapeller, 2.4.2021)