Der Campus der Axum-Universität wurde vorübergehend zum Unterschlupf für Vertriebene.

Foto: REUTERS/Baz Ratner

Sie sind nicht mehr einfach nur Zahlen in der Berichterstattung über den blutigen Konflikt, sondern Todesopfer mit Namen und einem Gesicht: Forscher der belgischen Universität Gent haben rund 1.900 Menschen identifiziert, die in mehr als 150 Massakern in Äthiopien umgebracht wurden. Die Täter waren Soldaten, Milizionäre oder Aufständische in der nördlichen Region Tigray, um die seit November gekämpft wird.

Das älteste identifizierte Opfer war mehr als 90 Jahre alt, die jüngsten waren Kleinkinder. Ihre Namen wurden auf Twitter veröffentlicht.

Es ist das erste Mal, dass die Gewalt in dem afrikanischen Land so umfassend dokumentiert wurde. Dadurch könnte sich der internationalen Druck auf Premierminister Abiy Ahmed erhöhen, der frühere Berichte als übertrieben oder fabriziert zurückgewiesen hatte. Im vergangenen Monat hat Abiy zumindest zum ersten Mal von der Möglichkeit von Kriegsverbrechen gesprochen, in dem Zusammenhang aber relativiert, dass Krieg nun einmal eine "schmutzige" Angelegenheit sei.

Millionen auf der Flucht

Seine Regierung in Addis Abeba hatte im November eine Militäroffensive in Tigray gestartet, um für "Recht und Ordnung" zu sorgen. Sie richtete sich gegen die Tigray People's Liberation Front (TPLF), jene Partei, die zu dem Zeitpunkt in der Region an der Macht war – und bis 2018 auch das ganze Land kontrolliert hatte, obwohl die Volksgruppe der Tigray nur etwa sechs Prozent der Bevölkerung Äthiopiens ausmacht. Zuvor war eine Militärbasis der äthiopischen Streitkräfte überfallen worden – laut TPLF, um einem ohnehin geplanten Angriff der Armee zuvorzukommen. Die TPLF-Führung verließ in weiterer Folge die Provinzhauptstadt Mekelle, und es wurde eine Interimsregierung eingesetzt, die Addis Abeba treu war.

Doch die Kämpfe und Übergriffe hörten nicht auf. So kam es erst vor kurzem wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen rund um Selekleka, eine Stadt inmitten der Provinz Tigray. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass in den vergangenen Wochen zehntausende Menschen in die Städte der Provinz geflohen seien und nun unter widrigen Bedingungen in leerstehenden Häusern und vor allem in Schulgebäuden hausten. Viele von ihnen wurden demnach bereits mehrfach vertrieben. Insgesamt befinden sich rund zwei Millionen Äthiopier auf der Flucht, vier Millionen brauchen Hilfe.

Gewalt im März

Die Forscher der Uni Gent dokumentierten 20 Massaker allein im vergangenen Monat, wobei sie ein solches als Tötung von mindestens fünf Menschen definieren. Darin enthalten sind 250 Zivilisten, die über drei Tage hinweg in Humera getötet wurden – aus der Region wird prinzipiell über ethnische Säuberungen berichtet. Die Vereinten Nationen berichteten im März von mehr als 500 gemeldeten Vergewaltigungen in fünf Kliniken in Tigray.

Der Leiter der Untersuchungen, der Geograf Jan Nyssen, bezeichnete die Ermittlungen zu dem Bericht im Gespräch mit dem "Guardian" als "Kriegsdenkmal". Einzelpersonen sollten dadurch nicht vergessen werden, Kriegsverbrechen untersucht werden. Für den Bericht führten er und sein Team mehr als 2.000 Telefonate und rund 100 Zeugenbefragungen, die weiter in die Tiefe gingen.

Massaker durch Soldaten

Die Expertinnen und Experten kamen zu dem Schluss, dass mehr als 90 Prozent der Opfer männlich waren und nur drei Prozent der getöteten Zivilisten durch Luftschläge oder Artilleriebeschuss umgekommen waren. In rund 14 Prozent der Fälle sagten Zeugen, dass äthiopische Soldaten für die Tötungen verantwortlich gewesen seien, in rund 45 Prozent eritreische Streitkräfte, die an ihrer Seite gegen die TPLF kämpfen. Von äthiopischen und eritreischen Truppen gemeinsam wurden laut Zeugenaussagen 18 Prozent der Tötungen verübt, fünf Prozent sollen die Schuld von paramilitärischen Einheiten gewesen sein. Die Forscherinnen und Forscher sind sich aber einig, dass es auch Unsicherheiten in der Schuldfrage gibt und in einigen Fällen nicht klar ist, wer Zivilisten getötet hat.

Untersuchungen der BBC gemeinsam mit Bellingcat und Newsy legen nahe, dass äthiopische Soldaten für Hinrichtungen im Jänner verantwortlich waren. Journalistinnen und Journalisten der Medien analysierten fünf Videoaufnahmen, die im März auf Social Media auftauchten. Darauf zu sehen sind Männer in Uniform, die Unbewaffnete mit vorgehaltenen Waffen an den Rand einer Klippe zwingen, sie erschießen und ihre Leichen über den Rand werfen. Anschließend machen sie sich über die Toten lustig. Mindestens 15 Männer sollen getötet worden sein. Konfrontiert mit den Erkenntnissen, erklärte die äthiopische Regierung, dass Postings in sozialen Medien keine Beweise darstellten, die Region aber für "unabhängige Untersuchungen offen stehe". (Bianca Blei, 2.4.2021)